Rezension über:

Pavel Poljan (ed.): Boris Men'šagin. Vospominanija. Pis'ma. Dokumenty. [Erinnerungen, Briefe, Dokumente], Moskau / St. Petersburg: Nestor-Istorija 2019, 824 S., ISBN 978-5-4469-1619-1, EUR 48,00
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Rezension von:
Corinna Kuhr-Korolev
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
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Corinna Kuhr-Korolev: Rezension von: Pavel Poljan (ed.): Boris Men'šagin. Vospominanija. Pis'ma. Dokumenty. [Erinnerungen, Briefe, Dokumente], Moskau / St. Petersburg: Nestor-Istorija 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/34573.html


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Pavel Poljan (ed.): Boris Men'šagin. Vospominanija. Pis'ma. Dokumenty

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Boris Men'šagin wuchs in Smolensk auf und schlug eine juristische Laufbahn ein. Während des Stalinschen Terrors der Jahre 1936 bis 1938 arbeitete er als Strafverteidiger und konnte in einigen Ausnahmefällen die Freilassung von Angeklagten erreichen. Als im Juli 1941 die Einnahme von Smolensk durch die Deutschen bevorstand, entschied er sich fürs Bleiben. Er wurde zum Bürgermeister der besetzten Stadt ernannt und behielt dieses Amt bis zum Abzug der deutschen Truppen Ende September 1943. In dieser Funktion unterstand er zwar dem deutschen Befehl, hatte aber im Bereich seiner Verwaltungsaufgaben weitreichende Machtbefugnisse und Handlungsspielräume. Er nutzte sie, um Menschen zu helfen, indem er falsche Dokumente ausstellte, Wohnraum organisierte, Kriegsgefangene aus dem Lager holte und ihnen Arbeit besorgte. Zugleich trug er die Mitverantwortung für die Einrichtung des Ghettos in Smolensk, an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung, der Sinti und Roma sowie der Patienten einer Heilanstalt. Im April 1943 wurde er Zeuge der Exhumierung der über 4400 polnischen Offiziere, die vom sowjetischen Geheimdienst NKVD im Mai 1940 im Wald von Katyn ermordet worden waren.

Beim Vormarsch der Roten Armee Ende September 1943 verließ Men'šagin mit den deutschen Truppen Smolensk und wurde zwischen Oktober 1943 bis Juni 1944 Bürgermeister von Bobrujsk. Bei Kriegsende befand er sich in Karlsbad und meldete sich dort Ende Mai bei sowjetischen Stellen, weil er fälschlicherweise meinte, seine Familie sei verhaftet worden. Er glaubte, durch die Selbstanzeige für sie das Schlimmste abwenden zu können.

Am 28. Mai 1945 begann das Verfahren wegen Vaterlandsverrat gegen ihn. Erst nach sechs Jahren Haft in der Moskauer Ljubjanka bekam Men'šagin 1951 das Urteil, das auf 25 Jahre Gefängnishaft lautete. Diese Zeit musste er fast durchgehend in Einzelhaft im Gefängnis von Vladimir, der zentralen Haftanstalt für "besonders gefährliche Staatsfeinde", verbringen. 1970 verließ er mit mittlerweile 68 Jahren das Gefängnis. Er bekam aber keine Erlaubnis, sich in Smolensk oder Moskau niederzulassen, sondern ihm wurde der Platz in einem Altersheim für Invalide jenseits des Polarkreises im Gebiet von Murmansk zugeteilt. Seinen Lebensabend verbrachte Men'šagin größtenteils zwischen Säufern und Skandalbrüdern. Seine Familie sah er nie wieder. Einige Personen aus der sowjetischen Dissidentenszene wussten von seinem Schicksal und nahmen sich seiner an. In den Sommern besuchte er neue und alte Bekannte und verbrachte mit ihnen Zeit auf der Datscha. Sie ermutigten ihn, seine Erinnerungen ein zweites Mal aufzuschreiben. Das erste Mal hatte Men'šagin einen Lebensbericht im Gefängnis zu Papier gebracht, der ihm aber bei der Entlassung aus der Haft abgenommen wurde.

Die zweite Version, geschrieben in Schulheften, versteckten unterschiedliche Vertrauenspersonen, denn das Manuskript enthielt für sowjetische Zeiten brisante Informationen und behandelte Tabuthemen: den Terror der 1930er Jahre, die sowjetische Willkürjustiz, das Leben unter deutscher Besatzung und die Kollaboration. Am schwersten aber wog die Zeugenschaft im Fall Katyn. Die sowjetischen Behörden hatten durch die sogenannte Burdenko-Kommission massiv Geschichtsfälschung betrieben, um das Verbrechen bei den Nürnberger Prozessen den Deutschen anlasten zu können. Men'šagin war ein Kronzeuge, der aber nicht mitspielte. Deshalb hatte die sowjetische Justiz ihn in den Gefängnissen verschwinden lassen und gab ihm auch nach Ende der Haft keine Möglichkeit, in ein normales Leben zurückzufinden.

