Rezension über:

Daniel Stinsky: International Cooperation in Cold War Europe. The United Nations Economic Commission for Europe, 1947-64 (= Histories of Internationalism), London: Bloomsbury 2021, xi + 343 S., 14 s/w-Abb., ISBN 978-1-3501-6903-6, GBP 90,00
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Rezension von:
Andreas Weiß
Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Weiß: Rezension von: Daniel Stinsky: International Cooperation in Cold War Europe. The United Nations Economic Commission for Europe, 1947-64, London: Bloomsbury 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 4 [15.04.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/04/36076.html


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Daniel Stinsky: International Cooperation in Cold War Europe

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Daniel Stinskys Buch International Cooperation in Cold War Europe beschäftigt sich mit der United Nations Commission for Europe (ECE), insbesondere mit der Vor- und Frühgeschichte und Arbeitsweise dieser Wirtschaftskommission. 1947 gegründet, sollte sie als Regionalorganisation der Vereinten Nationen die Grundlage für den Wiederaufschwung Europas nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs durch die Förderung des Handels in Europa, auch zwischen West- und Osteuropa, schaffen; eine Aufgabe, der sie sich bis heute widmet. Im Zentrum der historischen Arbeit steht dabei der Blick der ECE auf die europäische Integration als gesamteuropäisches, blockübergreifendes Unternehmen. Auf eine kurze Einleitung folgen drei, annähernd chronologisch aufbauende Kapitel, bevor ein Epilog das aus einer Maastrichter Dissertationsschrift hervorgegangene Buch abrundet. Im zweiten Kapitel zu den intellektuellen Ursprüngen und zur Gründungsgeschichte der ECE betont Stinsky immer wieder die Bedeutung der Vorarbeiten des Völkerbundes für die Produktion ökonomischen Wissens in der ECE. Ebenso hebt er den erfolgreich umgesetzten Wunsch der kleinen und der neutralen Staaten um 1945 hervor, in der Organisationsstruktur der ECE das Übergewicht der USA auszugleichen. Hier gerät seine Beschreibung allerdings immer wieder in Konflikt zu dem Befund, dass sich die USA nicht am Völkerbund beteiligt hatten, aber in der Nachkriegsordnung Europas eine wesentliche Rolle spielten, und, wie Stinsky selbst immer wieder aufzeigt, finanziell und politisch den europäischen Staaten an Einfluss deutlich überlegen waren. Kapitel 3 beschäftigt sich dann mit der ersten Hochphase des "Kalten Kriegs" bis zu Stalins Tod 1953, die auf westlicher Seite von einem zunehmenden Anti-Kommunismus der USA geprägt war. Die Großmächte USA und UdSSR und auch Großbritannien standen dabei aus unterschiedlichen Gründen der ECE immer wieder skeptisch gegenüber. Andere Staaten betrachteten die Organisation aber als Reserveinstitution, um gegebenenfalls den Gesprächsfaden zwischen den Blöcken wieder aufnehmen zu können. Hier wird auch schon die Rolle weiterer Organisationen der (west-)europäischen Integration, wie die Organisation for European Economic Co-operation, der Vorläufer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEEC/OECD), diskutiert. Das vierte Kapitel bildet - schon allein vom Umfang her - mit knapp 100 Seiten den Schwerpunkt der Studie. Im Mittelpunkt stehen Konkurrenz und Kooperation der ECE mit anderen (Sub-)Regionalorganisationen, sei es im Kontext der Vereinten Nationen, sei es im Globalen, wobei der Schwerpunkt auf den europäischen Organisationen in Ost wie West liegt. So untersucht Stinsky die Beziehungen zur OEEC/OECD, zum Europarat, zur Montanunion, zum Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe und zum Europarat, aber auch zu weiteren UN-Regionalorganisationen. Im Abschnitt zur Montanunion arbeitet er die Bedeutung der ECE für die Frühphase der Europäischen Gemeinschaft für Kohle- und Stahl heraus, besonders personelle Kontinuitäten und inhaltliche Vorarbeiten. In einem längeren Epilog wendet er sich sodann dem Fortwirken der ECE in der Zeit der Détente der 1960er und 1970er Jahre zu, vor allem der personellen und technischen Unterstützung, die der ECE im Rahmen der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zukamen. Die statistischen Abteilungen der ECE widmeten sich besonders der Bereitstellung von Datenmaterial; auch da im internationalen Kontext development als Begriff an Bedeutung gewann. [1] Abgeschlossen wird die Arbeit dann von einer konzisen Zusammenfassung der entscheidenden Entwicklungsschritte der ECE.

