Rezension über:

Richard Engl: Die verdrängte Kultur. Muslime im Süditalien der Staufer und Anjou (12.-13. Jahrhundert) (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 59), Ostfildern: Thorbecke 2020, 392 S., 45 s/w-Abb., ISBN 978-3-7995-4379-8, EUR 50,00
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Rezension von:
Marie Ulrike Jaros
Historisches Seminar, Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Étienne Doublier
Empfohlene Zitierweise:
Marie Ulrike Jaros: Rezension von: Richard Engl: Die verdrängte Kultur. Muslime im Süditalien der Staufer und Anjou (12.-13. Jahrhundert), Ostfildern: Thorbecke 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 1 [15.01.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/01/34741.html


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Richard Engl: Die verdrängte Kultur

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Fast 500 Jahre lang lebte eine bedeutende muslimische Gemeinschaft zunächst auf der Insel Sizilien und später auf dem süditalienischen Festland, die das Leben und die Kultur der Region maßgeblich beeinflusste. Dennoch zeugt heute nur noch wenig von dieser Besiedlung, die "Tilgung der Erinnerung ist frappierend" (16). Dieses Buch, das gleichzeitig die überarbeitete Fassung der 2014 in Trier von Richard Engl eingereichten Promotionsschrift ist, beginnt daher mit einer "Spurensuche" (13) und lädt ein, die verstreuten Belege mit geschärftem Blick gleich einem Mosaik Steinchen für Steinchen zusammenzusetzen. Die bisherige Forschung zum Thema bildet hierfür einen stabilen Rahmen, jedoch weist das Bild noch erhebliche Lücken auf. So ist die muslimische Präsenz im Königreich Sizilien während der normannischen Zeit mittlerweile recht gut aufbereitet. Doch gilt dies keineswegs für die anschließenden Regierungszeiten der staufischen und angevinischen Könige, für die nur wenige, eher generalisierende Gesamtdarstellungen oder Detailstudien vorliegen. Die Ursachen, die der Autor hierfür anführt, sind vielfältig und reichen vom mangelnden Interesse der historischen Teildisziplinen bis zum "weitgehenden Versiegen arabischer Quellen" (18). Um sich dem Untersuchungsgegenstand dennoch auf breiter Basis nähern zu können, weitet Engl die Auswahl der auszuwertenden Quellen daher aus. So schöpft er aus der schriftlichen lateinischen Überlieferung, die sich durchaus regelmäßig mit den sizilischen Muslimen auseinandersetzt, allen voran den angevinischen Kanzleiregistern, sodann weiteren Herrscher- und Privaturkunden, den päpstlichen Registern, aber auch historiographischen Werken, Rechtstexten und der Dichtung. An arabischen Quellen standen - in deutlich geringerer Zahl - neben Chroniken und Urkunden, Reiseberichte, geographische Lexika, Münzen und Inschriften zur Verfügung. Des Weiteren wurden auch archäologische und siedlungsgeographische Zeugnisse in die Betrachtung mit einbezogen. Dementsprechend breit ist die Methodik, mit welcher sich der Autor dem Gegenstand nähert und deren erklärtes Ziel es ist, Eurozentrismen zu vermeiden sowie Christen und Muslime nicht als einheitliche und voneinander abgegrenzte Gruppen zu betrachten.

In seinem chronologischen Aufbau orientiert sich das Buch grob an den Regierungszeiten der sizilischen Könige. Das erste Hauptkapitel befasst sich mit der Ausgangslage unter den Normannenherrschern und bildet somit einen Vergleichsmaßstab für die Kernuntersuchungszeit. Schon hier kann konstatiert werden, dass die von der Forschung bis dato betonte Marginalisierung im großen Stil ein eher übertriebenes Szenario darstellt, da die normannischen Könige nach wie vor als Schützer und nicht als Unterdrücker der Muslime auftraten.

