Rezension über:

Alexander Jendorff: Virtus, Merkur und Moneten. Adeliges Unternehmertum und die Transformation der alteuropäischen Eliten (= Wirtschafts- und Sozialgeschichte des modernen Europa/ Economic and Social History of Modern Europe; Bd. 6), Baden-Baden: NOMOS 2021, 408 S., ISBN 978-3-8487-7798-3, EUR 84,00
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Rezension von:
Wilfried Reininghaus
Senden-Bösensell
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Wilfried Reininghaus: Rezension von: Alexander Jendorff: Virtus, Merkur und Moneten. Adeliges Unternehmertum und die Transformation der alteuropäischen Eliten, Baden-Baden: NOMOS 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/03/36250.html


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Alexander Jendorff: Virtus, Merkur und Moneten

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Das anzuzeigende Buch erhebt einen hohen Anspruch. Es will einen Handlungsrahmen schaffen für Forschungen über die Rolle adeliger Unternehmer in Alteuropa. Solche Untersuchungen, die keine Gesamtdarstellungen, sondern Problemaufrisse sind, wären früher Prolegomena genannt worden. [1] Inspiriert durch "Anzeichen dafür, dass die durchökonomisierte Postmoderne schon jetzt erstaunliche Ähnlichkeit mit der vormodernen Welt aufweist" (5), schlägt Jendorff einen Bogen bis zu Karl Theodor von Guttenberg und Donald Trump (341-343). Bisweilen geht er auch zurück bis in die Frühzeit der griechischen Polis im 8. / 7. Jahrhundert v.Chr. (19 f., 138). Räumlich nimmt er nicht nur Mitteleuropa in den Blick, sondern auch England, Osteuropa und vor allem Spanien samt der Kolonien in Amerika.

Wie setzt Jendorff dieses ambitionierte Vorhaben um? Er startet die Einleitung (Kap. 1, 11-36) mit einem Zitat aus dem "Westfalenlob" des Kölner Kartäusermönchs Werner Rolevinck aus dem späten 15. Jahrhundert. Rolevinck kritisierte den fehdelustigen niederen Adel. Daran knüpft Jendorff die Beobachtung, dass die Adeligen ökonomisch gespalten waren, weil sie über unterschiedliche ökonomische Ressourcen verfügten. "Die Wahrnehmung und die Bewertung der ökonomischen Aktivitäten des Adels und der zugrundeliegenden Ethik" oszilliere "auffällig zwischen privilegiertem, dabei gesellschaftsschädlichem Prekariat, ökonomischer Unfähigkeit und Anpassungsunwilligkeit einerseits sowie dem materiellen Wohlstand, der politisch-sozialen Exzellenz und anpassungsfähigen Permanenz andererseits". (17) Eine Auseinandersetzung mit solcher Differenziertheit vermisst Jendorff in der aktuellen Forschung, die zwar viele Einzelstudien, aber kaum schlüssige Konzepte hervorbringe. Hieraus ergaben sich vier Ebenen (zugleich Kapitel), um der Frage nach dem Verhältnis von Adel und unternehmerischer Ökonomie nachzugehen: 1.) die Forschungsgeschichte, 2.) Handlungsfelder adeliger Ökonomie, 3.) der Zusammenhang von Wirtschaft und Ethik in alteuropäischen Adelsdiskursen, 4.) ein Resümee zur Rolle des Adels auf dem Weg von der feudalen Agrarwirtschaft zur modernen Konkurrenzgesellschaft.

