Rezension über:

Martina Dobbe / Francesca Raimondi (Hgg.): Serialität und Wiederholung: revisited, Berlin: August-Verlag 2021, 214 S., ISBN 978-3-941360-75-4, EUR 28,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Vivien Trommer
Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Vivien Trommer: Rezension von: Martina Dobbe / Francesca Raimondi (Hgg.): Serialität und Wiederholung: revisited, Berlin: August-Verlag 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/01/36586.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Martina Dobbe / Francesca Raimondi (Hgg.): Serialität und Wiederholung: revisited

Textgröße: A A A

Die Prinzipien Serialität und Wiederholung prägen die globale zeitgenössische Kunstproduktion. Im kommerziellen Kunstkontext kann die Frage nach der Bedeutung von Serialisierung und Wiederholung zum Teil nur mit den wertschöpfenden Mechanismen des hyperaktiven Kunstmarkts beantwortet werden. Jenseits der kreisenden Investmentspirale, die im Rahmen der jüngeren NFT-Ökonomie weiter an Fahrt aufgenommen hat, zeigt sich aber auch eine erhöhte Konjunktur neuer repräsentationskritischer, performativer, grenzüberschreitender und systembewusster Ansätze im erweiterten Feld der Gegenwartskünste, die sich der Serialität und Wiederholung bedienen.

Der im Herbst 2021 von Martina Dobbe und Francesca Raimondi herausgegebene Sammelband "Serialität und Wiederholung: revisited" widmet sich den "veränderten Einsätze[n]" (9) repetitiver und iterativer Strategien in den zeitgenössischen Künsten und kontextualisiert sie neu "vor dem Hintergrund von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wie Digitalisierung, Neoliberalismus und Globalisierung." (9) Wie der Band an exemplarischen Schlüsselwerken der Gegenwartskünste zeigt, hat sich eine Reihe an künstlerischen Wiederholungsprozessen und -techniken entwickelt, die "veränderte, komplexe zeitliche und rekursive Strukturen" (10) produzieren und sich über das moderne Verhältnis von Original und Kopie hinaus "in neuen Grenzüberschreitungen und Hybridisierungen in den Künsten sowie in neuen Praktiken des Kuratorischen niederschlagen." (10)

Die Herausgeberinnen haben den vorliegenden Sammelband - erschienen beim Berliner August Verlag (jetzt Imprint von Matthes & Seitz) - im Anschluss an die gleichnamige Ringvorlesung und das Seminar "Double Trouble. Wiederholung und Serialität als Phänomene der zeitgenössischen Kunst" in der Kunstakademie Düsseldorf im Jahr 2016 / 2017 publiziert. Neben den wissenschaftlichen Beiträgen der Autorinnen und Autoren Friedrich Balke, Maren Butte, Sabine Huschka, Nina Möntmann, Maria Muhle, Beatrice von Bismarck und Dorothea von Hantelmann erweitern zwei künstlerische Inserts von John Morgan und Olaf Nicolai - im Nachwort der Herausgeberinnen in Anlehnung an Louise Lawlers Fotostecke in Douglas Crimps "Über die Ruinen des Museums" (1996) angesprochen - die bloße Sammelbandstruktur und kommentieren die Bezüge zwischen "Autorschaft, Sprache, Bedeutung, Text und Medium Buch." (207) Den weitläufigen Verzweigungen des Themas nähern sich die Herausgeberinnen, indem sie in ihrer Einführung "Schlaglichter" (10) auf vier aktuelle Debatten und Diskursfelder werfen, deren Dynamiken der Veränderung sie im Verlauf des Bandes gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren genauer beleuchten: "Künste der Wiederholung" (11-18), "Denken der Wiederholung" (18-24), "Performanzen der Wiederholung" (24-29), "Wiederholtes a/Ausstellen." (29-34)

Der Sammelband erweitert den Forschungsstand zum Thema vor allem dadurch, dass er Serialität und Wiederholung im Anschluss an minimalistische, popkulturelle und (post)strukturalistische Theorien nicht als ein rein formgebendes Prinzip denkt, sondern untersucht, wie in "iterativen Anachronien" Potenziale entdeckt werden können, um "alternative Gegenwarten zu durchdenken."(35) Das heißt, mit vielstimmigen Beiträgen aus den Theaterwissenschaften, der Kunstgeschichte, der Philosophie, der Filmwissenschaft, den Kulturen des Kuratorischen und nicht zuletzt der jüngeren Kunstpraxis selbst, versucht der Sammelband die Verschiebungen von künstlerisch-methodischen Serialitäts- und Wiederholungskonzepten der frühen 1960er-Jahre hin zu neuen Modalitäten des Rekursiven und Repetitiven nachzuvollziehen, die von sozial-politischen, ökonomischen, ökologischen und erinnerungskulturellen Dimensionen motiviert werden und durchdrungen sind.

