Rezension über:

Steffen Fiebrig / Jürgen Dinkel / Frank Reichherzer (Hgg.): Nord/Süd. Perspektiven auf eine globale Konstellation, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2020, 466 S., 4 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-067600-6, EUR 79,95
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Rezension von:
Christopher Seiberlich
Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Christopher Seiberlich: Rezension von: Steffen Fiebrig / Jürgen Dinkel / Frank Reichherzer (Hgg.): Nord/Süd. Perspektiven auf eine globale Konstellation, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/35043.html


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Steffen Fiebrig / Jürgen Dinkel / Frank Reichherzer (Hgg.): Nord/Süd

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Mit "Nord/Süd" haben Jürgen Dinkel, Steffen Fiebrig und Frank Reichherzer einen sehr gelungenen Sammelband vorgelegt. Die Herausgeber verstehen "'Nord' und 'Süd' [als] einflussreiche[...] Chiffren für das Sprechen über globale Beziehungen, Abhängigkeiten und nicht zuletzt Ungleichheiten" (1). Es habe drei Hauptgründe dafür gegeben, dass diese suggestive Formel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem wenngleich nicht hegemonialen, so doch prägenden Erklärungsmuster aufgestiegen sei. Sie habe Diskussionsstränge der internationalen Politik gebündelt, als deutungsoffene "Strategie der Selbstermächtigung" (17) diverse Akteurinnen und Akteure zeitweise vereint und das Zusammenwirken von Weltdeutungen ermöglicht. Damit sei ein neuer "Referenzrahmen für weltumspannendes Deuten und Handeln" (1) geschaffen worden. Auf diesen Linien behandelt der Band Emanzipationsversuche südlicher Akteurinnen und Akteure während und nach der Dekolonisierung sowie deren internationale Aushandlung. Die Themen reichen von UN-Verhandlungen über Kulturpolitik bis zu Wissensregimen.

Die Herausgeber möchten, wie sie einleitend darlegen, unterschiedliche Perspektiven und teils gegensätzliche Deutungen zusammenbringen anstatt eine übergreifende These zu präsentieren. Von dieser Haltung profitiert der Band, indem er die Facetten des Themas offenlegt. Allerdings würde den Leserinnen und Lesern - etwa mit Blick auf den halbseitigen Katalog an Leitfragen - eine bisweilen schärfere Fokussierung entgegengekommen.

Die Bereitschaft der Herausgeber, die eigene Deutung nicht absolut zu setzen, wird besonders im Aufsatz von Rüdiger Graf deutlich. Er hält den "Nord-Süd-Konflikt" als Analysekategorie für ungeeignet, da die Nord-Süd-Semantik zwar "eine hohe diskursive Wirkung" (433) entwickelt habe, aber die Konfliktlinien nicht adäquat abbilde. Trotz der Skepsis gegenüber dem analytischen Potenzial des Begriffs stimmt Graf in vielen Erkenntnissen - wie der inneren Heterogenität von globalem Norden und Süden oder der Neuaushandlung von Souveränität - mit anderen Aufsätzen überein.

"Nord/Süd" will die Forschung um vier Dimensionen erweitern: durch eine chronologische Perspektive über die 1970er Jahre hinaus; durch Akteure wie Regierungen und internationale Expertinnen und Experten, die globale Ordnungen steuern wollten; durch Themen jenseits der dominanten Orientierung auf Wirtschaft und durch die Historisierung des Deutungsmusters.

Chronologisch greift Martin Deuerlein am weitesten zurück, der die Wechselwirkung von Weltwahrnehmung und Handeln anhand des Interdependenzdenkens seit dem 19. Jahrhundert untersucht. Er zeigt, wie die bipolare Weltdeutung seit den 1960er Jahren gegenüber der "wechselseitige[n] Abhängigkeit" (24) an Überzeugungskraft verlor. Mit ähnlicher Stoßrichtung fragt Andreas Weiß nach Vorstellungen vom "Süden" in der Europäischen Kommission.

Generell genießen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel Aufmerksamkeit im Band. Die Beiträge von Stella Krepp und Katja Naumann analysieren Abhängigkeiten, institutionalisierte Konflikte und Ungleichheiten in der internationalen Wissensproduktion. Krepp erläutert, wie Politökonomen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) nach "intellektuelle[r] Unabhängigkeit" (119) strebten, trotz der Marginalisierung durch nördliche Experten Wissen über internationale Ungleichheiten produzierten und zentralen Einfluss auf Debatten über Entwicklung und die Weltwirtschaft erlangten. Naumann belegt, dass die Aufnahme von Ländern des globalen Südens in die UNESCO nicht mit gleichberechtigter Teilhabe gleichzusetzen sei. Anstatt globale Ungleichheit systematisch zu untersuchen, habe die UNESCO diese in der Analyse fragmentiert und sei einer Auseinandersetzung mit Nord-Süd-Problemen lange ausgewichen. Mit Kulturschaffenden analysiert Sarah Stein selten beleuchtete Akteurinnen und Akteure. Wie Krepp und Naumann betont auch sie, dass der Begriff "globaler Süden" sich erst Ende der 1970er Jahre etabliert habe - in Steins Untersuchung sogar als neutraler Ausdruck. Stein zeigt, wie frankophone afrikanische Filmschaffende trotz der strukturellen Abhängigkeit von Frankreich versuchten, ihre Filme und Kulturpolitik als Mittel der Emanzipation zu nutzen.

