Rezension über:

Artem Kouida: Melioration im Belarussischen Polesien. Die Modernisierung der sowjetischen Peripherie (1965-1991) (= Historische Belarus-Studien; Bd. 7), Wiesbaden: Harrassowitz 2019, XII + 280 S., ISBN 978-3-447-11181-2, EUR 58,00
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Rezension von:
Jörg Stadelbauer
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Stadelbauer: Rezension von: Artem Kouida: Melioration im Belarussischen Polesien. Die Modernisierung der sowjetischen Peripherie (1965-1991), Wiesbaden: Harrassowitz 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/05/35816.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Artem Kouida: Melioration im Belarussischen Polesien

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In Heft 3/2019 der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung wurden mehrere Artikel publiziert, die aus dem von der Leibniz-Gemeinschaft geförderten Forschungsprojekt "Polesien als Interventionslandschaft. Raum, Herrschaft, Technologie und Ökologie an der europäischen Peripherie (1915-2015)" hervorgegangen waren oder dieses ergänzten. Über den langen Zeitraum von der Mitte des 19. bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhundert wurden in drei Teilprojekten Entwicklungen in dem ausgedehnten Feuchtgebiet beiderseits der belarussisch-ukrainischen Grenze verfolgt, bei denen es um wissenschaftliche Raumbewertung und regionale Aufwertungen durch infrastrukturelle Leistungen ging, welche als Modernisierungsmaßnahmen zum Wohl der Bevölkerung und ihrer Heimat, aber auch zur Machtdemonstration der sie veranlassenden politischen Akteure gedacht waren. In diesem Sinne ist der Begriff "Interventionslandschaft" zu verstehen, der auch dem Teilprojekt "Melioration und Kollektivierung im belarussischen Polesien, 1965-2015" zugrunde lag, das die auf Entwässerung abzielende Melioration in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft behandelte.

Artem Kouidas Monografie ging als Gießener Dissertation aus diesem Teilprojekt hervor und verbindet den chronologischen Zugang des Historikers mit drei Schwerpunktaspekten, die aus jeweils anderem Blickwinkel den belarussischen Teil der Region analysieren: Nach einem zeitlichen Rückblick auf Modernisierungsmaßnahmen in der frühen Sowjetzeit wird zunächst der Planungsvorgang bei den vorgesehenen und durchgeführten Meliorationen beleuchtet, wobei nicht nur die beteiligten Institutionen auf gesamtsowjetischer und unionsrepublikanischer Ebene in ihren keineswegs einheitlichen Auffassungen berücksichtigt werden, sondern auch die Verbindung zwischen Politik und Wissenschaft zur Sprache kommt. Deutlich wird dabei die Matrixstruktur des sowjetischen Verwaltungssystems, in dem die Befehlshierarchie zwischen Zentralverwaltung und lokaler Ausführung ebenso hervortritt wie unklare Kompetenzverteilungen auf allen Ebenen. Der zweite Zugang gilt dem wirtschaftlichen Erfolg der Melioration und zeigt, wie weit Anspruch und Realität auseinanderklafften. Dies wird nicht nur mit spröden Zahlen, sondern auch an konkreten Beispielen wie dem Sovchoz in Parachon verdeutlicht. Der dritte Zugang schildert das Handeln lokaler Akteure, die keineswegs immer die staatlichen Vorgaben mitzutragen bereit waren, sondern - aus der Erfahrung vor Ort - auch Gegenmodelle der Raumentwicklung vor Augen hatten, welche aber gegen die staatliche Übermacht nicht durchgesetzt werden konnten. In allen drei Hauptteilen spiegelt die Darstellung auch die Entwicklung der Sowjetunion wider: Auf eine Phase wirtschaftlicher Erfolge unter Leonid Brežnev folgte ein Jahrzehnt der Stagnation, ehe Michail Gorbačevs vergebliche Versuche, den Reformstau zu beenden und ganz konkret die in der russischen Geschichte latente "Agrarfrage" zu lösen, das Ende der Sowjetunion einleiteten.

