Rezension über:

Tiffany A. Ziegler: Medieval Healthcare and the Rise of Charitable Institutions. The History of the Municipal Hospital (= The New Middle Ages), Basingstoke: Palgrave Macmillan 2018, VI + 155 S., ISBN 978-3-030-02055-2, USD 69,99
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Rezension von:
Klaus Bergdolt
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Bergdolt: Rezension von: Tiffany A. Ziegler: Medieval Healthcare and the Rise of Charitable Institutions. The History of the Municipal Hospital, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 1 [15.01.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/01/32792.html


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Tiffany A. Ziegler: Medieval Healthcare and the Rise of Charitable Institutions

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Der Band ist in drei allgemeinere Kapitel gegliedert. Zunächst findet man einen (etwas rasanten) Überblick über die europäische Hospitalgeschichte von 3.500 vor bis 500 nach Christus, zweifellos eine ungeheuer lange, schwer zu interpretierende Zeitspanne, sodann über karitative Institutionen des frühen Mittelalters (500-1000) und schließlich die Beschreibung einiger ausgewählter Einrichtungen im Hochmittelalter (1000-1300). Es folgen zwei Beiträge zur frühen Geschichte des Sint-Jan-Spital in Brüssel (im Buch "St. John's") und schließlich zwei weitere, welche die Transformation dieses Spitals in ein "municipal hospital" von vorbildlichem, weit ausstrahlendem Rang im Lauf des 13. Jahrhunderts zum Thema haben.

In dem Überblick von der ägyptischen Kultur bis zur spätantik-römischen Periode wird versucht, die medizinischen und anthropologischen Grundkonzepte dieser langen Ära zu präsentieren. Mit der Verehrung des Asklepios wurde, folgen wir der Autorin, der uralte Glaube an göttliche Heiler bzw. Gebete durch das Bild des Arztes abgelöst, das exemplarisch durch Hippokrates verkörpert wird. Die Asklepieien mit ihren Heilschlaf-Therapien stellen ihrer Vorstellung nach einen Übergang dar. Ein neues, einschneidendes Paradigma stellte schließlich das jüdisch-christliche Konzept der Nächstenliebe dar (3. Mose 19, Galater 5,14). Das islamische Hospital stellt der Autorin zufolge einen ersten wirklichen Höhepunkt der mediterranen Hospitalkultur dar, wobei der Einfluss bzw. Vorbildcharakter christlicher Xenodocheien nicht bestritten wird. Hier zeigt sich eine gewisse Begeisterung für die mittelalterlich-islamische Kultur, die leicht dogmatische Züge aufweist. Dass das islamische Hospiz exzellente Strukturen (ärztliche Versorgung, alltägliche Hygiene) aufwies, ist allerdings seit langem common sense in der Forschung. Inhaltlich war das islamische wie christliche Hospiz weitgehend von antiken, d.h. hippokratisch-galenischen Gesundheitskonzepten und Therapielehren bestimmt. Von grundsätzlicher Bedeutung und neu war dagegen die christliche Motivation. Es galt ein großes Werk, ja ein großes, schwer zu organisierendes Unternehmen der Nächstenliebe in Gang zu setzen, wobei der Hospitalgedanke vom Konzept der "caritas" entscheidend profitierte.

Eher Übersichtscharakter besitzen die Kapitel "Early Medieval Charitable Institutions and Hospitals" und "High Medieval Charitable Institutions and Hospitals", wo die wichtigen Stationen bzw. Charakteristika der Hospitäler dieser Epochen geschildert werden. Vom Xenodocheion Basilios' des Großen (um 370), einem seit langem anerkannten, kaum zu überschätzenden Meilenstein der Hospitalgeschichte ausgehend, wird der Bogen zur Frühgeschichte des Brüsseler Sint-Jan-Spital geschlagen, wobei soziale Strukturen, Verwaltungsfragen und religiös-moralische Intentionen, ja selbst Aspekte der Architektur sowie die topographische Planung erwähnt werden - bis hin zu charakteristischen Grundformen der Spitalgebäude als "L" oder "T", welche von der Masse der Kranken getrennte Sonderbehandlungen bzw. eine getrennte Unterkunft des geistlichen oder nichtgeistlichen Personals ermöglichten. Die alte Frage, inwiefern festangestellte und regelmäßig visitierende Ärzte an den Hospitälern tätig waren, bleibt auch hier offen.

