Rezension über:

Christian Naser: Migration und Vernetzung in Franken vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Dargestellt anhand der Gemeinde Zell am Main und der Residenzstadt Würzburg, Würzburg: Königshausen & Neumann 2020, 2 Bde., 935 S., 22 Abb., ISBN 978-3-8260-6338-1, EUR 98,00
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Rezension von:
Hans-Wolfgang Bergerhausen
Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Wolfgang Bergerhausen: Rezension von: Christian Naser: Migration und Vernetzung in Franken vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Dargestellt anhand der Gemeinde Zell am Main und der Residenzstadt Würzburg, Würzburg: Königshausen & Neumann 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 1 [15.01.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/01/35091.html


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Christian Naser: Migration und Vernetzung in Franken vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

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In der Würzburger Stadtgeschichte bildet großräumige frühneuzeitliche Migration einen blinden Fleck, ja, selbst die Zuwanderung aus dem fränkischen Umland in die bischöfliche Residenzstadt ist bisher nur punktuell untersucht worden. Diese Lücken zu schließen, hat sich Christian Naser zum Ziel gesetzt. Der promovierte Germanist kommt dabei zu Ergebnissen, die nicht nur für Würzburg überraschend ertragreich sind, sondern auch überregional Aufmerksamkeit verdienen. Sie beruhen auf einer außerordentlich breiten Quellenbasis. Naser hat in den drei Würzburger Archiven, dem Stadt-, dem Staats- und dem Diözesanarchiv, Inkorporationsverzeichnisse der Kaufleute, Kirchenbücher, Steuer-, Siegel- und Rechnungsbücher, Kaufverträge, Schuldverschreibungen, Protokolle, Ratsbücher und vieles mehr durchforstet. Er hat diese Quellen nicht nur nach Reflexen der die überregionale Migrationsforschung seit langem beschäftigenden Wanderungsbewegungen von den oberitalienischen Seen und aus Savoyen befragt, sondern überhaupt jeglichen Zuzug von nah und fern nach Würzburg erfasst. Zudem hat er Beruf, Heiratsverhalten, Geburten, Taufen und Patenschaften, Haus- und Grunderwerb sowie politische und religiöse Aktivitäten der Zuzügler ermittelt. Sein Untersuchungszeitraum ist sehr weit gespannt; er reicht von der zweiten Hälfte des 16. bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts.

In zwei voluminösen Bänden präsentiert Naser die Erträge seiner Recherchen. Der erste Band bietet nach einem Forschungsüberblick und einer Skizzierung der politischen, ökonomischen und demographischen Ausgangssituation in Würzburg eine Reihe locker strukturierter, mitunter redundanter Detailstudien. Sie berichten über Savoyer Kaufleute in Würzburg und ihre soziale und geschäftliche Vernetzung, über Zuwanderer vom Lago Maggiore, über Gerber und Kaufleute aus Wallonien, über Künstler aus Flandern, über Bautrupps aus dem Veltlin, Graubünden und Tirol sowie über Stukkateure aus dem Tessin. Ferner wird die Ansiedlung der Brentanos in Würzburg untersucht und gezeigt, dass die Residenzstadt ein zentraler Standort in ihrem den katholischen Reichsteil umspannenden Netzwerk war. Sodann wird die Rolle von kurpfälzischen Flüchtlingen, die im Pfälzischen Krieg nach Würzburg kamen, im fränkischen Weinhandel behandelt. Schließlich werden die familiären, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Ansiedlung "welscher" Kaufleute auf die unweit Würzburgs gelegene Gemeinde Zell vorgestellt.

Nasers Ausführungen korrigieren unser Bild von der frühneuzeitlichen Würzburger Stadtgeschichte in wesentlichen Punkten und entwickeln auch für die überregionale Migrationsforschung diskussionswürdige Thesen. Seit 1588 gab es ihm zufolge eine kontinuierliche, zunehmende Einwanderung zunächst von Savoyarden und bald auch von Oberitalienern, Wallonen und Flamen in Würzburg. Diese Zuwanderung wurde, im Unterschied zu anderen deutschen Städten, durch den Dreißigjährigen Krieg und die schwedische Besetzung Würzburgs nicht unterbrochen. Sie erfuhr im Zuge der von Bischof Johann Philipp von Schönborn eingeleiteten Fortifikationsmaßnahmen, gefördert durch steuerliche und wirtschaftliche Anreize, sogar einen weiteren Schub. Den zuerst anlangenden Händlern folgten Baumeister und Handwerker; diesen zogen später auch Künstler nach. Eheschließungen und Geschäftsverbindungen belegen, dass die Zuzügler oft schon in der ersten Generation in die Würzburger Stadtgesellschaft integriert wurden; begünstigt wurde dies durch das den Migranten und den Einheimischen gemeinsame katholische Bekenntnis. Zugleich blieben sie aber in weit über das katholische Reich verbreitete Familienverbände eingebunden, die ihren außergewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg erst ermöglichten. Naser äußert aufgrund der in Würzburg erhobenen Befunde Zweifel an der forschungsleitenden Vorstellung, dass vorrangig negative Faktoren wie Hunger, Armut und Landmangel die Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, dass es sich mithin um "crisis emigration" gehandelt habe. Er betont stattdessen, dass wohlhabendere Personen in der Migration eine Chance auf Expansion ihrer Geschäfte sahen und durch ihr Beispiel wie auch durch Angebote zu Ausbildung und Mitarbeit an Daheimgebliebene einen Nachzug weniger begüterter Personen auslösten.

In einem Exkurs erläutert Naser ein Projekt zur Verzeichnung Würzburger Häuser der frühen Neuzeit, das weitere Informationen auch zu Migranten erwarten lässt. Namens-, Orts- und Straßenverzeichnisse zum nachfolgenden Quellenteil runden den ersten, 314 Seiten und 22 unpaginierte Abbildungen umfassenden Band des Werkes ab.

Auf über 600 Seiten breitet Naser im zweiten Band seine Quellen aus. Er gliedert diese nach den Familiennamen der Zuwanderer. Alle miteinander verwandten Träger eines Namens werden dabei unter einer Nummer zusammengefasst. Auf diese Weise sind insgesamt 861 Namensblöcke entstanden. Alle Einzelbelege zu den jeweiligen Namensinhabern, die sich in den Quellen finden, sind darin transkribiert. Die Namen sind chronologisch jeweils nach dem ersten Erscheinen in den Würzburger Quellen angeordnet. Man erhält auf diese Weise einen raschen Überblick über die zeitlichen Abläufe der Zuwanderung. Die im ersten Band abgedruckten, präzise ausgearbeiteten Register ermöglichen zugleich aber einen leichten Zugriff auf jede einzelne in den Namensblöcken vorgestellte Person. So ist eine riesige, dennoch aber handhabbare prosopographische Datenbank entstanden, die ihresgleichen sucht. Sie bietet ein reichhaltiges Reservoir für Familienforscher ebenso wie für Wirtschafts- und Sozialhistoriker, aber beispielsweise auch für Kunsthistoriker, die darin über 120 künstlerisch tätige Personen(-gruppen) entdecken können. Da Personen in ihren translokalen Vernetzungen erfasst werden, besitzt die Sammlung auch über Würzburg hinaus einen hohen Informationsgehalt. Alles in allem hat Naser ein Grundlagenwerk vorgelegt, das gerade auch wegen seines Quellenteils Bestand haben wird.

Hans-Wolfgang Bergerhausen