Rezension über:

Dirk Kemper / Paweł Zajas / Natalia Bakshi: Kulturtranfer und Verlagsarbeit. Suhrkamp und Osteuropa (= Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau; Bd. 16), München: Wilhelm Fink 2019, 248 S., ISBN 978-3-7705-6409-5, EUR 79,00
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Rezension von:
Maria Birger
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Maria Birger: Rezension von: Dirk Kemper / Paweł Zajas / Natalia Bakshi: Kulturtranfer und Verlagsarbeit. Suhrkamp und Osteuropa, München: Wilhelm Fink 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 6 [15.06.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/06/35875.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Dirk Kemper / Paweł Zajas / Natalia Bakshi: Kulturtranfer und Verlagsarbeit

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Der vorliegende Tagungsband entstand als Vorbote des 70-jährigen Jubiläums des 1950 gegründeten Verlags. In zehn Beiträgen widmen sich acht Wissenschaftler aus Russland, Osteuropa und Deutschland sowie die Suhrkamp-Lektorin des Osteuropaprogramms, Katharina Raabe, der kleinen Gruppe osteuropäischer Autoren und Werke, die seit der Gründung des Verlags bis zum Jahr 2000 bei Suhrkamp erschienen sind. Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf der Phase des Kalten Krieges.

Im einleitenden und methodisch richtungsweisenden Beitrag hält Dirk Kemper fest, dass das Interesse des Verlags an Osteuropa (hier verstanden als alle diejenigen Länder des Ostblocks, deren Autoren bei Suhrkamp publiziert wurden, vgl. Seite 3) parallel zur politischen Annäherung Mitte der 1960er Jahre einsetzte und in den 1970er Jahren rapide anstieg. Die Orientierung an zeitgenössischen kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Diskursen passte zum Selbstverständnis des Verlags, der "geistige, gesellschaftliche, kulturelle Veränderungen abbilden, repräsentieren und gezielt fördern wollte" (1).

Welche osteuropäischen Autoren und welche Werke wurden ausgewählt? Welche Rolle spielten dabei der Verleger, die Lektoren, die Berater und Übersetzer? Diese Leitfragen führen weg von den großen Verlegernamen Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld, der den Verlag 1959 übernahm, sowie von den eindeutig festgeschriebenen "Verleger-Narrativen" (15). Stattdessen liegt der Fokus des Bandes auf dem Tagesgeschäft, auf seinen Protagonisten sowie auf den osteuropäischen Autoren. Damit hebt sich der Band von der klassischen Institutionsgeschichte ab und beschreitet neue Wege. Neben der Rekonstruktion des Innenlebens der Suhrkamp-Kultur wird vor allem der Kulturtransfer im Sinne Michel Espagnes, das heißt der "nostrifizierende Transformationsprozess" (10) osteuropäischer Bücher und Autoren in ein Suhrkamp-Produkt, untersucht.

Einen der Schwerpunkte des vorliegenden Bandes bildet der Wissenschaftstransfer aus Osteuropa. Wiesław Małecki richtet sein Augenmerk auf die bei Suhrkamp publizierten soziologischen und philosophischen Schriften. Im Untersuchungszeitraum sind über 60 Titel osteuropäischer Autoren überwiegend in der edition suhrkamp, im suhrkamp taschenbuch wissenschaft und in den Reihen Theorie I und Theorie II vertreten. Letzteren widmet sich Rafael Y. Schögler. Osteuropäische Autoren erschienen in beiden Theoriereihen äußerst selten, was Schögler darauf zurückführt, dass wissenschaftliche Arbeiten im Kontext von (national)sprachlichen Denktraditionen entstünden und Schulen und ihre Anerkennung mit (nationalem) kulturellem Kapital verbunden sei. Werde ein theoretisches Werk in ein anderes Land übertragen, dann greife der bereits erwähnte "nostrifizierende Transformationsprozess", genauer gesagt die Translationspolitik. Damit ist nicht nur die Art und Weise der Übersetzung, sondern auch die "policy" (38) der Textauswahl gemeint, die stets stark interessengebunden sei. Suhrkamp verstand sich als vorbildlich linker Verlag für neuere und klassische "Marxologie" (76) aus Osteuropa und publizierte unter anderem Texte von Nikolaj Bucharin und Stalin.

Innerhalb anderer Reihen des Verlags war Osteuropa weitaus stärker vertreten, wie die folgenden sieben Beiträge des Sammelbandes belegen. Hier werden jeweils mehr oder minder erfolgreiche Beispiele des "nostrifizierenden Transformationsprozesses" aus der Sowjetunion, aus Polen und aus der Tschechoslowakei, den drei am stärksten vertretenen osteuropäischen Ländern im Verlag, untersucht. Der Transfer dortiger Autoren ging stets auf Vermittler und persönliche Kontakte von Beratern, Lektoren oder Übersetzern zurück.