Immer wieder wird auf das 2005 erschienene Buch von John Crislip (University of Michigan) zurückgegriffen. Deutschsprachige Autoren (Harnack, Lutterbach, Sauser, Keil, Bergdolt, Jetter, Jankrift), in deren Publikationen viele der in Zieglers Buch aufgeworfenen Fragen diskutiert werden, spielen wie fast immer in Publikationen amerikanischer Provinzuniversitäten keine Rolle. Etwas kühn erscheint die Behauptung, der Heilige Basilius hätte in Caesarea auch Fremde und Kranke von außen aufgenommen, wogegen die Benediktiner, obgleich ihre Regel auch die Achtung Fremder vorschrieb, prinzipiell nur Mönche und Brüder, also Mitglieder des eigenen Ordens von der christlichen "caritas" profitieren ließen (57f.). In Wirklichkeit war die Klosterpforte spätestens seit den Karolingern über Jahrhunderte eine zentrale Anlaufstelle für Kranke und Menschen, die Unfälle erlitten hatten oder in irgendeiner Weise aus der Bahn geworfen waren. Zwar wurden diejenigen, die von außen kamen, in der Regel nicht in den Krankensälen der Mönche behandelt - insofern machte man zwischen Fremden und Mönchen als Patienten tatsächlich Unterschiede (unter Hygiene-Gesichtspunkten ist das übrigens ein sehr moderner Gedanke!) -, doch blieb das Gebot der Nächstenliebe in Wirklichkeit von zentraler Bedeutung. In Bezug auf die benediktinischen Klöster zu schreiben: "Still missing from the equation was the concept of caritas and lay participation" (58), ist nach Meinung des Rezensenten jedenfalls eine nichtzutreffende bzw. die soziale und theologische Kontextualisierung völlig außer Acht lassende Feststellung.

Die Autorin kommt so zu dem Fazit, dass erst städtische Hospitäler wie das Sint Jan-Spital in Brüssel, das im Grunde im Mittelpunkt des Buches steht, oder königliche oder bürgerliche Stiftungen ähnlicher Einrichtungen im Hoch- und Spätmittelalter die "caritas", welche die Benediktiner angeblich missen ließen, wirklich in die Tat umsetzten. Immerhin ist heute unbestritten, dass herausragende byzantinische Hospitäler wie jenes, das dem Pantokrator-Kloster in Konstantinopel angeschlossen war, Laien-Ärzte beschäftigten, was, wie betont wird (62), bei den Benediktinern nicht üblich war (wie gesagt: die Herausarbeitung der theologischen, kulturellen, sozialen und strukturellen Unterschiede, die dies bedingten, unterbleibt). Nach Ziegler, die sich hier auf Emila Jamroziak beruft, war dies immerhin später bei den Zisterziensern der Fall.

Dass die Entwicklung des europäischen Spitals, das sich - was für ein Gegensatz zur heidnische Antike, wo fast nur die "familia" Zuflucht sein konnte! - letztlich um alle in Not Geratenen zu kümmern hatte (Kranke, Blinde, Waisen, Witwen usw.), im Hochmittelalter, in der Regel ab dem 13. Jahrhundert, einen Höhepunkt erlebte, ist unbestritten. Etwas schnell und unbedarft werden hier allerdings heutige bzw. postaufklärerische Qualitätskriterien zugrunde gelegt. Die städtische Bevölkerung war nun, so die Sicht vieler Medizinhistoriker, nicht mehr mit einer primär geistlichen Betreuung und Tröstung zufrieden.

