Rezension über:

Natale Barca: Rome's Sicilian Slave Wars. the revolts of Eunus & Salvius 136-132 and 105-100 BC, Barnsley: Pen & Sword Military 2020, XIV + 256 S., 6 Kt., ISBN 978-1-52676-746-2, GBP 19,99
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Rezension von:
Piotr Wozniczka
Universit├Ąt Trier
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Piotr Wozniczka : Rezension von: Natale Barca: Rome's Sicilian Slave Wars. the revolts of Eunus & Salvius 136-132 and 105-100 BC, Barnsley: Pen & Sword Military 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/01/34902.html


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Natale Barca: Rome's Sicilian Slave Wars

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Mit seinem Buch bezweckt Natale Barca, einem sowohl fachmännischen als auch breiteren Publikum die Geschichte der beiden sizilischen Sklavenaufstände im 2. Jh. v.Chr. nahezubringen - ein an sich begrüßenswertes Unternehmen, da die beiden Sklavenaufstände, wie der Autor selbst vermerkt, im Schatten des berühmten Spartacus-Aufstandes stehen und generell weniger bekannt sind (vgl. preface vii). Mit dem Versuch, die beiden Gruppen von Leserinnen und Lesern gleichzeitig zu adressieren [1], verbinden sich allerdings einige grundsätzliche Probleme des Buches. Denn einerseits bevorzugt der Autor eine leicht zugängliche Erzählform und bietet eine Menge interessanter Hintergrundinformationen, die aber sensu stricto nicht zum eigentlichen Thema des Buches gehören. Andererseits bleibt das Buch den wissenschaftlichen Debatten und Kontroversen fern und verzichtet bei aller Detailliertheit überwiegend auf den historischen Hilfsapparat und auf ausführliche Quellenkritik, die aber bei dem gewählten Thema von großer Bedeutung - wenn nicht unabdingbar - sind.

Das Buch besteht aus einer Einleitung (chapters 1 und 2) und aus vier Hauptteilen (parts), von denen jeder in mehrere Kapitel (chapters) aufgeteilt ist. In der Einleitung beschäftigt sich der Autor mit dem Phänomen der antiken Sklaverei sowie mit ihren Hauptquellen, nämlich dem Sklavenhandel und der Piraterie im Mittelmeerraum (chapter 1). Bereits in diesem Teil macht sich ein wesentliches Merkmal des Buches bemerkbar: das Einführen von zeitlich und räumlich sehr ausgedehnten historischen Exkursen, die vom eigentlichen Thema des Buches häufig (weit) entfernt sind. Im ersten Kapitel wird dies am Beispiel der Piraterie besonders deutlich. Der Autor beschäftigt sich hier mit der Entwicklung der Piraterie seit dem Bronzezeitalter (8-9) bis zur Zeit der Römischen Republik (11) und fügt dem Ganzen ein abschließendes Kapitel über die kilikische Piraterie hinzu (12-15). All dies ist sehr informativ, aber mit Ausnahme einiger Fakten (14-5) nicht ganz themenrelevant und so sehr mit historischen und geographischen Fakten überladen, dass wohl nur eine Kennerin oder ein Kenner der antiken Geschichte, gewiss aber kein Laienpublikum, diese einzuordnen bzw. mit ihnen etwas anzufangen vermag.

Ein weiteres Kapitel aus der Einleitung (chapter 2) widmet sich kurz der rechtlichen sowie sozialen Lage der Sklaven in Rom und schildert die den beiden Sklavenaufständen auf Sizilien vorausgehenden Sklavenerhebungen im ganzen römischen Herrschaftsgebiet. Dabei beginnt der Autor mit der ersten Erhebung der Sklaven in Rom (501 v.Chr.) in der Zeit des Tarquinius Superbus und endet mit einer Sklavenrevolte in Apulien im 2. Jh. v.Chr. Es hätte allerdings ausgereicht, anstelle einer generellen Schilderung der Sklavenerhebungen - eine tabellarische Darstellung würde hier auch genügen [2] - nur diejenigen Elemente der vorherigen Sklavenrevolten herauszustellen, welche für die anschließende Darstellung der sizilischen Sklavenaufstände von Relevanz sind. Zu hinterfragen scheint mir auch, dass die halbwegs legendären 'Geschichten' aus der frühen Republik mit den historisch besser fassbaren Ereignissen gleichwertig als objektive Tatsachen angesehen und größtenteils ohne Quellenangaben behandelt werden.