Über wirtschaftliche Themen hinaus gehen neben Daniel Stahl, Michael Homberg oder Sönke Kunkel auch Andrea Rehling und Johanna Sackel. Rehling und Sackel befassen sich aus leicht unterschiedlichen Perspektiven mit dem "Gemeinsamen Erbe der Menschheit" - etwa Meeresressourcen oder regionalen Tierwelten. Beide verdeutlichen, dass das vermeintliche Potenzial, Ungleichheiten durch die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen zu verringern, an nationalen Eigeninteressen sowie an Widersprüchen zwischen der behaupteten Solidarität im globalen Süden und dem Anspruch auf permanente Souveränität über nationale Ressourcen scheiterte.

Der Band zeigt deutlich, dass "Nord/Süd" weit mehr als die im Untertitel angekündigte "globale Konstellation" war. Leserinnen und Leser erfahren viel über Interessengegensätze und politische Rhetoriken, aber auch über die Fortschreibung von Abhängigkeiten. Während mehrere Beiträge abwägen, ob die Nord-Süd-Beziehungen eher kooperativ oder konfrontativ gestaltet waren, werden mit der Sowjetunion und der United Africa Company auch Akteursgruppen einbezogen, für die Nord-Süd-Bezüge keine oder eine der Ost-West-Semantik untergeordnete Rolle gespielt haben (Andreas Hilger; Dmitri van den Bersselaar). Dagegen betonen die meisten Beiträge (insbesondere Michel Christian), dass das Sprechen in Nord-Süd-Bezügen und die diskutierten Forderungen alternative Entwürfe zur internationalen Ordnung denkbar machten. Da viele Aufsätze in den 1980er Jahren enden, wird allerdings oft nur angedeutet, ob diese Ideen trotz ihres Scheiterns diskursiv fortwirkten.

Mit alledem vermag der Band seinen Anspruch, neue Perspektiven zu erschließen und bisherige Erkenntnisse präziser zu fassen, weitgehend einzulösen (etwa Daniel Maul zur ILO; Jonas Kreienbaum zu den Bündnisfreien; Steffen Fiebrig zur UNCTAD). Die Untersuchung und Historisierung von Nord-Süd-Semantiken weicht hingegen oft einer Darstellung von Interessen. Das mag damit zusammenhängen, dass viele Analysen trotz erweitertem Akteursfeld auf staatlicher und UN-Ebene verharren. Der in der Einleitung angesprochene "Utopieüberschuss" (17) und - allgemeiner formuliert - idealistische Motive oder Identifikationen zwischen Akteurinnen und Akteuren aus Nord und Süd werden nur selten berücksichtigt, obwohl sie für das Denken und Handeln in Nord-Süd-Bezügen oftmals prägend waren.

Aus den aufschlussreichen Analysen ergeben sich weiterführende Fragen: Inwiefern eigneten gesellschaftliche Akteure sich Nord-Süd-Deutungen an oder beförderten diese durch ihre Lebensentwürfe? Wie wirkten die Nord-Süd-Beziehungen auf die Industriestaaten zurück? Wie wirkte etwa die neue internationale Arbeitsteilung mit dem "Strukturwandel" in Europa zusammen? Wie prägten Ideen von Welt und Zeit - etwa Weltwirtschaft, Freihandel oder eine anbrechende nachkoloniale Ära - Denken und Handeln der Akteurinnen und Akteure? Wie wurden Nord-Süd-Deutungen über Wissenschaft und Politik hinaus verbreitet und etwa in Bildern, medialen Darstellungen oder Statistiken plausibilisiert? So ließe sich die Wirkmacht von Nord-Süd-Beziehungen durch ihren Einfluss auf Alltag, Arbeitswelt oder Denkmuster noch vielschichtiger erklären.

"Nord/Süd" erschließt also wichtige Aspekte der Spätphase der Dekolonisierung jenseits des Ost-West-Gegensatzes und schärft den Blick auf die Genese der gegenwärtigen internationalen Ordnung. Dem Band ist eine breite Rezeption zu wünschen.

Christopher Seiberlich