Rezension über:

Roxana-Gabriela Curca / Alexander Rubel / Robin Symonds et al. (eds.): Rome and Barbaricum. Contributions to the archaeology and history of interaction in European prohistory (= Archaeopress Roman Archaeology; 67), Oxford: Archaeopress 2020, VI + 154 S., 60 Abb., ISBN 978-1-78969-103-0, GBP 32,00
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Rezension von:
Lina Diers
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Lina Diers: Rezension von: Roxana-Gabriela Curca / Alexander Rubel / Robin Symonds et al. (eds.): Rome and Barbaricum. Contributions to the archaeology and history of interaction in European prohistory, Oxford: Archaeopress 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 6 [15.06.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/06/34905.html


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Roxana-Gabriela Curca / Alexander Rubel / Robin Symonds et al. (eds.): Rome and Barbaricum

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Der rezensierte Sammelband ist aus einer Session des European Association of Archaeologists Annual Meeting 2014 in Istanbul entstanden, die wiederum aus dem in der rumänischen Forschungslandschaft verorteten Projekt 'The Other in Action: The Barbarization of Rome and the Romanisation (sic) of the World' resultierte. Insgesamt beinhaltet die Publikation neun Artikel. Es wird darauf eingegangen, dass nicht alle Beiträge Teil der Konferenzsession waren, eine Differenzierung wird jedoch nicht vorgenommen.

In einem kurzen Vorwort werden die Ziele der Publikation deutlich benannt: Neben den Fragestellungen der Beeinflussung der römischen Kultur durch "Barbaren" (v) und der Differenzierung der Termini römisch und barbarisch in verschiedenen Kontexten, sollen "reflections on the theoretical framework for a new model of Romanisation" (Klappentext) präsentiert werden.

In einem ersten Artikel, der als thematische und theoretische Einführung in die Publikation verstanden werden muss, behandelt Alexander Rubel die Bedeutung des Terminus Barbaren (1-21). Mit der Verwendung des Begriffs in römischen Textquellen, dem immanenten Unterschied in der griechischen und römischen Verwendung des Begriffes, der legalen und sozialen Unterscheidung von Barbaren und Römern, oder der Kennzeichnung von Barbaren durch ethnisch indizierte Darstellungselemente diskutiert Rubel verschiedene Aspekte. Er kommt zu zwei Ergebnissen. Zum einen beziehe sich die Bezeichnung in römischer Zeit allein auf kulturelle, nicht auf biologische Aspekte. Zum anderen solle die dichotome Konzeption des Begriffs, die die heute vorherrschende Bedeutung als "uneducated ruffians of whatever provenance" (2) der eigentlich implizierten römischen Bedeutung gegenüberstellt, vermieden werden. Besonders letzteres ist ein valider Punkt, jedoch kann der Artikel die eingangs gestellte Frage nach dieser Bedeutung nicht wirklich nuanciert beantworten.

Gabriele Rasbach präsentiert einen Überblick über die Siedlungsfundstelle Waldgirmes und ihren Kontext östlich des Rheins in augusteischer Zeit (22-38). Der Artikel bietet eine bestens bebilderte Einführung in die Fundstelle. Aufgrund der Tatsache, dass der Beitrag für die Umschlaggestaltung der Publikation herangezogen wurde, hätte man sich hier vielleicht eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung gewünscht.

Hans-Ulrich Voß widmet sich in einem solide argumentierten und sehr gut illustrierten Artikel der Beziehung zwischen Römern und Barbaren sowie indigenen Gruppen jenseits der Grenzen des Römischen Reiches zur Zeit der Markomannenkriege (56-72). Nach Voß lässt sich anhand von Objekten der Elitenrepräsentation in ausgewählten Gräbern im zentral-europäischen Barbaricum ein Beziehungskonstrukt feststellen, das Rückschlüsse auf den politischen Umgang der Römer mit ihren Nachbarn und Gegnern sowie die Auswirkungen der Markomannenkriege auf dieses Konstrukt bietet. Anhand von aussagekräftigen Fundgruppen postuliert er einen Wandel der indigenen Netzwerke von der Oder/Havel-Route während der Markomannenkriege zur Elbroute nach den Markomannenkriegen. So kann Voß eindrucksvoll zeigen, dass die Veränderung der indigenen Netzwerke im zentral-europäischen Barbaricum deutliche Auswirkungen auf das Römische Reich und seine politischen Realitäten hatte.