Die Einbettung des Teilprojekts in den weiteren Projektrahmen ermöglicht es, auf um-fassende Erörterungen der Rahmenbedingungen zu verzichten. So wird auch kein umfassender theoretischer Ansatz vorausgeschickt, doch ist es implizit gelungen, mehrere Aspekte des cultural turn aufzugreifen und für die Untersuchung fruchtbar zu machen, die mentalen Konstruktionen eines Raumes ebenso wie die materielle Realität alter und neuer Siedlungen.

In allen drei Hauptteilen fächert Kouida seine Argumentation weit auf, was der Komplexität des Untersuchungsgegenstands genauso wie dem Bedürfnis nach Verständlichkeit geschuldet ist. So werden Hinweise auf Naturraum und Ökosystem mit Analysen zur Agrar- und Forstwirtschaft, mit Siedlungs- und Wirtschaftsplanung und auch mit technischen Details verknüpft. Die Entwicklung der Kolchoze und die Sovchozierung, die agrarpolitischen Programme der Sowjetunion, Einflüsse der Reaktorkatastrophe von Černobyl' auf die polesische Agrarlandschaft, Korruption und Bilanzfälschungen, anthropogene Eingriffe in den Naturhaushalt, Werbung bei der Jugend für eine Mitwirkung an diesem sozialistischen Großvorhaben, Alltag und Arbeitsbedingungen bei den Meliorationsarbeiten - die Liste von Einzelthemen könnte noch lange fortgeführt werden; sie alle stehen jedoch nicht für sich, sondern werden immer miteinander vernetzt.

Einige wenige kritische Bemerkungen dürfen allerdings nicht fehlen. So wäre ein gründliches Lektorat angebracht gewesen, um störende Unsicherheiten beim Gebrauch des Artikels, bei Flexionsendungen oder Satzkonstruktionen zu beheben. Bei manchen Paraphrasen aus offiziellen Quellen meint man, noch in der Übersetzung die russische Amtssprache zu hören. Und ob nicht eine "Wissenschaft des Meliorationswesens" semantisch angemessener wiedergibt, was als "meliorative Wissenschaft" (ein Beispiel für mehrere ähnliche Ausdrücke) bezeichnet wird, wäre zu überlegen. Bei den zahlreichen Institutionen und Organisationen wäre auch die Nennung der offiziellen russischen (oder belarussischen) Bezeichnungen hilfreich gewesen. Die Abkürzung "Zt" für "Zentner" (im russischen Maßsystem: 100 kg) ist wohl eine Eigenschöpfung des Autors; sinnvoller wäre Doppelzentner (dz) oder Dezitonne (dt). Bedauerlich ist, dass der Arbeit nur eine Karte beigegeben ist, die den Anteil der meliorierten Fläche an der Gesamtfläche nach Landkreisen für 2014 dokumentiert. Um einen Eindruck vom Landschaftscharakter mit seinen Wasserläufen, Wäldern und Agrarflächen zu vermitteln, hätte eine Karte (in nicht zu kleinem Maßstab) oder ein repräsentativer Kartenausschnitt die Peripherität einzelner Siedlungen zeigen und damit die Erschließungsprobleme dokumentieren können, eine andere beispielhaft die Planung einer Meliorationsmaßnahme und das tatsächliche Ergebnis.

Diese Hinweise sollen die Publikation in keiner Weise abqualifizieren. Dem Autor ist es gelungen, eine durchaus spannende Darstellung vorzulegen, die - neben persönlicher Kenntnis der Region - auf umfangreichem Aktenstudium und der Durchsicht einer weit verstreuten Literatur von politischen Beschlüssen, journalistischen Berichten und wissenschaftlichen Analysen beruht. Die Arbeit vermittelt einen lebendigen Eindruck von der Diskrepanz zwischen sowjetischem Machtanspruch (nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch gegenüber der Natur) und der Realität vor Ort.

Jörg Stadelbauer