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Lucian Hölscher: Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, Göttingen: Wallstein 2020, 325 S., 11 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-3757-2, EUR 28,00
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Rezension von:
Christof Dipper
Institut für Geschichte, Technische Universität, Darmstadt
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Empfohlene Zitierweise:
Christof Dipper: Rezension von: Lucian Hölscher: Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, Göttingen: Wallstein 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/05/35190.html


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Lucian Hölscher: Zeitgärten

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Reinhart Koselleck gilt mit Recht als der deutsche Historiker, von dem man am ehesten Antworten zum Thema Zeit erwartete; er hat ja auch mehrfach eine Theorie der historischen Zeit angekündigt. Geliefert hat er allerdings nicht - sein Beitrag in Jordans Lexikon ist fast so etwas wie ein "Abgesang auf eine wirkliche Theorie der historischen Zeit(en)" - und zwar, wie Jörg Fisch wohl mit Recht vermutet, weil sie nicht möglich ist. [1] Zeit "ist kein geschichtlicher Grundbegriff [...], sondern ein Grundbegriff der Geschichte, genauer der Geschichtswissenschaft" und hat "keine Geschichte". Umso intensiver befasste sich Koselleck mit geschichtlichen Zeitkategorien (z. B. Fortschritt, Beschleunigung), die er allerdings Bewegungsbegriffe nannte.

Koselleck verfügte über die beneidenswerte Gabe, "von einer Episode oder Anekdote ausgehend, Grundfragen seiner Disziplin stellen und in Frage stellen" zu können. [2] Lucian Hölscher, einer seiner Schüler, bietet dagegen harte Kost, jedenfalls am Anfang und Ende seines Buchs, wo er Ausflüge in die Philosophie unternimmt. Sein Ziel ist die Prüfung, ob "die Idee der 'Zeitfigur' [...] als Grundlage einer 'Theorie historischer Zeiten' (Koselleck) dienen kann" (16). Mit Fisch könnte man fragen, ob es die Theorie überhaupt geben kann, wenn man nicht gleich ganz ketzerisch fragt, ob es die Theorie wirklich braucht. Im Normalfall, so scheint dem Rezensenten, bedient man sich der Zeitfiguren ohne viel Nachdenkens, denn sie sind seit gut zweihundertfünfzig Jahren ein vertrautes Mittel geschichtlichen Schreibens. Hölscher, der zu diesem Thema sehr viel publiziert hat, hält eine Aufklärung seiner Disziplin allerdings für geboten.

Das Buch besteht aus drei sehr unterschiedlichen Teilen. Im ersten arbeitet Hölscher seine beiden Zeitsorten, die "leere" und die "gefüllte", heraus und schildert deren Implementation im 18. Jahrhundert durch Historiker wie Gatterer, Schlözer und Schiller. Im zweiten Teil stellt Hölscher anhand von 24, von Schlözer bis Steinmetz reichenden Beispielen die Fülle möglicher Verwendungen von Zeitfiguren vor, während der abschließende dritte Teil neben einer Auswertung der Beispiele seinen eigenen zeittheoretischen Zugriff präsentiert.

"Wer über Zeit spricht, ist auf Metaphern angewiesen", belehrte einst Koselleck seine Leser. [3] So wählt auch Hölscher unter Rückgriff auf Bossuet eine Metapher für Buchtitel und Einleitungstext, wo er "dreierlei Zeitgärten der Geschichte" (17) vorstellt, die "die figurative Dimension der historischen Zeit selbst vor Augen" führen (16): die teleologisch auf Christus ausgerichtete Weltgeschichte bis einschließlich Bossuet, der perspektivische Blick in die Vergangenheit seit Schiller und das Meer mit seinen unterschiedlichen Wasser-, d.h. Zeitschichten Braudels (Braudel hatte die Gartenmetapher expressis verbis verworfen). Die Zeitmetaphern sind bekanntermaßen räumlich, und auch die Historie weist eine räumliche Konnotation auf, man denke nur an Fortschritt, Bruchlinie oder eben Zeitschicht. Das ist Hölscher aber zu wenig. Darum spricht er verallgemeinernd von Zeitfiguren, unter die er dann auch Erscheinungen wie Zeitgeist, Gleichzeitigkeit, Epoche, Entwicklung und die doppelte Zeitebene (Erzählzeit und erzählte Zeit) fassen kann. Diese stellen die "gefüllte" bzw. "verkörperte" Zeit dar und kommunizieren mit der "leeren", d.h. der quasi-naturalen Chronologie - eine Einsicht, die sich im 18. Jahrhundert durchgesetzt habe, weshalb sich seither Geschichtsschreibung "immer im Zusammenspiel von leerer und verkörperter Zeit" abspiele (35). Vereinfacht gesagt, erweitert Hölscher Kosellecks Zeitmetaphern durch Zeitfiguren, die nichts anderes als Verhältnisbestimmungen sind, führt deren Verwendung an Beispielen vor und macht am Ende einen Vorschlag, auf den zurückzukommen sein wird.

