Rezension über:

Peter Högemann / Norbert Oettinger: Lydien. Ein altanatolischer Staat zwischen Griechenland und dem Vorderen Orient, Berlin: De Gruyter 2018, X + 511 S., ISBN 978-3-11-043602-0, EUR 99,95
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Rezension von:
Annick Payne
Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Annick Payne: Rezension von: Peter Högemann / Norbert Oettinger: Lydien. Ein altanatolischer Staat zwischen Griechenland und dem Vorderen Orient, Berlin: De Gruyter 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 12 [15.12.2019], URL: https://www.sehepunkte.de
/2019/12/32358.html


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Peter Högemann / Norbert Oettinger: Lydien

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Die Erforschung der Lyder leidet unter einer dem Zufall der Überlieferung geschuldeten Schieflage schriftlicher Quellen: griechisch-römische Quellen und damit eine Außenperspektive dominieren, während das kleine Corpus lydisch-sprachiger Inschriften bislang wenig zur Rekonstruktion lydischer Geschichte beitragen konnte. Dies ist sowohl dem Genre der überlieferten Texte, meist Grabinschriften, geschuldet, aber auch der Tatsache, dass diese Texte noch nicht vollständig erschlossen sind. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass jüngste Fortschritte zu einigen dieser Schriftdokumente von den Autoren ausführlich diskutiert und für ihre Rekonstruktion lydischer Geschichte verwendet werden.

Lydische Historiographie beginnt traditionell mit Herodot. Der einzige zusammenhängende Bericht zur lydischen Geschichte findet sich an besonders exponierter Stelle, im ersten Buch seines Geschichtswerks, und erfährt aus diesem Grunde überproportionale Gewichtung. Somit wird Lydien meist als Wurmfortsatz der griechischen Antike betrachtet, seine Rolle an einem Scheidepunkt zwischen dem Vorderen Orient und der griechischen Welt missachtet. Dieser Tradition wollen die Autoren entschieden entgegentreten, in dem sie mit ihrem Band die Frage adressieren, was eigenständige Charakteristika Lydiens sind und wie Lydien zwischen den Polen von Ost und West agiert. Es ist ein großer Verdienst des vorliegenden Werkes, die vielfältigen Beziehungen und ererbten Traditionen innerhalb Anatoliens und des weiteren Vorderen Orients aufzuzeigen.

Dem Prinzip folgend, dass gleiche Epoche, Kulturraum, Erfahrungen und Probleme auch gleiche Lösungen nahe legen, bemühen die Autoren den typologischen Vergleich, v.a. mit anatolischen und biblischen, aber auch anderen altorientalischen Quellen. Zwar muss manches, wie das postulierte Formular lydischer Verträge (152 ff.) reine Spekulation bleiben, doch der Ansatz führt zu vielen scharfsinnigen Einsichten, z. B. zur Motivation eroberungsloser lydischer Feldzüge ins ionische Umland. Die Autoren vergleichen Kriegsziele und -motivationen der Griechen und des Vorderen Orients, und stellen griechischen Rachefeldzügen orientalische Beutefeldzüge gegenüber, die als Druckmittel zur Tributzahlung eingesetzt wurden (125 ff.). Mit diesem Ansatz wird nicht nur verständlich, warum die Lyder wiederholt "erfolglos" die ionische Küstenregion heimsuchten, auf dieser Basis lässt sich im weiteren Vergleich auch ein Klientensystem rekonstruieren, das wiederum hethitischen Modellen näher als assyrischen steht.

Die Autoren verweben die lydische Kulturgeschichte in ein Narrativ, das von der Vorwegnahme einzelner Ergebnisse lebt, die nachfolgend in den einzelnen Kapiteln erörtert werden. So lässt sich eine stringente, lesbare Geschichte erzählen, die den Leser fortlaufend tiefer in die Komplexitäten lydischer Kulturgeschichte einführt. Das erste und letzte Kapitel markieren die Eckpunkte des lydischen Großreiches von Gyges (Kap. 1) bis zum Fall von Sardes unter Kroisos (Kap. 6). Eingebettet ist dieser Haupttext in eine Einleitung zu Grundvorstellungen, Hauptproblemen und Lösungsansätzen (1-27) sowie einen Schlussteil (430-460), in dem die Autoren den Versuch resümieren, die hier behandelte Epoche darzustellen. Den Band beschließen ein Literaturverzeichnis, ein analytisches Glossar, das wichtige Themen des vorliegenden Bandes kurz beschreibt, sowie Verzeichnisse von Eigennamen, Toponymen, Völkernamen und Sachbegriffen (461-511).

Eine Kernfrage, der sich die Autoren widmen, heißt "Wer waren die Lyder?" (Kap. 2) - und woher kamen sie? Den Autoren zufolge siedelten im 2. Jtsd. v. Chr. frühe Sprecher des Lydischen an der Propontis und in Bithynien, von wo sie, wohl nach 1200 v. Chr., südlich in ehemals luwische Gebiete einwanderten. Dass im bronzezeitlichen Troja lydisch gesprochen worden sein soll (89), bleibt ohne Inschriftenfunde unbeweisbar. Die Einwanderung der Lyder in das Hermos- und Kaystertal kann nur leider lückenhaft nachgezeichnet werden. Die nur am Rande erwähnte, spannende These, dass Apasa-Ephesos eine frühere Hauptstadt der Lyder gewesen sein kann, die zugunsten der besser zu verteidigenden Stadt Sardes aufgegeben worden sei (115) weckt den Wunsch nach ausführlicherer Diskussion; die vielfachen engen Beziehungen der Lyder nach Ephesos könnten hierin eine Erklärung finden.

