Rezension über:

Daniel Bellingradt / Anna Reynolds (eds.): The Paper Trade in Early Modern Europe. Practices, Materials, Networks (= Library of the Written Word; 89 ), Leiden / Boston: Brill 2021, XXIV + 393 S., 91 s/w-Abb., ISBN 978-90-04-42399-2, EUR 160,00
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Rezension von:
Paul Schweitzer-Martin
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Paul Schweitzer-Martin: Rezension von: Daniel Bellingradt / Anna Reynolds (eds.): The Paper Trade in Early Modern Europe. Practices, Materials, Networks, Leiden / Boston: Brill 2021, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 12 [15.12.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/12/36173.html


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Daniel Bellingradt / Anna Reynolds (eds.): The Paper Trade in Early Modern Europe

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Lieferketten und Handelsnetzwerke geraten durch Versorgungsengpässe und leere Regale mit unerwarteter Relevanz in unser Blickfeld. Über die letzten zwei Jahre spielte Papiermangel in verschiedensten Varianten eine nicht unerhebliche Rolle und betrifft rund um den Jahreswechsel 2021/2022 vor allem die Verlagswelt. Der vorliegende englischsprachige Sammelband widmet sich dem Thema des Papierhandels aus historischer Perspektive und geht auf eine Tagung zurück, die im Februar 2019 in Erlangen stattfand. Im Fokus steht dabei das Europa der Frühen Neuzeit. Diese wird mit dem Untersuchungszeitraum von ca. 1390 bis ca. 1800 weit gefasst.

Die Auseinandersetzung mit Papier ist spätestens seit Lothar Müllers Bestseller "Weiße Magie" [1] aus dem Dunstkreis der Grundwissenschaften in den breiteren Blick gerückt. In einem einführenden Aufsatz des hier zu besprechenden Sammelbands verdeutlicht Mitherausgeber Daniel Bellingradt, dass Papier als Forschungsgegenstand in unterschiedlichen Disziplinen zu verorten ist: Angefangen von der Papiergeschichte, über die Wirtschaftsgeschichte, bis hin zur Kommunikationswissenschaft, um nur einige zu nennen. Dies macht gleichzeitig den Reiz und die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Papier aus. Bellingradt zeichnet das damit umrissene Spannungsfeld mit Verweisen auf die einschlägige Literatur der entsprechenden Disziplinen nach. Als Ziel des Bandes formuliert er auch, die unsichtbaren Lieferketten hinter dem heute noch vielfach überlieferten und damit sichtbaren Papier nachzuvollziehen (5).

Zentral ist hervorzuheben, dass es sich um einen Band handelt, der Interdisziplinarität ernst nimmt. Gleichzeitig ist es gelungen, nicht nur ein überregionales Untersuchungsgebiet in den Blick zu nehmen, sondern auch Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Regionen Europas zu gewinnen. Die 14 Einzelstudien des Bandes sind größtenteils auf die beiden Sektionen "Hotspots and Trade Routes" und "Usual Dealings" verteilt. Daran schließen sich zwei Aufsätze zu "Recycling Economies" an. Flankiert werden die Beiträge von der schon erwähnten substanziellen Einführung sowie einem Nachwort von Helen Smith, das einige verbindende Elemente der Einzelstudien verdeutlicht und auf diese Weise die Beiträge anregend Revue passieren lässt. Die Einteilung in die Sektionen erschließt sich dem Rezensenten nicht als zwingend, insbesondere da Unterscheidungsmerkmale zwischen den Beiträgen der beiden ersten Bereiche vage bleiben. Dies tut jedoch der Qualität der einzelnen Studien keinen Abbruch. Abgeschlossen wird der Band von einem Namens- und Sachregister, das erfreulicherweise auch verschiedene Papiere und Papierarten differenziert. So finden sich darin beispielsweise Packpapiere, Schreibpapiere, Tapeten sowie viele andere Verwendungsarten, die das Register zu einer echten Hilfe bei der differenzierten Suche machen (388-389).

Innerhalb des weit gesteckten Untersuchungszeitraums und -gebietes lassen sich kaum übergreifende inhaltliche Ergebnisse zusammenfassen, außer dass meist verblüffend große Mengen an Papier transportiert und verkauft wurden. Beispielhaft seien hier die Papierkäufe der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) in Amsterdam für die Jahre 1710-1720 genannt, die Frank Birkenholz untersucht (255-256). Jedoch wird bei der Lektüre deutlich, dass unabhängig von der fachlichen Verortung der einzelnen Autorinnen und Autoren meist eine Mischung an Methoden und Quellen zum Tragen kommt. Besonders häufig ist die Auswertung von Rechnungsunterlagen und die Analyse der Wasserzeichen in den Papieren zu beobachten. Paradigmatisch sei hier auf die Studie Jean-Benoît Krumenackers zum Papierhandel in Lyon zwischen 1450 und 1525 verwiesen (197-217).

Bei den Untersuchungen der Rechnungsunterlagen wird deutlich, dass Maßeinheiten in historischen Dokumenten nach wie vor eine Herausforderung für die Forschung darstellen und nicht immer problemlos oder zweifelsfrei aufgelöst und synchronisiert werden können (20-21, 130-132). Zudem muss immer wieder auch betont werden, dass frühneuzeitliche Papiere im Hinblick auf ihre Größe, Qualität und Beschaffenheit einer großen Varianz unterlagen (261-263). Diese Unterschiede und Typen sind heute aufgrund fehlender Zuordnungen von beschreibenden Quellen und Artefakten nicht immer zweifelsfrei nachvollziehbar.

Ein weiterer Zugang der Studien im Band ist die Untersuchung normativer Quellen, wie Megan K. Williams sie für die Privilegierung einer Frankfurter Papierhändlerfamilie des 16. Jahrhunderts heranzieht (55-89). Diesen Weg geht auch Silvia Hufnagel in ihrer Studie zu Island. Dort kann anhand eines königlichen Dekrets Christians III. aus dem Jahr 1552 festgemacht werden, dass in den beiden Lateinschulen Schreibpapier für arme Schüler zur Verfügung gestellt werden sollte. Da auf Island keine Papiermühle existierte, musste der Beschreibstoff zwingend importiert werden. Diese beiden Einblicke spiegeln exemplarisch die Vielfalt des vormodernen Papierhandels in Europa.

Ergänzt werden die Studien durch zahlreiche Diagramme sowie Reproduktionen von Wasserzeichen und weiteren materiellen Eigenschaften von Papieren. Insbesondere die Wasserzeichen können als nützliches Referenzmaterial dienen. Einige der Diagrammabbildungen (beispielsweise 203, 269) sind allerdings leider so klein geraten, dass sie in der gedruckten Fassung kaum zu erkennen sind.

Der Band erlaubt aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen und durch die geographisch wie zeitlich breite Perspektive Einblicke in den Papierhandel und Umgang mit Papier in fast allen Regionen Europas. Dabei ergeben sich aufgrund des Untersuchungszeitraums fast zwingend immer wieder Schnittflächen mit der Druckforschung, die auch reflektiert werden (u.a. 106). Erfreulich ist jedoch, dass der Band Papier auch losgelöst von Fragen des Buchdrucks untersucht und dieses so zu einem eigenständigen Forschungsgegenstand macht. Der gelungene Band sollte weniger als systematische Abhandlung des Forschungsfeldes denn vielmehr als Anregung und methodisches Repertoire dafür verstanden werden, wie vormodernes Papier und dessen Handel erforscht werden können.


Anmerkung:

[1] Lothar Müller: Weiße Magie. Die Epoche des Papiers, München 2012.

Paul Schweitzer-Martin