Rezension über:

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2019, 361 S., ISBN 978-3-10-397435-5, EUR 24,00
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Rezension von:
Michael F. Scholz
Universität Uppsala / Visby
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Michael F. Scholz: Rezension von: Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 1 [15.01.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/01/33479.html


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Andreas Petersen: Die Moskauer

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Die Prägung der DDR durch das stalinistische Trauma der Gründergeneration um Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht ist das Thema des Historikers und Publizisten Andreas Petersen. Einfühlsam, bisweilen im Detail schockierend, beschreibt er die "Säuberungspraxis" im Moskau der 1930er Jahre und zeigt die Folgen dieser Terrorerfahrung für den Aufbau der DDR auf, was diese Erfahrung für den Einzelnen, für Familien und Gruppen, ja für die deutsche bzw. die DDR-Geschichte bedeutete.

In der Sowjetischen Besatzungszone setzte die Besatzungsmacht vor allem deutsche Kommunisten mit sowjetischer Exilerfahrung an die Schaltstellen der Macht. Diese "Moskauer", als Begriff bei Petersen jedoch unscharf, führten in der DDR fort, was sie im sowjetischen Exil erlebt und durchlitten hatten. Das betraf nicht zuletzt Rituale von Kritik und Selbstkritik, Unterwerfung und Kontrolle. Diese Personengruppe wurde zum Garant für die führende Rolle Moskaus in der Sowjetischen Besatzungszone und dann auch in der DDR.

Die Tragik der stalinistischen "Säuberungspraxis" wird an konkreten Schicksalen deutlich. Durch die Verhaftungen und Liquidierungen gab es in den 1930er Jahren so viele Hinterbliebene, dass für diese Lagerhaft angeordnet wurde. Frauen und Kinder verhungerten buchstäblich. Kinder von "Volksfeinden" galten als "sozial gefährliche Elemente" und waren einem besonderen Regelwerk unterworfen. Selbstmordgedanken waren allgegenwärtig.

Petersen zeigt die Mitverantwortung der Moskauer KPD-Leitung auf, aber auch deren Verzweiflung. Denn bedroht waren sie alle. Auch kaum einer, der in der Komintern über das Schicksal von deutschen Politemigranten entschieden hatte, entging der Verhaftungs- und Ermordungsmaschinerie. So machte sich in der KPD-Leitung blanke Verzweiflung breit, man flüchtete sich in den "kalkulierten Verrat". Statt die eigenen Leute zu schützen, trat die Parteiführung bei den Hetzjagden als Nebenklägerin auf.

Am Ende der Säuberungen der 1930er Jahre finden wir in der Sowjetunion eine abgerichtete und Stalin total ergebene Funktionärsschicht. Jeder "Moskauer" wusste von den Verfolgungen und den Schicksalen der Verhafteten und deren Familien und Freunden sowie von der Verstrickung des anderen. Wer überlebt hatte, war mitschuldig geworden. Ein Mantel des Schweigens wurde darübergelegt. Das führte zu Vereinsamung, die Petersen auch als ein Herrschaftsmittel des Stalinismus herauskristallisiert.

Nicht nur die Einreise in die Sowjetunion war streng kontrolliert - das Land stand Verfolgten des NS-Regimes nur in Ausnahmefällen offen, für Juden blieb es verschlossen -, auch für die Ausreise brauchte man eine Erlaubnis. Nur nach den Anforderungen der Besatzungsmacht und aufgrund entsprechender Qualifikation (Militärausbildung, Kampferfahrung, Presse- und Propagandaarbeit) wurde eine Rückkehr in Etappen erlaubt.

Man kann Petersens Buch durchaus als Kollektivbiographie lesen. Die Bereiche, die dieses Kollektiv im Exil formten, waren unter anderem die Leninschule, die NKWD-Arbeit sowie die Antifa-Schulen, erlebt als Lehrer oder Schüler. Wie umfassend einzelne dieser Bereiche von "Säuberungen" betroffen waren, wird an Beispielen deutlich. Von hundert namentlich bekannten deutschen Pädagogen wurden zwei Drittel Opfer der Verfolgungen, von den Lehrern der Karl-Liebknecht-Schule fast alle.

