Rezension über:

Jeroen Duindam: Dynasties. A Global History of Power, 1300-1800, Cambridge: Cambridge University Press 2016, xx + 384 S., ISBN 978-1-107-63758-0, GBP 19,99
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Jeroen Duindam: Dynasty: A Very Short Introduction (= Very short introductions; 617), Oxford: Oxford University Press 2019, xvii + 145 S., ISBN 978-0-19-880908-1, GBP 8,99
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Rezension von:
Matthias Schnettger
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Schnettger: Jeroen Duindams vergleichende Globalgeschichte dynastischer Herrschaft (Rezension), in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/11/33726.html


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Jeroen Duindams vergleichende Globalgeschichte dynastischer Herrschaft

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Die beiden hier anzuzeigenden Bände des namhaften Spezialisten für den Wiener und den Versailler Hof Jeroen Duindam stellen den bemerkenswerten Versuch einer vergleichenden Globalgeschichte dynastischer Herrschaft dar. Während das am Ende zu besprechende Bändchen die Grenzen von Zeit und Raum in Richtung einer Universalgeschichte sprengt, hat der 2016 erschienene, gewichtigere Band einen globalen Horizont, er beschränkt sich zeitlich aber auf die 500 Jahre zwischen 1300 und 1800. Das hat primär nachvollziehbare arbeitsökonomische Ursachen, wird aber auch inhaltlich begründet: Im Fokus steht die Zeit vom Ende der mongolischen Eroberungen bis zur Etablierung einer europäischen Hegemonie, die die lokalen Regime zur Unterwerfung oder zur Durchführung von Reformen nach europäischen Vorbildern zwang (9f.). Angesichts der Komplexität des Stoffes hat Duindam die meisten Forschungsdiskussionen bewusst ausgeblendet bzw. in den Anmerkungsapparat ausgelagert (xiii) und auch auf eine umfassende Kontextualisierung seiner Fallbeispiele verzichtet (7). Eine methodische Herausforderung stellt die Tatsache dar, dass diese Beispiele in sehr unterschiedlichem Maße durch Quellen und Forschungsliteratur erschlossen sind. Der vielleicht größten offenen Flanke des Bandes ist sich der Verfasser selbstverständlich bewusst. Gegen den denkbaren Vorwurf, er vergleiche Äpfel und Birnen, rechtfertigt er sein Konzept damit, dass die von ihm untersuchten Aspekte für alle Fallbeispiele nachweisbar und relevant seien (13). Zu den Besonderheiten seiner Herangehensweise gehört schließlich, dass ihn Entwicklungen wenig interessieren: "The common historical focus on the development of one region over time is replaced by a thematic, comparative, and anthropological perspective" (14).

Die Darstellung ist in vier konzentrischen Kreisen aufgebaut und schreitet von innen nach außen voran: ausgehend vom Herrscher, über die Dynastie und den Hof bis zum Reich. Teil I ("Rulers: position versus person") ist den Vorstellungen vom idealen König gewidmet. Duindam geht von den gemeineuropäischen Konzepten eines Herrschers von Gottes Gnaden aus, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist und für den Gerechtigkeit eine zentrale Norm darstellt. Zugleich weist er auf den Widerspruch zwischen Moral und Herrschaftspraxis hin, den Machiavelli schonungslos offenlegte. Vergleichbare Spannungen stellt er für die muslimischen, buddhistischen und hinduistisch geprägten Reiche Asiens fest (36). In China herrschte "the Confucian principle of rule based on virtuous example and learning" (41). In Afrika, dem präkolumbianischen Amerika und Polynesien existierten Vorstellungen von "stranger-kings", die ihre Herrschaft durch Normüberschreitung etablierten, aber durch einflussreiche Älteste und Räte gesellschaftlich eingebunden wurden (43, 45). Religiöse Legitimation war weltweit ein wichtiges Fundament monarchischer Herrschaft, sie konnte sich aber auch gegen den Herrscher wenden, wenn Naturkatastrophen Anhaltspunkte für einen Verlust der göttlichen Gnade boten (50f.). Die permanente Spannung zwischen Anspruch und Realitäten war eine besondere Herausforderung für die Herrscher und führte in Japan zu einer Trennung zwischen der priesterlichen höchsten Gewalt, die beim Kaiser lag, und der eigentlichen Regierung durch die Shogune (55).

