Rezension über:

Petra Terhoeven / Tobias Weidner (Hgg.): Exit. Ausstieg und Verweigerung in »offenen« Gesellschaften nach 1945 (= Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen; Bd. 35), Göttingen: Wallstein 2020, 319 S., 3 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-3837-1, EUR 32,00
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Rezension von:
Friederike Witek
Rüsselsheim
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Friederike Witek: Rezension von: Petra Terhoeven / Tobias Weidner (Hgg.): Exit. Ausstieg und Verweigerung in »offenen« Gesellschaften nach 1945, Göttingen: Wallstein 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/34973.html


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Petra Terhoeven / Tobias Weidner (Hgg.): Exit

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Der Frage des Ausstiegs und der damit verbundenen Selbst- und Fremdzuschreibungen widmete sich der Zeitgeschichtliche Arbeitskreis Niedersachsen (ZAKN) bei seiner zuletzt stattgefundenen Tagung im Jahr 2016. Mit zwölf Beiträgen bietet der hier anzuzeigende Tagungsband Zugänge zu Lebensentwürfen, die von einer radikalen und gewaltbereiten Abkehr über eine offene Verweigerungshaltung bis zu Arrangements und großer Kompromissbereitschaft gegenüber den gesellschaftlich verhandelten Normen und Werten reichen. Der Fokus ist dabei auf die 1950er- bis 1980er-Jahren gerichtet; einige Beiträge weiten zur Verdeutlichung des historischen Wandels den Betrachtungszeitraum über das gesamte 20. Jahrhundert aus. Das Spektrum der Beiträge reicht dabei von britischen Söldnern in Angola, Kriegsdienstverweigerern in Deutschland und Österreich, den Konsumvorstellungen der radikalen bundesdeutschen Linken bis zu 'passiven Gammlern' und 'professionellen Müßiggängern'. Als 'offene Gesellschaften' werden hier - so der Konsens der Tagungsgesellschaft - im Sinne Karl Poppers, soziale Gefüge verstanden, die keinen "Masterplan" für das Individuum bereithalten und es dadurch erlauben, sich eigenverantwortlich und in freier Entscheidung innerhalb der Gesellschaft zu positionieren und den eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Mit unterschiedlichen Zugängen wird sich in den Tagungsbeiträgen der Frage genähert, wie Abkehr von den Werten und Normen der Mehrheitsgesellschaft vollzogen werden konnte und mit welchen Herausforderungen und Risiken sich die Protagonisten konfrontiert sahen. Welcher Entwicklungen bedurfte es, um den Ausstieg nicht nur zu denken, sondern auch in voller Gänze zu vollziehen? Ab wann war eine Entscheidung von so immenser Tragweite, wie in vielen der Beiträge dargestellt, vollkommen selbstbestimmt möglich und wie begriffen die Akteure ihr Handeln? Wie kommunizierten sie ihre Entscheidungen und wie veränderte dies ihre Position innerhalb der Gesellschaft? Und: Wie konnten individuelle, von der Norm abweichende Lebenskonzepte zu durch die Mehrheitsgesellschaft akzeptierten oder gar unterstützten Lebensweisen werden? Dass dies zuweilen auch zu verallgemeinernden positiven Unterstellungen führen konnte, kritisiert Annelie Ramsbock mit Blick auf die Positiv-Zuschreibungen, die Resozialisierungsprogramme für Straftäter begleiteten. Bruno Gammerl wiederum verdeutlicht in seinem Aufsatz über die Landlesbenbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren, dass auch scheinbar bedingungslose Ausstiege manchmal nur als Kompromisse und mit Zugeständnissen an die Aussteigergesellschaft lebbar wurden. Dass sowohl Herkunftsmilieus der Protagonisten wie auch Geschlechterfragen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Analyse des Aussteigertums spielen, verdeutlichen nicht nur diese beiden Beiträge. Auch Versuche staatlicher Eingriffe und Regulierungsmaßnahmen bestimmen Geschichten vom Normbrechen ebenso maßgeblich mit.