Berücksichtigt man, dass dies alles in der westeuropäischen Forschung schon vielfach diskutiert wurde, besteht der Wert dieser Untersuchung weniger in dem anfänglichen Überblick über die europäische Hospitalgeschichte bis zum Hochmittelalter, sondern in der sich anschließenden konkreten Darstellung von Geschichte, Struktur, Satzungen, Status, Klientel und Träger des Brüsseler Sint-Jan-Spitals, das von der Bürgerschaft gegründet worden war. Der Kampf um die Kontrollhoheit zwischen Kirche und Stadt war, wie akribisch gezeigt wird, bemerkenswert. Der für Brüssel zuständige Bischof von Cambrai beanspruchte im Jahr 1211 die Kontrolle über das gesamte Spital, nicht zuletzt um seine Macht über die Stadt zu demonstrieren. Er stand, wie die Autorin überzeugend herausgearbeitet hat, selbstbewusst, aber auch auf Grund persönlicher Beziehungen zur römischen Kurie, für das Papsttum, während lokale Machthaber wie der Herzog von Brabant oder der städtische Burgherr ihren Einfluss dem Kaiser bzw. den Staufern verdankten, zu denen der Bischof, der am Dritten Kreuzzug Barbarossas teilgenommen hatte, allerdings ebenfalls glänzende Verbindungen hatte. Resultat langer Auseinandersetzungen war am Ende ein erstaunlich gut funktionierendes Bürgerspital, wobei sich der Bischof, nur scheinbar paradox, als ausgleichende Instanz zwischen Bürgern, Burgherrn, Herzog und dem Hospital bewährt hatte. Seine Macht als "Protector" des Spitals war und blieb nun, übrigens auch für seine Nachfolger, unumstritten. Weltliche Autoritäten hatten auf das größte und wichtigste Spital der Stadt keinen Einfluss mehr.

Interessant erscheint die Grundstruktur dieser Einrichtung, die offensichtlich einen reibungslosen Ablauf des (naturgemäß nicht einfachen) Spitalalltags ermöglichte. Drei der Augustinerregel unterworfene Brüder und zehn derselben Regel folgende Schwestern kümmerten sich vor Ort um die Kranken- und Altenpflege, eine Lösung, mit der Insassen des Spitals wie die Bürgerschaft, wie es scheint, sehr zufrieden waren. Ein aus dem Orden gewählter "procurator domus" kümmerte sich sowohl um die kleine Kommunität wie die praktischen Angelegenheiten und den Kontakt nach außen. Bei regelmäßigen Sitzungen besprach man das Nötige. Der zeitgleiche, schon seit dem 11. Jahrhundert andauernde Investiturstreit, also die Frage, ob Kaiser oder Papst die Bischöfe ernennen sollten, die ja auch weltlichen Rang beanspruchten, überschattete, so die Autorin, noch im 13. Jahrhundert den Zuständigkeitsstreit am Brüsseler Spital. Ihre Argumente scheinen recht plausibel. Das Sint-Jan-Spital war so strukturiert, dass offensichtlich grundsätzliche Forderungen des Dritten Laterankonzils (1179) berücksichtigt und solche des Vierten Laterankonzils (1215) vorweggenommen wurden.

Diese Passagen gegen Ende des Buchs sind spannend zu lesen und sehr instruktiv. In einer Spendenaktion, also einem Aufruf zu guten Werken im Sinne von Matthäus 25 zur Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt das größte Brüsseler Spital schließlich so viel Vermögen, dass es um 1300 als eines der führenden nördlich der Alpen gelten konnte.

Insgesamt liefert Tiffany Ziegler eine interessante Einführung in die europäische Spitalgeschichte, wobei allerdings einige ihrer Thesen umstritten bleiben. Wertvoll und anregend bleibt die Vorstellung des Sint-Jan-Spitals als Schauplatz lokaler Kämpfe um die Verwaltungshoheit, die aber gleichzeitig die geistige Situation Europas reflektierten.

Klaus Bergdolt