Anschließend betrachtet Duindam die Lebenszyklen von Herrschern und Herrscherinnen, ausgehend von einigen vergleichenden Biogrammen. Nach einer ausführlichen Schilderung der Prinzenerziehung identifiziert er die Lebensjahrzehnte zwischen 20 und 50 als diejenige Phase, die den Monarchen die beste Gelegenheit bot, ihre Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen (70). Demgegenüber waren die letzten Lebensjahrzehnte selbst bei starken Herrscherpersönlichkeiten wie Ludwig XIV. von Frankreich und dem chinesischen Kaiser Kangxi von Schwierigkeiten geprägt (77).

Teil II ("Dynasty") widmet sich ausführlich der Rolle der Frauen. Er liefert Beispiele für die Regierung von Frauen, die die Ausnahme blieb, die es aber immer wieder gab, z.B. auch in den südostasiatischen Sultanaten Aceh und Patani. Viel häufiger war die "komplementäre" Herrschaft von Frauen, insbesondere der Königinmutter (die nicht notwendigerweise die leibliche Mutter sein musste), der Gemahlin und der Herrscherwitwe. In einigen afrikanischen, südostasiatischen und polynesischen Reichen galt eine matrilineare Erbfolge. Heiratspolitik spielte - in sehr unterschiedlichen Ausprägungen - verbreitet eine Rolle, so in Europa, dem Osmanischen Reich, in Dahomey, dem Safawidenreich, dem Mogulreich, in China und Japan. Das christliche Europa bildete eine Ausnahme hinsichtlich der Verpflichtung des Herrschers zur Monogamie, eine Norm, die aber oft nicht eingehalten wurde (Mätressen).

Ein Kernproblem in dynastischen Monarchien war die Erbfolge: Eine feste Sukzessionsordnung minimierte Erbfolgekonflikte, erleichterte aber die Sukzession von zur Herrschaft nicht geeigneten Personen. Die Zahl der überhaupt für die Thronfolge in Betracht kommenden Personen variierte erheblich. Während viele europäische Dynastien in der Gefahr des Aussterbens standen oder tatsächlich ausstarben, betrug die Zahl der Ming-Prinzen vor der Herrschaftsübernahme durch die Qing zwischen 80.000 und 200.000 (131). Im Osmanischen Reich war es bis ins 17. Jahrhundert üblich, dass der neue Herrscher seine Brüder als potentiell gefährliche Konkurrenten um den Thron beseitigen ließ. Ähnliche Tendenzen gab es im Safawiden- und im Mogulreich. Gerade dort, wo es keine feste Sukzessionsordnung gab, spielten "Königsmacher" eine wichtige Rolle: Das konnten die Vorgänger sein, die, wie im 18. Jahrhundert in Russland und im China der Qing, ihren Nachfolger qua Designation bestimmten, aber auch Herrscherwitwen oder Palastgarden, so im Osmanischen Reich die Janitscharen. Überzählige Verwandte, die nicht für die Erbfolge benötigt wurden, marginalisierte man nicht selten, indem man sie in die Provinz schickte.