Neben der Klärung semantischer Zugänge in der historischen Rückschau, sind die Selbst- und Fremdwahrnehmungen in den Aussteigergeschichten ein zentrales Element des Buches. Das Wagnis, einen oftmals radikalen lebensverändernden Schritt vollzogen zu haben, der zunächst Unsicherheit und einen potentiellen Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete, konnte faszinierend und auch abschreckend sein. Diesem Erarbeiten neuer Handlungsoptionen als einem Weg der (inneren) Befreiung, begegnen die Autorinnen und Autoren mit neuen Fragen: Wo wurde der Ausstieg als bewusste und "freie" Handlung verstanden und ab welchem Grad äußeren Zwangs fehlten die Wahlmöglichkeiten für die Gestaltung des weiteren Lebensweges? Ab wann wurde ein Ausstieg unumgänglich? Wie gingen die betroffenen Personen während und nach ihrem Ausstieg mit der neuen Rolle um? Maik Tändler liefert mit seiner holistischen Betrachtung der Bhagwan-Bewegung eine Fülle von Anknüpfungspunkten zu diesen Fragen. Hier zeigt sich auch, dass die aussteigenden Personen oftmals selbst eine ambivalente Haltung gegenüber den eigenen Entscheidungen einnahmen.

Uneindeutige Antworten offenbaren sich auch mit Blick darauf, ob und wieviel Medialität Ausstiege für ihre Außenwahrnehmung und Sichtbarkeit benötigen. Dies zeigen Tobias Weidner und Benjamin Möckel, die unterschiedliche Ergebnisse aus ihren Forschungen über den ehemaligen Kriegsfotografen George Rodger und der Konsumgesellschaft in den 1950er-Jahren ziehen. Dass auch die Art des Ausstiegs und die vorausgegangene Bedürfnisäußerung historischen Konjunkturen unterworfen war und ist, wird dabei durchaus deutlich. Der historische Wandel und das damit verbundene Spektrum an Handlungsoptionen könnte nicht deutlicher hervortreten als im Aufsatz von Britta-Maria Schenk, die die Wahrnehmung von Wohnungslosigkeit ab 1890 bis in die 2000er-Jahre in den Blick nimmt. Dass auch die Zugänglichkeit zu Handlungsoptionen historisch bedingt ist, verdeutlicht Monika Wienfurt in ihrer Betrachtung über die Ehescheidung. Die Wandlung von einem Privileg hin zu einer allgemein zugänglichen und mittlerweile omnipräsenten Option der Lebensführung wird hier offenkundig.

Dieses schwierige Unterfangen, die heterogenen Ausstiege gemeinsam unter einer Prämisse zu betrachten, lässt zuweilen die Frage zu, wie sehr insgesamt der thematischen Ausrichtung des Sammelbandes entsprochen wird. Gleichwohl werden auch unerwartete Sichtweisen und Zugänge möglich, die auch zukünftige Diskussionen bereichern könnten. Der individuelle Wunsch, die Abkehr von der Normgesellschaft in abgesteckten Parzellen oder gar in einer vollumfänglich anderen Lebensgestaltung zu versuchen, wird - trotz seiner Ambivalenz - auch in Zukunft seinen Ausdruck finden. Sowohl die Beiträge als auch die Themen selbst zeugen von der Vielfalt, der Komplexität und dem Potenzial dieses Querschnitthemas. Ob sich die während und nach dem Ausstieg verhandelten Zugehörigkeiten der Protagonisten zwangsläufig mit ihren eigenen Vorstellungen oder gar Idealen des neuen Lebens in Einklang bringen lassen konnten, kann wohl in vielen Fällen angezweifelt werden. Und somit bietet dieser Tagungsband sowohl facettenreiche Einblicke in ein vielschichtiges Thema sowie zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen.

Friederike Witek