Rezension über:

Jasmin Nithammer: Grenzen des Sozialismus zu Land und zu Wasser. Die tschechoslowakische Landgrenze und die polnische Seegrenze im Vergleich (1948-1968) (= Studien zur Ostmitteleuropaforschung; 44), Marburg: Herder-Institut 2019, VI + 235 S., ISBN 978-3-87969-444-0, EUR 45,00
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Rezension von:
Verena Bunkus
Historisches Seminar, Universit├Ąt Erfurt
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Verena Bunkus: Rezension von: Jasmin Nithammer: Grenzen des Sozialismus zu Land und zu Wasser. Die tschechoslowakische Landgrenze und die polnische Seegrenze im Vergleich (1948-1968), Marburg: Herder-Institut 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/05/35815.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Jasmin Nithammer: Grenzen des Sozialismus zu Land und zu Wasser

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Jasmin Nithammers Monografie ist eine punktuell überarbeitete Version ihrer 2016 an der Justus-Liebig-Universität Gießen verteidigten Dissertation. Gegenstand der Studie ist der Vergleich der polnischen Seegrenze mit der tschechoslowakischen Landgrenze in ihren Abschnitten zu Deutschland und Österreich während des Kalten Krieges. Die Verfasserin untersucht diese unter dem Phänomen der "Systemaußengrenzen" mittels direkter Gegenüberstellung der Grenzkonzeptionen. Grundlegende Aspekte zur Bestimmung der "Systemaußengrenzen" sieht die Verfasserin in der Konsolidierung aus physischer Grenzanlage und der sie umgebenden, diskursiven "ideologischen Mechanismen" (3). Diese arbeitet sie mithilfe einer Analyse des Wirkens der Grenzschutzsoldaten sowie der in den Gebieten lebenden Bevölkerung heraus. Damit leistet die Verfasserin einen Beitrag zum Forschungsfeld der interdisziplinären Grenzstudien.

Die Arbeit ist übersichtlich in fünf Kapitel unterteilt. Neben der Einleitung und einer knappen historischen Darstellung über die Etablierung der Staatsgrenzen nach 1945 als Garant des sozialistischen Staatensystems folgen drei inhaltliche Fallstudien. Diese analysiert Nithammer anhand dreier theoretischer Zugänge: Die internationale rechtliche Etablierung untersucht sie mit dem Konzept "Grenzen und Territorium", den Ausbau der "Systemgrenze" mit "Grenzen und Macht" sowie die Wahrnehmung des Grenzschutzes und dessen Einbindung in lokale Strukturen mit "Grenzen und Gesellschaft". Als Quellengrundlage zieht die Verfasserin in erster Linie Texte aus offiziellen Kontexten wie Gesetzen, politische Korrespondenzen und Ministerialakten heran. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Grenzschutzakten und den in diesem Zusammenhang herausgegebenen Zeitschriften, der polnischsprachigen Granica (Die Grenze) und der tschechoslowakischen Pohraničník (Der Grenzschutz).

Die erste Fallstudie "Staatsgrenzen als Gesetz" stellt Nithammer unter die Prämisse der "Linearität von Grenzen", die ein wichtiger Bestandteil der Territorialisierungsprozesse seien. Gleichzeitig fungierten diese, beispielsweise durch die kartografische Darstellung in Form einer trennenden Linie, als imaginäre Konstrukte politischer Akteure (12). So zeichnet die Verfasserin zunächst den Prozess der Festlegung des Grenzverlaufs und der Kennzeichnung im Gelände nach. Im Falle der tschechoslowakisch-österreichisch-deutschen Delimination bestand die Grenzfestlegung vor allem aus der Anerkennung von Vereinbarungen der Zwischenkriegszeit vor dem Münchner Abkommen. Grenzsteine zwischen den Ländern wurden im gegenseitigen Übereinkommen gesetzt. Im Falle der polnischen Seegrenze gestaltete sich dies jedoch komplexer, da in der Frage der Breite des Küstenmeeres keine internationalen Konventionen verabschiedet worden waren. Polen entwarf ein mehrere Kilometer breites Grenzgebiet mit verschiedenen Zonen unter Einschluss des Landesinneren (62). Erst auf der dritten Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen 1982 konnte eine Kodifikation in der Frage des Küstenmeers und der Anschlusszone erreicht werden (73).