Im Falle des polnischen Schriftstellers Zbigniew Herbert waren mehrere Akteure an seiner Vermittlung an Suhrkamp beteiligt, so Paweł Zajas. Zu den vermittelnden Akteuren zählten u. a. die Stuttgarter Agentur Geisenheyner & Crone und die polnische Agencja Autorska. Minutiös zeichnet Zajas nach, wie Herbert zum Suhrkamp-Autor wurde. Diese privilegierte Position ermöglichte dem Literaten zahlreiche Reisen nach Westeuropa, die teilweise mit Hilfe des im Auftrag des Auswärtigen Amtes agierenden Organisation Inter Nationes organisiert wurden. Außerdem wurde Herbert zum Berater und Literaturvermittler des Verlags und zum persönlichen Freund Unselds.

Weniger Gegenliebe entwickelte Unseld für die auflagenstarke Science-Fiction und die fantastische Literatur, so Matthias Schwartz in seinem Beitrag über osteuropäische Autoren der Phantastischen Bibliothek und ihrer Vorläufer. Trotz insgesamt 360 Reihentiteln wurde selbst der prominenteste osteuropäische Autor der Reihe, Stanisław Lem, nicht protegiert. Das Genre kam 1963 mit der Übernahme des Insel Verlags zu Suhrkamp und wurde in der Reihe "Phantastische Bibliohek" 1976-1999 gebündelt, weil es, so Franz Rottensteiner, "als Kind der technischen Zivilisation in verfremdeter Form Wahrheiten über unsere Welt enthält" (89).

Die letzten vier Aufsätze des Bandes bilden eine Art Einheit und widmen sich den Netzwerken zwischen osteuropäischen Autoren, Lektoren, Beratern und Übersetzern. Natalia Bakshi untersucht die Mittlerfiguren der russischen Literatur im Verlag, Kemper analysiert die Auswahlkriterien für Werke der russischen Literaturtheorie. Mirosława Zielińska konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Vermittler polnischer Literatur und Michael Špirit auf die tschechischen Autoren und ihre Kontakte zu Suhrkamp.

Augenfällig ist, dass Suhrkamp während des Kalten Krieges im Bereich der russischen Literatur und Literaturtheorie auf Dichter, Autoren und Theorien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgriff. Übersetzt und publiziert wurden Werke Marina Cvetaevas und Andrej Belyjs sowie Titel zum russischen Formalismus. Zu den zentralen Mittlerfiguren der russischen Literatur und Literaturtheorie gehörten unter anderem der Slawist Wolfgang Kasack und der Übersetzer, Schriftsteller und Publizist Alexander Kaempfe. Die polnische Literatur wurde unter anderem durch Autoren der Gruppe 47 und Lektoren wie Peter Urban vermittelt, der auch die tschechische Literatur aufmerksam beobachtete und betreute.

Leider fehlt eine Einordnung der Autoren aus Osteuropa in die politischen Rahmen-bedingungen und damit letztlich auch eine daraus resultierende Charakterisierung des Suhrkamp-Verlags. In den Beiträgen finden sich Hinweise darauf, dass die Autoren in ihren Heimatländern publizieren durften und über offizielle Stellen vermittelt wurden. War Suhrkamp also ein Verlag für arrivierte, staatstreue osteuropäische Autoren?

Eine Schwachstelle des Bandes ist sein teils inkohärenter Aufbau. Der gleich an die Einleitung anschließende Beitrag Raabes irritiert zunächst, da hier die methodischen Leitlinien ignoriert werden und ein erzählender Stil vorherrscht. In ihrem lesenswerten Exkurs berichtet die Suhrkamp-Lektorin über das von ihr seit dem Jahr 2000 betreute Osteuropa-programm. Zeitlich und stilistisch wäre der zweite Beitrag besser als Ausblick geeignet gewesen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Insgesamt ist es den Tagungsteilnehmern gelungen, eine bislang unbeachtete Seite der Suhrkamp-Kultur in Ansätzen zu rekonstruieren. So klein der Bereich der osteuropäischen Literatur innerhalb des Verlags auch war, spiegelte er die Probleme und Errungenschaften der politischen Annäherung an Osteuropa bis in die 1980er Jahre im Verlagsprogramm und den Netzwerken des elitären bildungsbürgerlichen Verlags der Bundesrepublik doch wider. Damit leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Kulturtransfers zwischen Osteuropa und der Bundesrepublik in der Phase des Kalten Krieges.

Maria Birger