Der erste Teil (chapter 3-6) des Buches ist der Insel Sizilien gewidmet. Der Autor geht hier im Allgemeinen auf die geographische sowie geologische Beschaffenheit Siziliens mit besonderem Fokus auf den Berg Ätna und auf die umliegenden vulkanischen Inseln ein (chapter 3). Die Gebiete Siziliens, welche eine besondere Rolle bei den beiden Sklavenaufständen gespielt haben, werden hier allerdings nicht besonders detailliert behandelt. Das kurze Unterkapitel über die Bevölkerung, Ökonomie und kulturelle Prägung Siziliens im 2. Jh. v.Chr. (31-3) würde zudem besser zum nächsten Kapitel (chapter 4) passen, in dem die Geschichte Siziliens seit dem Beginn der punischen Präsenz bis zur Gründung und Organisation der römischen Provinz zusammenfassend skizziert wird. Denn die kulturelle Heterogenität der Insel und ihre stets lebendige griechische Prägung im 2. Jh. v.Chr. lassen sich besonders gut vor dem Hintergrund der Geschichte Siziliens erklären. Von besonderer Bedeutung für das Thema des Buches sind die beiden letzten Kapitel dieses Teils. Das fünfte Kapitel (chapter 5) zählt die wichtigsten sizilischen Städte der Antike auf, von denen die Mehrheit tatsächlich in Verbindung mit den beiden Sklavenaufständen auf Sizilien steht, und schildert jeweils ihre geographische Lage und Geschichte, wobei hier wiederum ihre Historie ziemlich allgemein erzählt wird, d.h. ohne besonderen Fokus auf das 2. Jh. v.Chr. und auf die Sklavenaufstände. Das letzte Kapitel (chapter 6) beschäftigt sich mit der ökonomischen und sozialen Situation Siziliens im 2. Jh. v.Chr., insbesondere mit dem Getreideproduktion und Getreideexport nach Rom.

Der zweite (chapters 7-10) und dritte Hauptteil (chapters 11-15) des Buches schildern den ersten Sklavenaufstand auf Sizilien, wobei im ersteren die (erfolgreiche) Entwicklung der Revolte aus der Perspektive der Aufständischen, im zweiten die Bekämpfung und Beendigung der Revolte aus römischer Sicht dargestellt wird. Geschuldet ist diese Erzählweise unseren Quellen, vornehmlich dem bruchstückhaft erhaltenen Bericht Diodors über den ersten Sklavenaufstand auf Sizilien (Diod. 34/35.2.1-48, 34/35.8-11), aus dem allein sich diese beiden Phasen der Revolte relativ gut rekonstruieren lassen und welcher die Hauptquelle für den ersten (und den zweiten) Sklavenaufstand im Allgemeinen ist.

Der Umgang besonders mit dieser, aber auch mit den anderen Quellen ist in dem hier besprochenen Buch nicht unproblematisch. Auf die komplexe Überlieferungsgeschichte des Berichtes Diodors - uns stehen nur Fragmente bzw. Zeugnisse aus byzantinischer Zeit zur Verfügung - und generell auf die spärliche Quellenlage wird im Buch kaum verwiesen. [3] Zudem findet man im Buch relativ selten Quellen- und Literaturverweise für die Schilderung historischer Sachverhalte. Dies mag in einem eher populärwissenschaftlich ausgerichteten Buch generell nicht von Nachteil sein, wenn der in den Quellen geschilderte Sachverhalt durchgehend quellengetreu widergespiegelt wird. Dies ist im vorliegenden Buch jedoch nicht immer der Fall. Abgesehen von der nicht immer überzeugenden Verwendung des historischen Hilfsapparats [4], findet man hier neben den quellengetreuen Schilderungen auch fragliche Interpretationen einzelner Quellen sowie durchaus imaginäre Rekonstruktionen mit romanhaften Zügen wie fiktive Aussagen der historischen Protagonisten, ohne dass aber häufig der Leserin und dem Leser deutlich gemacht wird, mit einer bloßen Rekonstruktion bzw. Fiktion - seien sie auch spannend und grundsätzlich vorstellbar - zu tun zu haben.