Ein Stachel, den Herodot (1.94.5-7) im Fleisch der Lyderforschung hinterlassen hat, ist die angebliche Abstammung der Etrusker (Tyrsener) von den Lydern, die jüngst noch durch mtDNA-Ähnlichkeiten zwischen modernen Anatoliern und Toskanern an Zustimmung gewann; [1] neueste, umfassendere Studien zeichnen jedoch ein anderes Bild [2], das vielmehr die im vorliegenden Band vertretenen Ansichten stützt. Die Autoren widerlegen die herodoteische Fassung mit zwei wichtigen Argumenten, nämlich zum einen der fehlenden Sprachverwandtschaft - das Lydische gehört zu den indo-germanischen Sprachen, das Etruskische nicht -, zum anderen der Bewegungsrichtung der Tyrsener, die contra Herodot ostwärts, von Italien nach Lemnos gezogen seien (85f.). Ihr Vorschlag, dass es zu Kontakten zwischen Etruskern auf Lemnos und Lydern in Bithynien gekommen sein könne, ist plausibel (86).

Der Versuch, das Narrativ Herodots zu erhalten, hinterfragen und ergänzen ist eine fruchtbare Leitlinie, die insbesondere von sprachwissenschaftlichen Analysen profitiert. So kann der Satz, die Lyder seien die ersten Kaufleute (griechisch κάπηλος; Herodot 1.94.1) gewesen, wie folgt erklärt werden: die Erfindung des Münzgeldes habe einen neuen Art des Handels, und dadurch den Kleinhändler gefördert, deren Bezeichnung mit dem Konzept aus dem Lydischen entlehnt worden sei, von lydisch *kapala- "Händler", vergleiche hethitisch hāppar, "Kaufpreis". Handel und Kolonisierung werden ausführlich besprochen, vor allem die des Schwarzen Meeres, die mithilfe einer sardisch-milesischen Symmachie bewerkstelligt wurde; von hier soll maßgeblich - aber heimlich - Gold nach Lydien importiert worden sein (210 ff.). Wenn man Goldzahlungen der Milesier als Tribut hinzunimmt (140), so war dies für die Lyder ein äußerst profitables Bündnis.

Kroisos als der Schlüsselfigur der herodoteischen Erzählung wird auch im vorliegenden Band viel Platz eingeräumt, ein Hauptthema ist die Begegnung mit Solon, deren misstimmiger Dialog über das Glück in der wortlosen Abreise des athenischen Gastes endet. Die Autoren verstehen das Treffen als historisch, und leisten hervorragende Arbeit, um zu einem besseren Verständnis dieser Episode beizutragen. So zeigen sie auf, dass Herodots Barbarisierung Lydiens für die Zeit des Kroisos anachronistisch ist (293; 301) und erläutern die Geisteswelt des Kroisos im altorientalischen Kontext von Rechtskultur, Religion bis Literatur (307 ff.). Versteht man Kroisos als altorientalischen Herrscher, der sich den üblichen Gepflogenheiten entsprechend verhält, so wird sein Urteil über Solon als ungebildet (Hdt. 1.33) verständlich, da dieser aus rein griechischer Perspektive agiert und moralisierend urteilt. So versteht Solon den Besuch in Kroisos Schatzhaus als ein Protzen mit von ionischen Griechen gestohlenen Schätzen. Die Autoren argumentieren, dass ihm entgeht, dass das Zeigen der Schätze ein Auftakt zu Bündnisverhandlungen sein sollte, somit ein diplomatischer Akt war, durch den ausreichende Mittel für staatliches Handeln aufgezeigt wurden (356 ff.).

Der vorliegende Band erreicht sein Ziel, die Verortung Lydiens in Altanatolien aufzuzeigen. Sprachlich beglückend, ist er sowohl eine Bereicherung für die Lyderforschung als auch eine gelungene Einführung in den Vorderen Orient für alle, die sich wie Herodot den Lydern aus griechischer Perspektive nähern.


Anmerkungen:

[1] Achilli, A., Olivieri, A., Pala, M., Metspalu, E., Fornarino, S., Battaglia, V., Accetturo, M., Kutuev, I., Khusnutdinova, E., Pennarun, E., Cerutti N., Di Gaetano, C., Crobu, F., Palli, D., Matullo, G., Santachiara-Benerecetti, A.S., Cavalli-Sforza, L.L., Semino, O., Villems, R., Bandelt, H.J., Piazza, A., Torroni, A., Mitochondrial DNA variation of modern Tuscans supports the Near Eastern origin of Etruscans, Am J Hum Genet 80 (2007), 759-768; Brisighelli, F., Capelli, C., Alvarez-Iglesias, V., Onofri, V., Paoli, G., Tofanelli, S., Carracedo, A., Pascali, V.L., Salas, A., The Etruscan timeline: a recent Anatolian connection. Eur J Hum Genet 17 (2009), 693-696.

[2] Tassi, F., Ghirotto, S., Caramelli, D., Barbujani, G., Genetic Evidence Does Not Support an Etruscan Origin in Anatolia, American Journal of Physical Anthropology 152.1 (2013), 11-18.

Annick Payne