Rezension über:

Giulia Zornetta: Italia meridionale longobarda. Competizione, conflitto e potere politico a Benevento (secoli VIII-IX) (= I libri di Viella; 359), Roma: viella 2020, 340 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-88-3313-293-8, EUR 33,00
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Rezension von:
Bernhard Zeller
Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Zeller: Rezension von: Giulia Zornetta: Italia meridionale longobarda. Competizione, conflitto e potere politico a Benevento (secoli VIII-IX), Roma: viella 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 2 [15.02.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/02/35423.html


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Giulia Zornetta: Italia meridionale longobarda

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Bei diesem Buch handelt sich um eine überarbeitete Fassung der von Giulia Zornetta vorgelegten Dissertation, die mit dem Premio Sismed 2017 (der Società italiana degli storici medievisti) ausgezeichnet wurde. Es bietet eine Geschichte des langobardischen Herzogs- bzw. Fürstentums Benevent im 8. und 9. Jahrhundert, wobei der Fokus auf der Zeit nach der Unterwerfung des (norditalischen) Langobardenreichs durch die fränkischen Heere Karls des Großen im Jahr 774 liegt.

In der Einleitung (7-19) werden die grundlegenden Fragestellungen des Buches vorgestellt: Es geht der Autorin, vereinfacht gesagt, um die politische Macht bzw. Herrschaft ("potere politico") im Benevent des 8. und 9. Jahrhunderts, und zwar sowohl in ihrer intrinsischen Dimension als auch in ihren Repräsentationen und Projektionen nach außen (7). Dabei will Zornetta nicht nur die (traditionell stark betonte) zentrale Rolle des Herzogs bzw. Fürsten, sondern auch die Bedeutung der beneventanischen Aristokratie in der politischen Ordnung und im sozialen Gefüge beleuchten (7-13).

Nach einem knappen Forschungsüberblick (13-19) betrachtet die Autorin im ersten Kapitel, "Alla corte del duca di Benevento" zunächst die Herzöge von Benevent und ihren "Hof(staat)" bis 774 (21-32), um sich in weiterer Folge eingehender mit dem herzoglich-fürstlichen "Gerichtshof" auseinanderzusetzen. Als Grundlage dienen ihr dabei mehrere im Chronicon Vulturnense und im Chronicon Sanctae Sophiae überlieferte Gerichtsurkunden, die interessanterweise alle aus dem 8. Jahrhundert stammen (33-77). In diesen Dokumenten erscheint der Fürst als zentrale Figur der Rechtsprechung, die anscheinend weitestgehend ohne Mitwirkung anderer Amts- oder Funktionsträger erfolgte.

Mit dem letzten Herzog (dux) und ersten Fürsten (princeps) Arichis II. (dessen berühmte Darstellung aus der Handschrift Cava, Cod. 4 den Umschlag des Buches ziert) sowie mit dessen Sohn Grimoald III. und ihrer Auseinandersetzung mit Karl dem Großen, Pippin von Italien und Ludwig dem Frommen beschäftigt sich Zornetta im nächsten Kapitel (79-146). Sie behandelt dabei zunächst die Annahme des Titels princeps gentis Langobardorum durch Arichis im Jahr 774. Zweifelsohne unterstrich diese neue Intitulatio Arichis' Souveränität und die Eigenständigkeit seiner Herrschaft. Fraglich ist hingegen, ob diese "königsnahe" Selbstaussage, wie Zornetta vermutet, auch die Anerkennung eines übergeordneten (karolingischen) rex Langobardorum implizierte (86-87).

Eingehende Aufmerksamkeit widmet Zornetta auch Arichis' politisch-repräsentativen Gründungs- bzw. Bauprojekten von Sancta Sophia in Benevent, von San Salvatore in Alife und in Salerno (92-111). Ausführlich versucht sie auch das Verhältnis zwischen Arichis und seinem Sohn Grimoald III. auf der einen Seite und Karl dem Großen und dessen Sohn Pippin von Italien auf der anderen Seite auszuloten. Während das Fürstentum Benevent in den Jahren unmittelbar nach 774 einen hohen Grad an Autonomie behielt (111), wurde es mit der militärischen Intervention Karls des Großen und dem Tod von Arichis in den Jahren 786/787 stärker an das fränkische Reich gebunden. Schon ab 791 gelang es Grimoald III. aber wieder, seine Herrschaft aus der engen fränkischen Abhängigkeit zu lösen. Daran konnten auch militärische Aktionen unter der Leitung Pippins von Italien in den Jahren 791, 793 sowie 800-802 nicht viel ändern.

Wie Zornetta unterstreicht, wurde Benevent in der im Jahr 806 erlassenen sogenannten Divisio regnorum (im Unterschied zum Dukat von Spoleto) nicht erwähnt (127), doch brachte dieses Jahr mit dem Tod Grimoalds III. und der Nachfolge seines thesaurarius Grimoald IV. tiefgreifende Veränderungen. Wenngleich Grimoald mit seinem gleichnamigen Vorgänger verwandtschaftlich verbunden gewesen sein dürfte, verdankte er seinen Aufstieg zum Fürsten doch primär der politischen Unterstützung der beneventanischen Aristokratie oder maßgeblicher Kreise derselben.

