Rezension über:

Richard Mackenney: Venice as the Polity of Mercy. Guilds, Confraternities, and the Social Order, c.1250-c.1650, Toronto: University of Toronto Press 2019, XVIII + 471 S., 60 s/w-Abb., 17 Tbl., 10 Kt., ISBN 978-1-4426-4968-2 , USD 90,00
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Rezension von:
Romedio Schmitz-Esser
Institut für Geschichte, Karl-Franzens-Universität, Graz
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Romedio Schmitz-Esser: Rezension von: Richard Mackenney: Venice as the Polity of Mercy. Guilds, Confraternities, and the Social Order, c.1250-c.1650, Toronto: University of Toronto Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 4 [15.04.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/04/32837.html


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Richard Mackenney: Venice as the Polity of Mercy

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Da es durchaus nicht immer üblich ist, kann man für diesen Band betonen, dass er einen sehr prägnanten und konzisen Titel trägt: In ihm geht es um die Rolle der vornehmlich durch Laien gebildeten, in einem religiösen Zusammenhang stehenden Zusammenschlüsse, denen - so Richard Mackenney - eine zentrale Rolle im sozialen Gefüge der Serenissima zugekommen sei. Kaum ein Besucher, der sich intensiver mit der Geschichte Venedigs auseinandergesetzt hat, wird die materiellen Zeugnisse der großen Bruderschaften, die sogenannten Scuole, übersehen haben, deren Zeichen nicht nur an ihren Hauptsitzen, sondern auch an ihrem im Stadtbild weit verstreuten Besitz immer wiederkehren. Dabei stellten diese Bruderschaften nur die Spitze eines weit verzweigten Netzes an Zusammenschlüssen dar, die mit einem überlappenden System kleinerer und größerer Scuole sowie von Zünften das Gefüge der Stadt unterhalb der Regierungsinstitutionen wesentlich zusammenhielten. Ihnen ihren Platz im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Alltag Venedigs zuzuweisen, ist das Ziel dieser Monographie. Dabei wendet sich Mackenney bereits zu Beginn seiner Studie dezidiert gegen das ältere, von der venezianischen Oberschicht auch gerne schon zeitgenössisch gepflegte Meisternarrativ von einer Stadt, deren großartige Verfassung nicht zuletzt ein monarchisches und ein oligarchisches Element in sich vereint habe, das eine Verwaltung von oben nach unten, einen starken Zugriff auf die und eine engmaschige Kontrolle der Bevölkerung ermöglicht habe. Dies alleine aber erkläre nicht, warum Venedig eine solch stabile Entwicklung ohne Aufstände der Mittelschicht erlebt habe; dies weise nach Mackenney vielmehr auf eine Partizipation dieser städtischen Mittelschicht an der Verwaltung hin, die eine hohe Identifikation mit der Stadtgemeinschaft auch für diese Gruppe ermöglicht habe - und das sei eben durch Zünfte und Bruderschaften erfolgt.

Das Ereignis, das Mackenney als den Angelpunkt der klassischen Venedigerzählung ausmacht, stellt die Serrata del Maggior Consiglio von 1297 dar, in der der Popolo, die Mittelschicht, von der politischen Mitsprache weitgehend ausgeschlossen worden sei; entsprechend seiner These zeigt das Buch nun im ersten Kapitel, dass dieser Abschluss der ratsfähigen Geschlechter doch nur ein Teil einer größeren Bewegung des 13. Jahrhunderts gewesen ist, in deren Verlauf auch der Popolo durch die Ausbildung insbesondere der Arti (Zünfte) und - wohl nicht zuletzt unter franziskanischem Einfluss - der Scuole einen entscheidenden Formierungsprozess durchlief, der zur Entwicklung der Republik wesentlich beigetragen habe. Weder habe es in dieser Phase eine klare Unterscheidung zwischen den etwa fünfzig zünftischen und den knapp ein Dutzend von Zünften unabhängigen, noch zwischen großen und kleinen Scuole gegeben; zudem sei die Bildung der Bruderschaften kein obrigkeitlich gesteuerter Prozess, sondern durch die Frömmigkeitsbewegungen der Zeit inspiriert gewesen, was bereits ihre Vielfalt und hohe Anzahl belege. In der Folge der existentiellen Krisen und der neuen Formen der Frömmigkeit wie der Büßerbewegung im 14. Jahrhundert wurde die Mitgliedschaft in den Scuole auch für das Patriziat immer interessanter, so dass dann insbesondere im 15. Jahrhundert eine ursprünglich nicht vorhandene Trennung zwischen Scuole Grandi und Scuole Piccole erfolgte, wie das zweite Kapitel nachzeichnet und die noch heute weitgehend wahrgenommen wird. Den Zünften widmen sich die beiden folgenden Kapitel drei und vier, indem sie die prominenten Fälle der Schmiede (fabbri) und der Stoffhändler (marzeri) näher beleuchten. Durch die Analyse einer Mitgliedsliste der Schmiedezunft aus den Jahren 1530/31 wird deren Verbindung zur Lombardei deutlich - ein Umstand, den die Studie nutzt, um auf den großen personellen Austausch und Zuzug in die Stadt hinzuweisen, deren Sozialgefüge deshalb nur unter Berücksichtigung insbesondere der Verbindungen nach Norditalien verständlich wird. Zünfte und Bruderschaften wirkten hier als Integrationsfaktor und identitätsstiftend; das dritte Kapitel steht entsprechend unter der Frage: "Who Were the Venetians"? Der Fall der Stoffhändler zeigt hingegen, wie fließend die Übergänge von der Zunft zur Bruderschaft waren, blickt man etwa auf die mit der Zunft verknüpfte Scuola di San Teodoro.