Iulia Dumitrache und Roxana-Gabriela Curcă behandeln die Beziehung zwischen römischen Siedlern und der ansässigen Bevölkerung im Raum der Pentapolis in Moesia Inferior anhand von linguistischen/epigraphischen Aspekten (73-80). Zu Beginn des Artikels wird eine Vielzahl von linguistischen Fachbegriffen angeführt, die in der Folge jedoch nicht näher erläutert oder im Kontext des behandelten Materials diskutiert werden. Trotz dieser Ungereimtheit liefern Dumitrache und Curcă eine interessante und gut argumentierte Sichtweise: Sie gliedern Händler und Handwerker aufgrund ihres wirtschaftlichen Einflusses in die Elite des Römischen Reiches ein und kommen zu der Conclusio, dass griechische Inschriften in Callatis und Tomis nicht unbedingt eine Zugehörigkeit zu einer linguistischen und/oder kulturellen Gruppe ausdrücken, sondern in Auftrag gegeben werden konnten, um lokale Geschäftspartner für sich einzunehmen. Dementsprechend wird in der Benutzung von Griechisch und Latein das "larger framework, in which people needed to function" (77) deutlich.

In einem ausführlichen Beitrag behandelt Lucian Munteanu die Münzfunde in zivilen und militärischen Siedlungen verschiedenen Charakters in Dakien und bettet sie in Vergleiche mit Pannonien, Noricum, Raetien und Germanien ein (85-114). Es handelt sich um eine solide und visuell gut unterstützte Datenvorlage, bei der sich allerdings keinerlei Zusammenhang mit dem Thema und den Fragestellungen der Publikation feststellen lässt.

Der Artikel von Alexandru Popa ist der einzige Beitrag, der explizit das Konzept der Romanisierung anspricht (115-134). Eine Vielzahl langer Zitate zur Romanisierung indigener Gruppen jenseits der römischen Provinzgrenzen aus moldauischen und rumänischen Schulbüchern nutzt Popa als Belege für die Existenz eines politisch motivierten Antikenmythos in Südosteuropa. Dies kritisiert Popa, was sowohl nachvollziehbar als auch wünschenswert ist. Die Aufarbeitung der eigenen Forschungsgeschichte ist grundsätzlich und besonders in diesem Kontext von immenser Bedeutung. Der Beitrag lässt jedoch einen kritischen Umgang mit dem Konzept der Romanisierung vermissen.

Manuela Martins, Cristina Braga, Fernanda Magalhães und Jorge Ribeiro diskutieren schließlich Interaktionen und Wandel im Nordwesten der iberischen Halbinsel zur Zeit der Entstehung der Provinz Hispania Tarraconensis (135-154). Anhand des conventus bracarensis und der neu gegründeten städtischen Siedlung von Bracara Augusta wird nachvollziehbar und nuanciert etabliert, dass sich nach der Ankunft der Römer eine neue Kultur formte, die nicht von Adaption, sondern von lokalen Gegebenheiten geprägt war. Für die vorrömische Eisenzeit besteht in der Region ein heterogenes Bild der materiellen Kultur und des Siedlungswesens. Dies bleibt auch ab augusteischer Zeit bestehen: Martins et al. zeigen, dass in Bracara Augusta eine indigene Bevölkerung deutlich fassbar ist, während sie weiter im Norden bisher fehlt.

Insgesamt bietet die Publikation eine Vielzahl interessanter Einzelbeiträge. Betrachtet man jedoch die eingangs formulierten Fragestellungen und Ziele des Sammelbands, muss teilweise nach einem gemeinsamen Nenner in den einzelnen Artikeln gesucht werden. Eine theoretische Reflektion des Konzepts der Romanisierung findet so beispielsweise nicht statt. Vielmehr wird der Begriff als gegeben verwendet, jedoch nicht in die globale Forschungsdebatte der letzten 20 Jahre eingebettet. Aufgrund dieser beiden Aspekte hätten eine übergeordnete Einführung und/oder ein Schlusswort der Publikation sicher gutgetan. Gleiches gilt für ein Lektorat: Von den variierenden Einzügen im Abbildungsverzeichnis bis zur konsequenten Verwendung der Schreibung "Barbarian" (Substantiv) und "barbarian" (Adjektiv) lassen sich verhältnismäßig viele formale und grammatikalische Mängel feststellen, die sich leicht hätten vermeiden lassen.

Lina Diers