Der geneigte Leser wird mit Teil 2 am besten bedient, denn Hölscher liefert anhand seiner 24 pragmatisch ausgewählten Proben aus mehr als zweihundert Jahren Geschichtsschreibung anschauliche Beispiele für den denkbar unterschiedlichen Einsatz von Zeitfiguren. Belesenheit und die Kunst der knappen, aber pointierten Diagnose nötigen großen Respekt ab. Diese rund zweihundert Jahre sind zwar keine Fortschrittsgeschichte, denn prinzipiell steht seit Schiller die Perspektivität des Blickes auf die Vergangenheit zur Verfügung, aber im Laufe der Zeit, und ganz besonders im 20. Jahrhundert hat sich die Zahl der Zeitfiguren vermehrt. Was die Historiker [4] damit anfangen, ist trotzdem ihre Entscheidung. Eher schlichte Zeitmodelle (Schlosser, Gervinus, Bellamy, Treitschke und Kocka) stehen hochelaborierten gegenüber (Droysen, Freytag, Koselleck, Nipperdey und Steinmetz). An der Spitze rangiert dank seiner enormen Reflexivität unangefochten Golo Mann mit einem großen "Reichtum an Zeitfiguren" (137), am anderen Ende Wehler mit keineswegs verblüffender "Armut" (174), denn bei diesem "Treitschke redivivus" (Nipperdey) hatte die Vergangenheit kein Recht auf eine Eigenzeit.

Teil 3 stellt die Zeitfiguren einzeln vor. Das geschieht ungeheuer kenntnisreich und ist daher mit großem Gewinn zu lesen. Hölscher behandelt zunächst Geist, Zeitgeist und Gleichzeitigkeit, gewissermaßen die Ausgangspunkte moderner geschichtstheoretischer Ansprüche, gefolgt von Epoche, deren arbiträrer Charakter erst nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst geworden sei, und der Dreiheit Fortschritt, Entwicklung und Lebenszyklus; die ersten beiden seien "die meistgebrauchten Zeitfiguren in der neuzeitlichen Geschichtsschreibung" (234). Mit den Zeitschichten verbindet man üblicherweise die Annales-Schule, von der sich besonders Koselleck hat inspirieren lassen, während die "doppelte Zeitebene", ein Kind der antihistoristischen Revolution - der Begriff taucht merkwürdigerweise im ganzen Buch nicht auf -, nach dem Ersten Weltkrieg von Huizinga entdeckt worden ist; ihre Fernwirkungen reichen bis zum cultural turn. Zum großen Augenblick liefert Hölscher wenig Beispiele, zum Geschichtsbruch umso mehr, denn seit dem 20. Jahrhundert wird er auch von den Mitlebenden als solcher erkannt, bis dann zum Schluss Beschleunigung und Apokalypse kritisch gewürdigt werden.

Am Ende kommt Hölscher auf das Verhältnis von "leerer" und gerichteter, "verkörperter" Zeit zurück und entfaltet seinen eigenen zeittheoretischen Zugriff. Die "leere" Zeit habe auch eine positive Funktion, stelle sie doch die Beziehung zwischen den Dingen her; sie ist "auf Bewegung und Übergang angelegt" (284). Dazu brauche es allerdings "einen Horizont, einen Rahmen, damit zeitliche Relationen eine konkrete Bedeutung annehmen" (285). Wo dieser fehle, herrsche "Zeitlosigkeit", womit Beziehungslosigkeit gemeint ist, und diese, so Hölschers letztes Wort, werde in der "Geschichtswissenschaft [...] bislang noch zu wenig bedacht" (286). Dabei sei sie so wirkmächtig wie im Universum die Schwarzen Löcher, die man ja ebenfalls nicht sehen könne. Letzteres freilich hat sich neuerdings geändert: Im April 2019 lieferte die European Space Organisation die erste Aufnahme des Schattens eines Schwarzen Lochs. Metaphern, wie man sehen kann, haben durchaus ihre Tücken.


Anmerkungen:

[1] Jörg Fisch: Reinhart Koselleck und die Theorie historischer Zeiten, in: Carsten Dutt / Reinhard Laube (Hgg.): Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks, Göttingen 2013, 48-64. Die beiden Zitate auf Seite 55 und Seite 61 f.

[2] Ebd, 49.

[3] Reinhart Koselleck: Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt/M. 2000, 9.

[4] Dass es sich ausschließlich um Männer handelt, glaubte Sina Steglich in ihrer Rezension ebenso beklagen zu müssen wie die Beschränkung auf deutschsprachige Autoren. Nun könnte ersteres bis ca. 1960 in der Natur der Sache liegen, während letzteres auf flüchtige Lektüre schließen lässt (Hölscher stellt auch Bellamy, Febvre, Ginzburg, Hobsbawm und Mazower vor); Sina Steglich, Rezension zu: Hölscher, Lucian: Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit. Göttingen 2020, in: H-Soz-Kult, 18.12.2020; www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-93694.

Christof Dipper