Im fünften und sechsten Kapitel entwickelt Mackenney eine weitere These zur Entwicklung in der Frühen Neuzeit: Einerseits habe sich das alte Gefüge aus Scuole und Arti weiterentwickelt. Als breitere Bewegung, die erneut spontan und nicht obrigkeitlich verordnet entstanden sei, könne man die Bildung von Scuole del Venerabile (Fronleichnamsbruderschaften) ansprechen, die sich am Anfang des 16. Jahrhunderts ausgebildet hatten und die in papsttreuer Ausrichtung stark an die Pfarreien der Stadt angebunden waren. Ähnlich bildeten sich die Sovvegni heraus, die zur wechselseitigen Unterstützung ihrer Mitglieder insbesondere aus den Handwerksbetrieben des Arsenale heraus entstanden und die sich ähnlich unabhängig von den politischen oder kirchlichen Strukturen in der Stadt entwickelten. Anderseits sei durch die Konfessionalisierung und die Zentralisierung von Republik und Kirche ein neues Verhältnis zu diesen Verbünden entstanden. Nunmehr habe ein neuer autoritärer Stil sowohl die Verwaltung der Serenissima wie die kirchlichen Strukturen dominiert, so dass die religiös geprägten Laienverbünde nicht mehr (harmonisch?) an der Schnittstelle von Religion, politischem Gemeinwesen und Ökonomie der Markusstadt standen, sondern quasi von der Obrigkeit im 17. Jahrhundert als eine rein religiöse Organisationsform von außen betrachtet und zunehmend reguliert wurden. Damit würde sich auch Mackenneys Perspektive in die Vorstellung eines Abschwungs Venedigs seit der großen Pest und den Kriegen des 17. Jahrhunderts einfügen, doch verweist er dabei eben auf veränderte soziale Rahmenbedingungen im Inneren der Serenissima.

Auch die Kunstproduktion der Scuole, die ihnen nachhaltig und bis heute eine zentrale Stellung im kulturellen Gedächtnis der Stadt gesichert hat, bindet Mackenney in seine Argumentation ein, wobei er betont, dass diese eben erst vor dem sozialen Hintergrund einer auf wechselseitige Unterstützung der Mitglieder zielenden Verbindung von Laien verständlich wird, die zugleich ökonomische, politische und religiöse Ziele verfolgten. Eine sprachliche Eigenart des Buches besteht in dem Umstand, einzelne Forscher gesondert als handelnde Persönlichkeiten anzusprechen, was analog zum inhaltlichen Hauptargument des Buches eine besondere Form des sozialen Netzwerks offenlegt: Nämlich die enge wechselseitige Verbindung der Forschergemeinschaft in und zu Venedig.

Bei der Breite der aufgeworfenen Argumentation ließe sich umgekehrt mitunter ein weiterer Blick in die Literatur anmahnen, etwa wenn Marco Polo - selbst ein Mitglied der Scuola della Misericordia - auf den Seiten 33-36 angesprochen, aber nicht Hans Ulrich Vogels einschlägige Studie ("Marco Polo was in China", 2012) zu seiner Zeit in China zitiert wird. Doch eine solche Kritik hat etwas beckmesserisches in Anbetracht der größeren These, die dem Sozialgefüge Venedigs im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit mehr Tiefenschärfe zurückgibt, als ihr dies eine ältere Geschichtsschreibung zugewiesen hat. So entsteht das Bild von einer Mittelschicht (des Popolo), die "einen stärkeren Zugriff auf die venezianische Tradition gehabt hat als die kirchlichen und politischen Autoritäten, denen sie angeblich unterstellt war" (213). Eindrücklich zeigt sich einmal mehr, wie fruchtbar und reich mit Quellenmaterial gesegnet sich die Geschichte Venedigs darstellt, die jede weitere Beschäftigung der aktuellen Forschung lohnt.

Romedio Schmitz-Esser