Teil III ist dem Hof gewidmet. Nach einigen terminologischen Vorüberlegungen erörtert Duindam das städtebildende Potential von Höfen und stellt mobile Höfe den festen Residenzen gegenüber, wie sie sich in den meisten Reichen ausbildeten. Der Zugang zum Herrscher bzw. dessen Abschließung wurde in Europa sehr unterschiedlich gehandhabt (man denke nur an die unterschiedlichen Praktiken in Versailles und der Wiener Hofburg). Auch in islamischen Reichen findet man eine beachtliche Bandbreite von Lösungen dieser Frage. In China gab es eine klare Abschließung des inneren Hofs. Große Unterschiede stellt der Verfasser - was angesichts der Vielfalt seiner Beispiele kaum überraschen kann - auch hinsichtlich des Palastpersonals fest. Am Hof Ludwigs XIV., der osmanischen Sultane und der Qing-Kaiser wurden fünfstellige Zahlen erreicht (193f.). Sowohl in Europa als auch in Asien sind Tendenzen festzustellen, dass der Monarch sich immer tiefer in den Palast zurückzog, während die spezifischen Regierungsinstitutionen an den Rand des Hofs rückten bzw. aus diesem ausgegliedert wurden.

Der Hof konnte, wie Duindam im folgenden Abschnitt darstellt, als Tempel, Käfig oder Arena fungieren. Sowohl im Versailles Ludwigs XIV. wie im Japan des Shoguns Tokugawa diente er zur Kontrolle der Eliten (207-209). In vielen außereuropäischen Reichen besaßen unter den Höflingen die Eunuchen einen Sonderstatus, weil sie keine Aussicht auf eigene Nachkommenschaft hatten und in der Regel über keine unmittelbare Verbindung zu den Eliten verfügten. Als Haremswächter hatten sie auch Zutritt zu den Teilen des Palasts, die anderen verschlossen blieben und dienten oft als Vermittler zwischen dem inneren und dem äußeren Palastbezirk (214). Ein universelles Phänomen war die Existenz von Favoriten und miteinander konkurrierenden Hofparteien. Für alle Amtsträger bis hin zum Herrscher selbst bestand die Gefahr des Sturzes (223f.).

Der vierte und letzte Teil ("Realm") widmet sich den Verbindungen und Interaktionen zwischen dem Herrscher/Hof und dem Reich/den Untertanen. Im Kern geht es darum, wie Herrschaft in dynastischen Monarchien funktionierte. Auch hier erkennt Duindam zahlreiche Analogien und Parallelen zwischen seinen Fallbeispielen. Der Hofdienst bot Aufstiegschancen und Verdienstmöglichkeiten. Da der Hofdienst zur Ehre gereichte, konnte die Verleihung von Hoftiteln an Außenstehende nicht nur in Europa, sondern etwa auch im Osmanischen Reich sekundäre Eliten dem Herrscher verpflichten (254). Auch diejenigen Akte, in denen der Herrscher und seine Umgebung aus dem Palast heraustraten, wie Prozessionen, Krönungszüge, Opferhandlungen und andere religiöse Rituale mit performativem Potential trugen wesentlich zur Vermittlung und Konsolidierung von Herrschaft bei. Darüber hinaus fand eine "dissemination of royalty" (275) durch Münzen, gedruckte Texte unterschiedlicher Genres, Porträts und andere Medien statt. Weniger gut zu kontrollieren waren die volkstümlichen Vorstellungen vom Herrscher. Auch Kritik am Herrscher konnte mediale Verbreitung finden.

Das Kapitel schließt mit einem kurzen Abschnitt zu "Persistence and change" (281). Zeitgenössisch dominierten lange zyklische Modelle eines Aufstiegs und Niedergangs von Dynastien, wie das von Ibn Khaldun (282). Im Grundsatz bewertet Duindam diese Vorstellungen für seinen Untersuchungsgegenstand als zutreffend. Erst die "protracted redefinition of political authority and global power balances" (284) zwischen 1750 und 1918 bewirkte eine grundlegende und irreversible Veränderung.