Aus Platzgründen sei hier nur ein Beispiel einer nicht ganz geglückten Quellenanalyse angeführt. Orosius vermerkt in seinem kurzen Bericht über den ersten Sklavenaufstand auf Sizilien, dass die Stadt Messana von der Revolte nicht betroffen war, weil die Sklaven dort gut behandelt wurden (5.6.4: excepta urbe Messana, quae seruos liberaliter habitos in pace continuit). Später wird aber von demselben Autor berichtet, dass der Konsul Piso (133 v.Chr.) eine Stadt namens Mamertium eroberte (5.9.6: Piso consul Mamertium oppidum expugnavit [...]). Dieser Name kann teilweise mit Messana (der Stadt der Mamertiner?) in Verbindung gebracht werden, was jedoch im Widerspruch zu der früheren Aussage des Orosius steht. Bereits im 19. Jh. hat man deswegen die Emendation Murgentium (Morgantina) oppidum für Mamertium oppidum vorgeschlagen, die sich in der Forschung etabliert hat. [5] Heutzutage wird in der einschlägigen Literatur kaum angezweifelt, dass Morgantina - nicht Messana - während der Revolte von den Sklaven eingenommen und von Piso zurückerobert wurde.

Auch im vorliegenden Buch findet sich die Angabe, dass Morgantina von den Aufständischen erobert wurde (86), aber ohne Verweis auf die entsprechende Quelle (Oros. 5.9.6). Mit derselben Quelle wird ebenfalls auf eine sonst unbekannte Schlacht bei "Curcuraci" in der Nähe von Messana verwiesen, aus der Piso siegreich hervorgegangen sein soll (116-7, und 199, Anm.11 mit dem Quellenverweis). Kurz darauf dient dieselbe Quelle gemäß der oben besprochenen Emendation dazu, die Rückeroberung von Morgantina durch Piso nach einer erfolgslosen - und in den Quellen nicht überlieferten - Belagerung Tauromenions zu schildern (117 und 200, Anm. 13). Derselben Quelle ist auch eine weitere Darstellung einer - in den Quellen sonst unbekannten - Rückeroberung des Hafens Messanas durch die römische Flotte unter Führung des Konsuln Rupilius zu verdanken (121-22 und 201, Anm. 6). Weitere exempla fragwürdiger Quellenbehandlung lassen sich sonst immer wieder finden. [6]

Im vierten Teil des Buches (chapters 16-21) beschäftigt sich der Autor mit dem zweiten Sklavenaufstand auf Sizilien, wobei diese Rebellion, abgesehen von zahlreichen interessanten Exkursen, ziemlich knapp (gesamtes Kapitel 17, eine Seite aus Kapitel 18, Kapitel 19 und 21; insgesamt 18 Seiten) und wiederum nicht ohne vereinzelte Interpretations- und Zitierfehler behandelt wird. [7] Auf den vierten Hauptteil des Buches folgen Schlussfolgerungen (162-68), in denen der Autor den realen Charakter der beiden sizilischen Revolten diskutiert. Dabei zieht er dem Begriff 'Sklavenaufstand' den 'der politischen Sezession' ("political secession") vor - eine Ansicht, für die immer häufiger in der Forschung plädiert wird. Das Buch endet mit einem kurzen Appendix über den Spartacus-Aufstand (169-172), in dem die Revolte kurz zusammengefasst wird, ohne jedoch sich mit den sizilischen Aspekten des Aufstandes, die sich hier thematisch gut anbieten würden, detailliert auseinanderzusetzen.

Jedes Buch findet sein Publikum. Wenn die oben erwähnten technischen Mängel sowie Deutungsunzulänglichkeiten behoben und die editorische Sorgfalt, die an einigen Stellen zu wünschen übriglässt [8], verbessert würden, könnten die Leser aus dem Buch sicherlich Einiges lernen und Interesse am Thema finden. Denn man trifft in diesem Buch auf viele interessante Auslegungen und Exkurse zu allen möglichen Themen, auch wenn vor diesem Hintergrund die beiden Sklavenaufstände selbst beinahe untergehen. Für wissenschaftliche und akademische Zwecke - und unter diesem Aspekt wurde das Buch besonders geprüft - ist es aus den oben genannten Gründen mit Vorsicht zu verwenden.


Anmerkungen:

[1] Vgl. insb. Seite viii der Einleitung zu der intendierten Leserschaft des Buches: "The language used in this book has been made as simple as possible to make it accessible even to a non-specialized public".

[2] Vgl. Theresa Urbainczyk: Slave Revolts in Antiquity, Berkeley / Los Angeles 2008, ix-xii.