Die Erinnerungen Men'šagins wurden bereits in Auszügen 1988 in Paris veröffentlicht. Es folgten verschiedene kleinere Publikationen über ihn, aber der nun vorliegende, über 820-seitige Band bietet eine vollständige kommentierte Ausgabe, die durch Briefe Men'šagins, Dokumente und einordnende Texte ergänzt wurde. Der Herausgeber Pavel Poljan hat zusammen mit den Historikern Michael David-Fox, dem Smolensker Regionalhistoriker Sergej Amelin sowie dem Bremer Archivar Gabriel Superfin, der seit den 1970er Jahren mit Men'šagin im Austausch stand, enormen Aufwand betrieben, um das Leben Men'šagins von allen Seiten zu beleuchten. Poljan rekonstruiert im ersten Teil auf über 100 Seiten die Biografie Men'šagins. Amelin beschäftigt die Frage, warum Men'šagin sich beim Einmarsch der deutschen Truppen entschied, in Smolensk zu bleiben. David-Fox thematisiert vor allem den Mord an der jüdischen Bevölkerung und die Mitschuld Men'šagins. Es folgt eine genaue Beschreibung Poljans über die Überlieferung der verwendeten Schriften Men'šagins und die Auswahlkriterien für die zusätzlich im Buch aufgenommenen Dokumente. Den einführenden Abschnitt beenden Erinnerungen von sechs Zeitzeugen an Men'šagin.

Den Hauptteil des Buchs bilden die Memoiren Men'šagins, die in die Vorkriegszeit, den Krieg und die Nachkriegszeit eingeteilt sind. Es folgen Briefe "nach oben" an sowjetische Regierungsstellen und Briefe an Freunde. Weitere 100 Seiten nehmen verschiedene andere Dokumente ein.

Insgesamt erhalten die Leserinnen und Leser ein sehr detailliertes Bild von den Lebensumständen Men'šagins und dem Verfahren gegen ihn. Alle Texte sind mit einer Vielzahl von Fußnoten versehen, die bis ins Kleinste weiterführende Informationen zu bestimmten Ereignissen und Akteuren liefern.

Das Buch erscheint in einer Zeit höchster geschichtspolitischer Anspannung und einem Deutungsstreit zwischen Russland und seinen Nachbarländern über den Zweiten Weltkrieg. Besonders die baltischen Staaten und Polen betonen zunehmend die Mitverantwortung der Sowjetunion, während auf russischer Seite der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg immer mehr sakralisiert wird. Diesen Sieg zu beflecken oder ihm seine historische Größe abzusprechen, kann strafrechtlich geahndet werden. Es gibt die Initiative, zukünftig auch die Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus unter Strafe zu stellen. Den Herausgebern des Bandes ist bewusst, dass es vor diesem Hintergrund provokant ist, die Biografie Men'šagins in vollem Umfang zu veröffentlichen. Deshalb versuchen sie, dem Vorwurf, einen Kollaborateur entlasten oder gar würdigen zu wollen, zuvorzukommen. Sie benennen alle Stellen in den Erinnerungen Men'šagins, in denen er seine Teilnahme oder Mitwisserschaft an Besatzungsverbrechen durch bewusste Auslassungen verschwieg. Tatsächlich gelingt den Autoren, eine neutrale bis skeptische Haltung gegenüber Men'šagin einzunehmen, ihn als aktiv Handelnden und nicht als Opfer der Umstände darzustellen. Sie liefern aber ebenfalls umfassendes Belastungsmaterial gegen die stalinistische Herrschaftspraxis, so dass sich der Vergleich zwischen den beiden menschenverachtenden Diktaturen zwangsläufig aufdrängt.

Den Leserinnen und Lesern bietet dieser Band reichlich Stoff, darüber nachzudenken, in welche Handlungszwänge und Gewissenskonflikte Menschen gerieten, die sich zwischen den Fronten der Ideologien wiederfanden. Darüber hinaus findet sich viel Detailinformation zu einzelnen Themenbereichen wie dem Justizwesen im Stalinismus, dem Alltag der sowjetischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung, der Geschichtsfälschung im Fall Katyn, aber auch zu Netzwerken und Kommunikation der sowjetischen Menschenrechtler. Leichte Lektüre ist das nicht, aber eine sehr erkenntnisreiche.

Corinna Kuhr-Korolev