Nach der Erörterung der Grenzlegitimationen beschäftigt sich die Verfasserin in der zweiten Fallstudie mit der Errichtung von Sicherungssystemen, die in letzter Konsequenz zur ideologischen Konstruktion der "Systemgrenze" führten. Sie plädiert dafür, Grenzen nicht als Linien, sondern als Prozesse und Praktiken zu betrachten (13). Im ersten Kapitelabschnitt beschreibt sie minutiös den Aufbau des Grenzschutzes als Repräsentanz der jeweiligen Ordnungsinstanz. Sicherungsmaßnahmen wurden mehrfach reorganisiert und zunehmend militarisiert. Während die Tschechoslowakei 1951 das Gebiet in eine "Grenzzone" und eine "Verbotene Zone" aufteilte und die grenznahe Bevölkerung nach ideologischen Gesichtspunkten aus- und umsiedelte, nutzte Polen seinen Küstenabschnitt für Wirtschaft und Tourismus. Der aus pragmatischen Gründen angepasste Grenzwegstreifen hatte letztendlich nichts mit der eigentlichen Grenze zu tun (102). Als Gemeinsamkeiten der "Systemgrenze" sieht Nithammer ausgeprägte Parallelen in der Argumentationssemantik - die Grenze sollte als staatliche Institution die Sicherheit des Staates gewährleisten - und in der Praxis der Sicherungsmaßnahmen (114).

Den zweiten Abschnitt des Kapitels widmet die Verfasserin dem Bild des Grenzschutzsoldaten in der politischen Propaganda anhand der genannten Fachzeitschriften. Dabei stellt sie heraus, dass die Grenzer als heroische Repräsentanten stilisiert wurden, die letztlich das Bild der "Systemgrenze" wesentlich mitprägten. Der Grenzschutz sollte besonders systemtreu sein, wurde regelmäßig ideologisch geschult und musste eine Vorbildfunktion gegenüber der Grenzlandbevölkerung ausüben. Erst diese Maßnahmen, so die Verfasserin, seien für die Konstruktion als "Systemgrenze" entscheidend gewesen.

In der letzten Fallstudie betrachtet die Verfasserin die Grenzlandgesellschaft, die durch ihre Zugehörigkeit zum politischen Raum eine "Wir"-Gruppe gebildet habe, die sich in Ablehnung des "Anderen" jenseits der Grenze konstituiert habe (18). Dabei kommt die Verfasserin erstmals ausführlicher auf den dramatischen Bevölkerungsaustausch in den Grenzgebieten in Folge des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Sie stellt heraus, dass sich in der Tschechoslowakei die neu gebildete Grenzgesellschaft politisch stark von der des Landesinneren unterschied, was sich auch in der höheren Unterstützung des kommunistischen Regimes bei den Wahlen ausdrückte (151). In Polen blieb insbesondere die kaschubische Minderheit der politischen Unzuverlässigkeit verdächtig. Der Grenzschutz legte Listen mit aus ihrer Sicht problematischen Bewohnern an. Gleichzeitig versuchten die Truppen beider Staaten durch vertrauensbildende Maßnahmen, zum Beispiel als Erntehelfer, feste Bindungen zur heimischen Bevölkerung aufzubauen. Hier hebt Nithammer die Jugendarbeit hervor. An zwei Beispielen vereitelter Grenzflucht an der tschechoslowakischen Grenze zeigt sie, wie sich in der Bevölkerung rekrutierte Spitzel bei auffälligem Verhalten fremder Personen an den Grenzschutz wandten. Den engen Kontakt zwischen Bevölkerung und Soldaten und die davon ausgehende intensive Propaganda sieht die Verfasserin schließlich als zentrales Element der Staatsgrenzen (189).

Durch die intensive Analyse offizieller Dokumente und von Fachzeitschriften kann Nithammer die Organisation der Systemgrenze und die Idealisierung des Grenzschutzes gezielt und gewinnbringend nachzeichnen. Aufschlussreich wäre es gewesen, wenn sie in die Erzählung des über weite Strecken gesichtslosen Machtapparates eine stärker akteurszentrierte Perspektive eingearbeitet hätte. Insbesondere bei der Schilderung der Fluchtversuche an den polnischen und tschechoslowakischen Grenzen wäre es wertvoll gewesen, wenn die Verfasserin durch Hinzunahme anderer Quellenbestände Flüchtende oder Anwohner zu Wort hätte kommen lassen. Mögliche Arten der Interaktion zwischen Einwohnern der verfeindeten Nachbarländer werden nicht thematisiert. Der Eindruck eines sterilen, anonymen und unüberwindbaren "Eisernen Vorhanges" wird dadurch unweigerlich verstärkt.

Die Dissertationsschrift ist mit kleinen Ausnahmen gut lesbar geschrieben, weist jedoch einige stilistische Mängel auf. Die weit über 50 Abkürzungen werden nicht immer entsprechend eingeführt. Es erscheint willkürlich, wann fremdsprachliche Bezeichnungen und wann ihre deutsche Übersetzung zuerst genannt werden (zum Beispiel Seite 128).

Die vorliegende Studie ist ein empfehlenswertes Nachschlagewerk für diejenigen, die bereits über Kenntnisse der polnischen und tschechoslowakischen Geschichte verfügen und sich vertiefend mit den rechtlichen und den Sicherungsaspekten der beiden Grenzsysteme sowie der organisatorischen und ideologischen Genese des Grenzschutzes auseinander setzten möchten.

Verena Bunkus