Der Übergang zur staufischen Herrschaft ist Thema des zweiten Kapitels. Die schnellen Herrschaftswechsel dieser Periode begünstigten muslimische Emanzipationsprozesse, endeten jedoch in den 1220er Jahren in Niederlagen und Umsiedlungen. Dass Friedrich II. trotz seines harten Vorgehens gegen die Rebellen kein Feind der Muslime war, zeigt sich in seinem späteren Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe, worauf im dritten Kapitel eingegangen wird. Auch als Kaiser bekämpfte er zwar noch die Aufständischen auf der Insel Sizilien, da sie ein ständiges politisches Gefährdungspotenzial verkörperten. Diejenigen Muslime aber, die er nach Lucera (und Umgebung) hatte umsiedeln lassen, erfreuten sich religiöser Freiheiten sowie wirtschaftlicher und rechtlicher Möglichkeiten. Diese Chance zur Entfaltung dankten sie ihrem König, dessen Herrschaft nun gefestigt genug war, um als Schutzmacht auftreten zu können, mit Treue.

Anschließend behandelt das vierte Kapitel die Zeit nach den letzten Umsiedlungen und dem Tod Friedrichs II. Die neuerlichen Konflikte um die Herrschaft erweiterten die Handlungsspielräume der festländischen Muslime nicht nur, vielmehr stellte sich das Zentrum des muslimischen Lebens, das apulische Lucera, als Zünglein an der Waage heraus, das den Nachfahren des Kaisers zumindest vorübergehend die Krone sicherte und somit zu deren wichtigem Rückhalt wurde. "Die Muslime Süditaliens gelangten damals in den Zenit ihres politischen Einflusses, um zuletzt jäh herabzustürzen" (241). Gerade da die Jahre 1250 bis 1266/68 häufig nur als Nachspiel zur Herrschaft Friedrichs II. ohne eigene Dynamik behandelt werden, verdient dieses Ergebnis besondere Beachtung.

Das Ende der staufischen Herrschaft wurde durch die Niederlagen, die Karl I. von Anjou den staufischen Königen Manfred und wenig später Konradin beibrachte, besiegelt. Die Konsequenzen der Niederlagen für die Muslime und deren endgültige Zerstreuung im Jahr 1300 sind Gegenstand des fünften und letzten Hauptkapitels. An dieser Stelle bedient sich Engl auf sehr fruchtbare Weise der "Sozialen Netzwerkanalyse" um den bisherigen Erklärungsmustern (Finanznot beziehungsweise religiöser Eifer Karls II.) für das jähe Ende der muslimischen Gemeinschaft in Lucera eine weitere, durchaus überzeugende Deutung an die Seite zu Stellen: Er identifiziert "einen inneren Aufruhr der Muslime, der die gesamte Region zu destabilisieren drohte" (297), auf den der Herrscher in drastischer Weise mit der Zerschlagung der in Lucera ansässigen Muslime reagierte.

Jedes Hauptkapitel endet mit einer kurzen Zusammenfassung, die prägnant und in keiner Weise redundant die vorangegangenen Ausführungen bündelt. Der Anhang bietet eine umfangreiche Tabelle mit den Belegstellen für die Netzwerkanalyse sowie die Transkriptionen zweier bisher ungedruckter Urkunden. Es schließen sich die obligatorischen Verzeichnisse von (ungedruckten) Quellen, Literatur und Abbildungen an, abgerundet von einem Register der historischen Personen und Personengruppen, Orte und Regionen.

In seiner Argumentation ist Richard Engl klar strukturiert, seine Ergebnisse sind gut nachvollziehbar, Detailbetrachtungen werden sinnvoll in den größeren historischen Kontext eingebettet. Es gelingt der Studie, durch Neubewertungen und veränderte Kontextualisierungen das bisherige Bild der muslimischen Bevölkerung Süditaliens zu differenzieren und maßgeblich zu ergänzen. Nicht zuletzt die leichte Feder, mit der Engl seine Ergebnisse zu Papier bringt, macht das Buch zu einer wirklich lohnenswerten Lektüre.

Marie Ulrike Jaros