[3] Erst in den Schlussfolgerungen geht der Autor auf die Quellenfrage kurz ein (162) und korrigiert dabei einen gravierenden Fehler aus der Einleitung, wo geschrieben wurde, dass Diodor aus Adranon (nicht Agyrion) stamme (vii). Für eine Sammlung aller wesentlichen Quellen zum Thema s. Brent. D. Shaw: Spartacus and the Slave Wars, Boston / New York 2001.

[4] Vgl. z.B. Seite 190. Anm. 5. Die Zitierweise "XXXIV, 34-38" ist inkorrekt, es fehlt eine 2 nach XXXIV. Es müsste bei dieser Art der Fragmente-Nummerierung (Teubner, Loeb) ordnungsgemäß auch XXXIV-XXXV heißen, auch wenn der Bericht Diodors über den ersten Sklavenaufstand tatsächlich aus dem 34. Buch stammt. Ferner ist die Reihenfolge der Fragmente, die in der ausgewählten Anmerkung abgedruckte sind, irreführend: 34/35.2.38 muss vor 34/35.2.37 erscheinen. Diese inkorrekte Zitierweise findet sich immer wieder sowohl im ganzen Buch als auch im Quellenverzeichnis am Ende des Buches (213).

[5] Zur Emendation s. bereits A. Schaefer: Miscellen. NJPhP (1873), 70-73.

[6] In Bezug auf die topographische Ausbreitung des Aufstandes ist nicht nachvollziehbar, warum unter den durch die Rebellen eroberten Städten Centuripa (94) und Leontinoi (96) anzutreffen sind. Fraglich sind ebenfalls die Behauptungen, dass Katane sich gegen die Aufständischen erfolgreich verteidigt hätte (96), da die Stadt von Strabo in einer Reihe mit den eroberten Städten erwähnt wird (6.2.6), oder dass sich Tauromenion spontan vor den Aufständischen ergeben habe (96), während einige Quellen eher eine heftige Belagerung nahelegen (Diod. 34/35.2.45-46, Val. Max. 2.7.3). Zur Geographie des Aufstandes s. insb. P. Morton, The Geography of Rebellion: Strategy and Supply in the two 'Sicilian Slave wars'. Bulletin of the Institute of Classical Studies 57, 1 (2014), 20-28.

[7] Die Sklaven sollen beispielsweise Zuflucht im Palikoi-Heiligtum in Syrakus gesucht haben (136), während bei Diodor davon die Rede ist, dass sie Syrakus verlassen und sich zum Heiligtum der Palikoi begeben haben (Diod. 36.3.3). Die Verteidigung des Berges Kaprianos durch Athenion nach der erfolglosen Belagerung von Lilybaion (139) ist in den Quellen so nicht überliefert (vgl. Diod. 36.4.2-4) und der Verweis auf "Plu., Cato. 21,1." (204, Anm. 11) führt ins Leere. Die Belagerung von Morgantina ist fehlerhaft zitiert (138 und 204, Anm. 8). Anstatt "XXXVI, 8" muss es XXXVI, 4, 8 bzw. 36.4.8 heißen. Der Verweis auf Diodors Bericht über Palikoi "D.S., I, 11, 89" (205, Anm. 13) ist ebenfalls nicht korrekt: Es müsste hier XI, 89, 1-8 bzw. 11.89.1-8 heißen.

[8] Die dem Buch beigefügten Karten Siziliens (x-xiii) mit den wichtigsten Städten Siziliens sind verbesserungswürdig (s. insb. die Position von "Eraclea Minoa", "Agrigentum", "Gelas" auf allen Karten). Die Unterschrift der zweiten Karte ist zudem falsch, diese bezieht sich definitiv auf den ersten Sklavenaufstand, nicht auf die Revolte des Salvius. Es gibt im Buch zahlreiche Druckfehler: z.B. "Floras" anstelle von Florus (162), "Kakoby" anstatt Jacoby (180, 214). Festzustellen sind Inkonsequenzen in der Schreibweise der Namen: Hiero und Ieron (38, 41, 53), Pindar und Pyndar (28 und 56), Marius und Mario (131-32, 153). In der Fußnote wird ein Artikel (200, Anm. 14) auf Englisch zitiert (ins Englische übersetzt?), im Literaturverzeichnis korrekt auf Italienisch angegeben (228).

Piotr Wozniczka