Wer die Leninschule durchlaufen und überlebt hatte, arbeitete in der SBZ/DDR oft in der Kaderausbildung, als Ideologieproduzent oder übernahm Spitzenpositionen im ostdeutschen Kulturleben. Ehemalige Kundschafter entwickelten ein elitäres Selbstverständnis. Sie alle blieben tief geprägt von der Erfahrung der stalinistischen "Säuberungen", die in der DDR eine Fortsetzung finden sollten. In den Lebensläufen vieler stalinistischer Kader ist Petersen auf Phasen starker Überlastung und wiederkehrende Nervenzusammenbrüche gestoßen, die er als Folge der Überforderung in den Funktionen deutet, verbunden mit besinnungslosem Verausgaben, ohne einen Moment des Innehaltens und Nachdenkens.

In der SBZ/DDR standen den "Moskauern" andere Machtgruppen gegenüber, die ebenfalls als Seilschaften aufgefasst werden können. So gehörten ehemalige deutsche Kriegsgefangene, die in der Sowjetunion in Dreimonatskursen zu Antifa-Lehrern ausgebildet worden waren, nun zu den "Erbauern des neuen Deutschlands". An die Schaltstellen der Macht gelangten aber auch KZ-Überlebende, die sich als Lagergemeinschaften durch eine ausgeprägte Gruppenidentität auszeichneten (wie Mauthausener oder Buchenwalder), sowie Kommunisten, die im Land überlebt hatten, ehemalige Spanienkämpfer, Westemigranten und sudetendeutsche Kommunisten. Durch eine Vielzahl von Neuaufnahmen in die KPD/SED machten Altkommunisten bald nur noch einen kleinen Teil der Parteimitgliedschaft aus.

Im Führungsgremium der Partei sowie im Parteiapparat, in Polizei und Geheimdienst sowie in den Medien dominierten die "Moskauer". Sie unterhielten umfassende Kontakte zu dem gewaltigen Apparat der Sowjetischen Militäradministration, allerdings nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Untergebene und Befehlsempfänger.

Petersen stützt seine Arbeit auf umfangreiche Literaturstudien, jedoch nicht auf ein eigenes Quellenstudium. Hohen Stellenwert erhalten im Buch Erinnerungen der Überlebenden. Das gilt sowohl für die in der DDR nicht für eine Publikation gesammelten, sondern sekretierten als auch für die im Westen als Propaganda im Kalten Krieg instrumentalisierten Erinnerungsberichte. Quellenkritisch werden beide Gruppen kaum hinterfragt.

Eine klare Aussage zur Personengruppe "Moskauer" wäre hilfreich gewesen, denn offensichtlich sind nicht nur Moskau-Remigranten gemeint, sondern auch andere Kommunisten mit "Moskau-Erfahrung", die 1945 zur Gruppe der ehemaligen KZ-Insassen oder der Westemigranten zählten (wie Rolf Markert oder Erich Mielke). Damit findet der Begriff "Schweigekultur", der sich auf das Säuberungserlebnis bezieht, Ergänzung und Erweiterung durch den Begriff "Gedächtnishegemonie", der auch Fragen der Geheimhaltung und Konspiration ("Rote Kapelle") sowie Fehlentwicklungen in der KPD/Komintern einschließt.

Die flüssig geschriebene Darstellung wird durch bewegende Einzelschicksale aufgelockert. Insgesamt verwirren jedoch die vielen Namensnennungen. Auch der Autor scheint bisweilen die Übersicht zu verlieren. Zum Beispiel lässt er Greta Kuckhoff, nachdem sie mit einer Ehrung für ihren Mann 1973 (?) nicht erfolgreich gewesen sei, 1972 (!) an Pieck (verstorben 1960!) schreiben. Auch wird nicht jeder Leser wissen, dass Lilly Korpus und Lilly Becher ein und dieselbe Person sind, zumal der Band auch kein Namensregister enthält. Die Handhabung der Belege und Zitate ist nicht konsequent und durchaus problematisch. Bisweilen sehr dicht gesetzt, fehlt manchmal über Seiten jeder Beleg. Oft wird die zitierte Quelle auch nicht genannt, sondern auf Sekundärliteratur verwiesen. Insgesamt entspricht dies kaum wissenschaftlichen Anforderungen.

Andreas Petersen hat in seiner anregenden Studie erstmals systematisch die konstitutive Rolle der Terrorerfahrung in der Sowjetunion für den Aufbau der DDR untersucht. Zwar ist die Darstellung nicht ausgewogen, es handelt sich hier eher um Reflexionen, weniger um eine wissenschaftliche Analyse, doch Petersen gibt interessante Einblicke in innerkommunistische Macht- und Herrschaftstechniken. Er vermag ein wichtiges Thema interessant zu vermitteln, so dass historisch Interessierte und professionelle Historiker das Buch gleichermaßen mit Gewinn lesen werden.

Michael F. Scholz