Zum Auftakt zeigt der instruktive Beitrag von Dorothea von Hantelmann, wie Pierre Huyghe die (post)minimale Logik des Ortspezifischen erweitert, indem er mit seinen zeitbasierten und lokal situierten Kunstwerken die Wiederholung "als ein generatives Prinzip des Lebendigen" aktiviert und dabei auch "das Generative in der Kunst neu zu bestimmen" (43) versucht. Am Beispiel von "Untilled" (2012) und "After ALife Ahead" (2017) legt Dorothea von Hantelmann überzeugend dar, dass Pierre Huyghes Kunstwerke in bestehende Ökologien eingreifen, sich in Symbiose mit der Natur über eine bestimmte Zeit regenerativ formen und daher gerade wegen ihrer konkreten Situiertheit an einen bestimmten Ort von den Prinzipien der Wiederholung durchdrungen sind.

In ihrem Beitrag "Ask Elaine" untersucht Maria Muhle beispielhaft am Werk von Elaine Sturtevant, wie die sogenannten "minder-mimetischen Strategien" (59) des Kopierens und Aneignens im "Kampf zwischen Repräsentation und Repräsentationskritik" sowie "einer rückwärtsgewandten Nachahmung und einer utopischen Abstraktion" (59) existieren und ohne das Spannungsverhältnis zwischen beiden Polen "unverständlich" (59) bleiben. Elaine Sturtevant sei, so Maria Muhle, anders als zum Beispiel Sherrie Levine oder Cindy Sherman, nicht nur an der "Rekontextualiserung" (77), sondern auch an der "Zirkulation von Bildern in Bildern, auf Bildern, neben Bildern" (77) interessiert, die jüngst auch das Feld des Digitalen prägen.

Die Beiträge von Maren Butte und Sabine Huschka widmen sich den (Re)Inszenierungen von (Theater)Performances. Während Maren Butte die Geschichte der Performancekunst als Etappenentwicklung einer "Wiederholung als Praxis" (106-111), "Wiederholung als Entzug" (112-114), "Wiederholung als Archiv" (114-116), "Wiederholung als Fortdauer" (116-121) erzählt und dabei insbesondere auf das Werk von Tino Sehgal blickt, untersucht Sabine Huschka das museale "Re-Enactment" (128) von Tanzperformances und fragt nach den "angewandten tanzhistoriographischen Praktiken des Erinnerns" (127), um den politischen Dimensionen des Wiederaufführens vergangener Choreografien in der Gegenwart nachzuspüren.

Im Anschluss daran erweitern die Beiträge von Beatrice von Bismarck und Nina Möntmann die zentrale Frage des Sammelbandes mit einer genauen Untersuchung von Reinszenierungsstrategien in künstlerisch-kuratorischen Prozessen des Ausstellungsmachens. Widmet sich Beatrice von Bismarck der "Transposition" (150) der "ausstellenden Referenz" (151) als einem "Potential" zur Herstellung "neuer, anderer Relationen" (165) in der Welt, so untersucht Nina Möntmann mit Blick auf die Betrachterinnen und Betrachter, wie periodische Ausstellungsformate (Biennalen oder die documenta) "in einer Perspektive globaler Freiheits- und Gleichheitsbewegungen" (173) die Sensibilität für politische Verantwortung im Zeichen der Globalität stimulieren können.

Der vielstimmige Sammelband legt überzeugend dar, dass die Gegenwartskünste an das modernekritische Versprechen anknüpfen, die Künste mittels serieller und iterativer Strategien neu zu denken, und dabei die Möglichkeitshorizonte des Wiederholens durch zahlreiche neue Verfahren erweitern, um die Künste selbst zu modulieren, zu aktualisieren, zu reformieren und im Zeichen globaler, neoliberaler und digitaler Entwicklungen zu rekonfigurieren. Zugleich macht der Sammelband auch deutlich, dass das Prinzip der Serialität im Kontext der Minimal Art und Pop Art dazu diente, sich vom modernen Paradigma der Originalität zu befreien, wohingegen sich die zeitgenössischen Bildenden und aufführenden Künste verstärkt der transformativen Prozesse des Wiederholens bedienen, denen qua Zeitdifferenz Momente kritischer Reflektion, reformatorisches Potenzial und subversive Qualitäten innewohnen und ermöglichen, das Gegenwärtige der Gegenwartskunst neu zu bestimmen.

Vivien Trommer