Kapitel 2 (37-80) trägt einen wertenden Untertitel "Anamnese der Chimärenkreation vom produktiven Wirtschaften". Jendorff kritisiert prominente Autoren von Schumpeter, Sombart und Max Weber, um schließlich bei Jürgen Kocka zu landen, für den kapitalistische Unternehmer keine alteuropäischen Vorbilder besitzen. In der von "Bielefelder Modernisierungstheoretikern" entworfenen "Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europa als Aufstiegsgeschichte des Kapitalismus" (45) bleiben nach Jendorff fünf Aspekte unterbelichtet: der mediterrane Raum; die binnenadelige Heterogenität und Differenziertheit; die Vielfalt der zeitgenössischen Analysen; die ständische Konkurrenz zu Kaufleuten sowie politische Zwänge; eine Kritik des "bürgerlichen Narrativs der Befreiung aus adelig-feudaler Unterdrückung". (57) Dem setzt er mehrere Alternativen zu Weber und Kocka entgegen: Franz Borkenau; Fritz Redlich; Adelheid Simsch (wegen Osteuropa); in der deutschen Frühneuzeitforschung bisher unberücksichtigt gebliebene Stimmen aus Spanien und den USA; schließlich wirtschaftsgeschichtliche Fallstudien aus Bayern, Hessen und Westfalen.

Referate über solche Fallstudien eröffnen Kapitel 3 (81-191), das mehrere Handlungsfelder adeligen Unternehmertums abdeckt: das Geschäft der Familie von Hattstein im Taunus mit Krediten; die Manufaktur- und Kolonialprojekte des Grafen Friedrich Casimir von Hanau; die Gründungen der Grafen Einsiedel in Sachsen; die Kommerzialisierung der Agrarwirtschaft; den Finanzsektor; Gewerbe und Dienstleistungen mit dem Schwerpunkt auf dem Montanbereich und der Salinenwirtschaft; Hochrisiko-Geschäfte im Überseehandel und als Militärentrepreneure. Ständische Interessen artikulierten sich im Ringen um die Wirtschaftspolitik, die in der Aussage münden: "Der alteuropäische Adel kommunizierte und kooperierte mit allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten, wenn es um das weite Feld unternehmerischen Handels ging". (187)

Wie wurde solche unternehmerische Betätigung des Adels in zeitgenössischen Diskursen reflektiert? Kapitel 4 (206-318) behandelt zunächst die Entstehung neuer Adelsgruppierungen wie den Hofadel und die Gentry. Sodann veranstaltet Jendorff eine Tour d'horizon durch die europäische Geistesgeschichte von Augustinus zu Hobbes und Montesquieu, um deren Einordnung des Adels zu präsentieren. Sodann fragt er danach, wie die Adeligen selbst dieses Angebot annahmen und sich gesellschaftlich verorteten. Der von ihm schon mehrfach bemühte und von Otto Brunner ausgeleuchtete Wolf Helmhardt von Hohberg kommt dabei zu weiteren Ehren. [2] Allgemeiner gefasst sind die Diskussionen über adelige Wirtschaftsethik in mehreren europäischen Ländern (England, Spanien, Deutschland, Niederlande). Dass der Adel "Transfer und Zirkulation von Wissen, Ideen und Techniken" (276 ff.) organisierte, beweist seine Anpassungsfähigkeit. Der Abschnitt über Selbst- und Fremdinszenierung adeligen Unternehmertums wertet Erzeugnisse der bildenden Kunst aus, z.B. Darstellungen des Merkur und des Stockalper-Schlosses in Brig.