Auffällig ist die häufige Zitation Gunnar Myrdals, des ersten Leiters der ECE; in Teilen handelt es sich eigentlich um eine Arbeit über dessen Rolle in der ECE, weniger um eine Institutionengeschichte, da die konkrete Organisationsstruktur ziemlich blass für ein Buch dieser Art bleibt. [2] Dies liegt sicher auch an dem beklagten Mangel an Sitzungsprotokollen. Doch greift Stinsky an anderer Stelle durchaus zu Memoiren, Interviews und Biografien, um deren Geschichte zu belegen; hier hätte sich der Rezensent eine plastischere Darstellung der alltäglichen Arbeit der Wirtschaftskommission gewünscht.

Auch bettet Stinsky seine Befunde zu wenig in aktuelle, breitere Debatten ein. Er weist, sicherlich zu Recht, auf die Bedeutung der Vereinheitlichung der Regularien für den Kühltransport von Lebensmitteln für die veränderten Essgewohnheiten hin. (133) So zitiert er einen Sammelbandaufsatz von 1987, ohne dessen Quintessenz zu anderen Arbeiten über die Veränderung von Konsumgewohnheiten, den steigenden Wohlstand in der Nachkriegsgesellschaft oder das Wechselverhältnis von Politik, Gesellschaft und technischer Normsetzung in Beziehung zu setzen. [3] Ebenso hätten die Positionen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und ihrer Nachfolger stärker herausgearbeitet werden können, da die Kommission im Außenhandel ebenfalls eine vermittelnde Position zwischen Ost und West einnahm.

Bei dem hohen Preis des Buches hätte sich der Rezensent ein besseres Lektorat, das die häufigen inhaltlichen Redundanzen und inkonsistenten Fußnoten bereinigt hätte, und ein schöneres Druckbild gewünscht. Ebenso irritiert, dass die Kapitelstruktur etwas unentschieden zwischen abgeschlossenen Kapiteln und klassischem Langtext variiert. Auch die für angelsächsische Verlagshäuser typische Reduktion des Umfangs der Fußnoten beeinträchtigt in diesem Falle die Nutzung des Buches. So wird Stinsky in der Debatte um das Inland Transport Committee die Möglichkeit genommen, auf weiterführende Literatur zu diesem Komplex zu verweisen, die er an anderer Stelle aufführt. Nichtsdestoweniger handelt es sich bei der Studie um einen wichtigen Beitrag, der die friedensstabilisierende Rolle einer Regionalorganisation im "Kalten Krieg" herausstellt und damit der Frühgeschichte aus der Perspektive von Internationalen Organisationen die verdiente Aufmerksamkeit schenkt.


Anmerkungen:

[1] Dieser Umschwung ist deutlich eurokritischer von Hongler untersucht worden. Vgl. Patricia Hongler: Den Süden erzählen. Berichte aus dem kolonialen Archiv der OECD (1948-1975), Zürich 2019.

[2] Trotz dieses Fokus auf Myrdal entgeht Stinsky immer wieder Literatur, die für seine Argumentation durchaus von Interesse wäre. Vgl. etwa zur Frage der UN-Regionalorganisationen und der persönlichen Prägung in der Entwicklungs-Debatte z. B. Andrés Rivarola Puntigliano / Örjan Appelqvist: Prebisch and Myrdal: Development Economics in the Core and on the Periphery, in: Journal of Global History 6 (2011), 29-52, ein Text, der übrigens darauf eingeht, warum Myrdal die ECE dann wieder verließ - eine Information, die bei Stinsky fehlt. Myrdal fand, dass sein politischer Aktionsradius zu sehr eingeschränkt wurde, und suchte daher keine Verlängerung seines Arbeitsvertrages; vgl. ebd., 39.

[3] So zum Beispiel Andreas Fickers / Pascal Griset: Communicating Europe. Technologies, Information, Events, London 2019.

Andreas Weiß