Obwohl Grimoald IV. vom Autor des Chronicon Salernitanum, aber auch von der modernen Forschung und von Zornetta als "schwacher" Fürst eingestuft wird (148-149), wird man in seiner Politik doch auch wichtige Akzentsetzungen erkennen können. So gelang es Grimoald offenbar gut, Benevent im Gefolge des fränkisch-byzantinischen Friedensschlusses von Aachen im Jahr 812 "zwischen" den beiden Imperien zu positionieren. Dies scheint sich nicht zuletzt in den Intitulationen seiner Urkunden widerzuspiegeln, in denen sich Grimoald statt princeps gentis Langobardorum als princeps Beneventanae provinciae bezeichnete.

Wie Zornetta deutlich machen kann, führten konkurrierende Interessen innerhalb der beneventanischen Aristokratie schon zu Lebzeiten Grimoalds zu turbulenten innenpolitischen Zuständen, die sich in den folgenden Jahren immer wieder zuspitzen sollten. Eine zentrale Rolle spielten dabei die mächtigen Großen Daufer und sein Sohn Roffrit, Radelchis von Conza sowie Sico von Acerenza, die im Jahr 817 auch den Sturz und die Ermordung Grimoalds IV. herbeiführten.

Im Folgenden zeigt Zornetta, wie es dem als neuen Fürsten eingesetzten Sico (817-832) gelang, seine Position durch kluge Ämtervergaben und eine geschickte Heiratspolitik zu festigen. Diese Politik wurde von seinem Sohn und Nachfolger Sicard (832-839) fortgesetzt und war wohl auch Grundlage für außenpolitische Erfolge gegenüber Neapel und Amalfi (173-181). Diese fanden nicht zuletzt in der "Translation" der Januarius- und Trofimena-Reliquien nach Benevent augenfälligen Ausdruck (185-197). Ebendort begann damals aber die Bischofskirche das Kloster Sancta Sophia als Mittelpunkt der fürstlichen Memoria abzulösen (197-209).

Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Benevents begann mit einer Adelsverschwörung gegen Sicard im Jahr 839. Nach der Ermordung des Fürsten kam in Benevent dessen thesaurarius Radelchis an die Macht, während Sicards Bruder Siconolf und die mit ihm verbundenen Dauferiden nach Salerno auswichen. Das folgende Jahrzehnt war durch Kämpfe und langwierige Auseinandersetzungen zwischen Radelchis und Siconolf bzw. ihren jeweiligen Anhängern aus der beneventanischen Aristokratie gekennzeichnet.

Das Ringen um die Suprematie, in das auch erstmals sarazenische Krieger verwickelt wurden (231-240), wurde erst im Jahr 849 durch die von Ludwig II. vermittelte und betriebene Teilung der "Langobardia minor" beendet (211-231). In den folgenden beiden Jahrzehnten prägte der im Jahr 850 zum Kaiser gekrönte Karolinger (mit seiner Gemahlin Angelperga) die Politik in Süditalien maßgeblich. Seine (ihre) ehrgeizigen politischen Zielen brachten Radelgar (851-854) und Adelchis (854-878) in erhebliche Bedrängnis, und erst die (offenbar mit Waifar von Salerno akkordierte) überraschende Gefangennahme des Karolingers im Jahr 871 brachte einen Befreiungsschlag (240-265).

Wenngleich durch den Coup des Jahres 871 die Unabhängigkeit Benevents gewahrt blieb, konnten die Folgen der Auseinandersetzungen in den 830er-Jahren und die Teilung des Prinzipats im Jahr 849 nicht rückgängig gemacht werden. Bis ins ausgehende 9. Jahrhundert blieb die politische Situation Benevents somit prekär. Sarazenischen Angriffen und intensivierten byzantinischen Ansprüchen hatte man politisch, militärisch und ökonomisch wenig entgegenzusetzen (265-288). Eine Änderung brachte erst die Machtübernahme der Capuaner Dynastie an der Wende zum 10. Jahrhundert.

In ihrem mit einem knappen Resümee (297-302) abgeschlossenen Buch gelingt es Zornetta, die durch unerwartete Wendungen, Brüche und Zäsuren gekennzeichnete Geschichte Benevents im 9. Jahrhundert in eine gut aufgebaute und schlüssig zu lesende Darstellung zu gießen. Ebenso schafft es die Autorin, wichtige Fragen (etwa nach der politischen Ideologie und Legitimation, der Gesetzgebung und Rechtsprechung, der dynastischen Politik usw.) in den grundsätzlich chronologischen Aufbau ihrer Arbeit zu integrieren. Dies ermöglicht eine gute Orientierung. Mit seiner transparenten Darstellungsweise und seiner aktuellen Bibliographie (303-329) eignet sich das Buch auch ausgezeichnet als Einstiegslektüre in die Thematik.

Bernhard Zeller