Im Schlusskapitel (319-342) findet sich ein Resümee, in dem das Fazit steht: "So wenig die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas ohne den Adel geschrieben werden kann, so wenig ist sie gegen den Adel zu schreiben". (328) Sowohl die Erfolge wie die Misserfolge adeligen Wirtschaftens verlangen, so Jendorff, nach einer Neubewertung u.a. des Lehenwesens, der Grundherrschaft, der Krisen des Spätmittelalters, der Veränderungen des 16. / 17. Jahrhunderts inklusive der Globalisierung.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Jendorffs Buch fällt ambivalent aus. Ihm ist zuzustimmen, wenn er gegen Kocka an der Wiege des Kapitalismus nicht nur bürgerliche, sondern auch adelige Unternehmer stehen sieht. Damit wird die Zeit der Französischen Revolution als Zäsur in Frage gestellt (19). Ohne Scheuklappen die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu stellen, ist erfrischend. Nötig ist es auch, in Anlehnung an Fritz Redlich den mitunter schillernden Unternehmer-Begriff neu mit konkreten Inhalten zu füllen. Jendorff ist beizupflichten, wenn er nicht nur den vermögenden Adel, sondern auch den armen Adel einbezieht, für den das Wort Prekariat allerdings verfehlt erscheint. Im Übrigen hat dies bereits Ronald G. Asch 2008 getan. [3] Die fließenden Grenzen zwischen Adel und städtischem, aber landbesitzenden Patriziat im 15. / 16. Jahrhundert werden zu Recht angesprochen. Hierfür gibt es viele Beispiele im deutschen Sprachraum. Ob für hierzu anzustellende Studien nach eigener Aussage (5) eher ein sozial- als ein wirtschaftshistorischer Ansatz angemessen ist, erscheint zweifelhaft. Denn mit guten Gründen fordert Jendorff, ausgehend vom Beispiel der Geschäftsbücher Stockalpers, eine Analyse der adligen Buchhaltung ein. Wirtschaftlicher Erfolg (und Misserfolg) muss retrospektiv messbar gemacht werden. Wie fruchtbar (und aufwendig) dies sein kann, hat unlängst die Auswertung der Pachtbücher von fünf westfälischen Adelsgütern zwischen 1613 und 1903 gezeigt, die Johannes Bracht und Ulrich Pfister vorgelegt haben. [4] Damit ist der Agrarsektor angesprochen, der insgesamt in Jendorffs Buch zu kurz kommt und mehr die Vieh- als die Getreidewirtschaft thematisiert (94-102). Vor diesem Hintergrund genügen die äußerst knappen Abschnitte über Lehnwesen und Grundherrschaft (328 f.) nicht. Die politischen Grundlagen adliger (Mit-)Herrschaft in ständischen Landtagen werden im skizzenhaften Überblick (157-163) der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen kaum angemessen behandelt. Auch mag der weite und bis in die Karibik reichende Horizont des Verfassers manchmal erhellend sein. Doch wie soll die daraus folgende Forderung nach vergleichenden Studien eingelöst werden? Ob dies, wie vorgeschlagen, im Rahmen "einer modernen, komparatistisch angelegten Landesgeschichte" (19) möglich sein wird, bezweifelt der Rezensent. Am Ende erscheint das Anliegen Jendorffs deshalb überambitioniert, nicht nur durch die Ausflüge zu rezenten Autoren wie Piketty und Jill Lahore. Manchmal wirkt die Darstellung fast arrogant. Sie setzt bei den Leserinnen und Lesern Lateinkenntnisse voraus, wenn Rolevinck nicht nach der guten modernen Übersetzung, sondern im frühhumanistischen Original zitiert wird. Sie setzt ebenso voraus, dass alle wissen, wer der zweimal in Kapitelüberschriften (81, 319) zitierte "Don Dinero" ist. Wie Google zeigt: Der Begriff ist abgeleitet aus dem spanischen Sprichwort "Poderoso caballero es Don Dinero", zu übersetzen mit: "ein mächtiger Kavalier ist der Herr Geld". Erklärt wird er an diesen Stellen nicht. So legt der Rezensent ein Buch, das viele Anregungen zu weiteren adelsgeschichtlichen Forschungen enthält, mit gemischten Gefühlen aus der Hand.


Anmerkungen:

[1] Einflussreich war seinerzeit die Schrift von Helmut Böhme, einem Schüler von Fritz Fischer: Prolegomena zu einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1968.

[2] Otto Brunner: Adeliges Landleben und eurpäischer Geist. Leben und Werk Helmhards von Hohberg 1612-1688, Salzburg 1949.

[3] Ronald G. Asch: Europäischer Adel in der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2008, 81-85.

[4] Johannes Bracht / Ulrich Pfister: Landpacht, Marktgesellschaft und agrarische Entwicklung. Fünf Adelsgüter zwischen Rhein und Weser, 16. bis 19. Jahrhundert, Stuttgart 2020.

Wilfried Reininghaus