Der Schlussteil ("Conclusion") bündelt die Ergebnisse des umfassenden Vergleichs und setzt sich kritisch mit gängigen Deutungsschemata, insbesondere dem vom freien "Westen", der dieser Freiheit seinen unaufhaltsamen Aufstieg zu verdanken habe, und einem durch Zwang und Unfreiheit charakterisierten "Osten" auseinander. Es gebe zwar durchaus unterschiedliche Modelle von Herrschaft, aber schon die Existenz zahlreicher aus dem Rahmen fallender Einzelbeispiele spreche klar gegen eine West-Ost-Dichotomie. Das Ende der dynastischen Monarchie sieht Duindam weniger durch das Auseinandertreten von königlichem Haushalt und Regierung bedingt, sondern in erster Linie durch die Schwächung ihrer religiös-rituellen Grundlagen in Kombination mit dem politischen Machtverlust des Herrschers (310). Der Band endet mit einer kurzen Reflexion über das monarchische Erbe in heutigen Demokratien und autoritären Regimen.

Drei Karten bieten eine grobe geografische Orientierung über die behandelten Reiche in Asien, Afrika sowie Süd- und Mittelamerika; die Kenntnis der politischen Geografie Europas wird vorausgesetzt. Ein Glossar trägt zum Verständnis des Textes ebenso bei wie die qualitätsvollen Farbabbildungen. Ein kombinierter Personen- und Sachindex erschließt den Band. Ein umfangreiches Verzeichnis der gedruckten Quellen und der Literatur lädt zur vertiefenden Lektüre ein.

Jeroen Duindam gebührt für diesen Versuch einer globalen Dynastiegeschichte großer Respekt. Zwar räumt die "Global History of Power" dem eurasischen Doppelkontinent eine privilegierte Stellung ein, was aufgrund der Quellen- und Literaturlage wohl kaum anders möglich war. Der Verfasser hat sich aber auch für den afrikanischen Kontinent und das präkolumbianische Amerika in zahlreiche neue, komplexe Themen eingearbeitet und seine Fallbeispiele so gut erschlossen, dass sie auch Leserinnen und Lesern mit nur geringen Vorkenntnissen zugänglich sein dürften. Die von Duindam vertretenen Thesen sind anregend und dürften die weitere Forschung inspirieren. Nachdem er so einen globalen Horizont aufgespannt hat, könnte es nun hilfreich sein, die Perspektive wieder etwas zu verengen und durch kleiner dimensionierte, aber detailliertere und stärker kontextualisierte Vergleiche den Ansatz Duindams fortzuführen bzw. seine Thesen kritisch zu überprüfen.

In dem zweiten hier zu besprechenden Buch hat Jeroen Duindam, wie oben bereits angedeutet, seinen Gegenstand noch einmal gewaltig ausgeweitet und behandelt das Thema "Dynastien" in globaler Dimension von den Anfängen bis in die Gegenwart, und das in einer Reihe, die zu Recht den Titel trägt: "A Very Short Introduction". Dementsprechend hat das an ein breiteres Lesepublikum gerichtete Bändchen einen ganz anderen Zuschnitt als die oben besprochene Studie und ist auch abweichend aufgebaut. Wesentliche Themen, Ergebnisse und Thesen hat der Verfasser aber wieder aufgegriffen.

Nach einer kurzen Einführung zu Dynastien in Vergangenheit und Gegenwart beginnt Duindam mit einem Kapitel zu Gegenständen, die in dem anderen Band im zweiten Teil zu finden sind: Erbfolge, Polygamie und Monogamie sowie dem Umgang mit "überzähligen" Familienmitgliedern. Erst das zweite Kapitel ist dem Herrscher selbst gewidmet und konturiert dessen Rolle in ähnlicher Weise wie der umfassende Band, aber unter Einbeziehung antiker Beispiele und Quellen wie des Codex Hammurabi. Weitere Kapitel behandeln die Frauen der Dynastie und unter der Überschrift "Embedding the family" die Konstruktion von Genealogien und den Hof. Der folgende Abschnitt "Persistence and Change" greift wesentliche Gedanken aus dem Schlussteil des ersten Bandes auf. Dem Zielpublikum entsprechend fallen die Ausführungen zum "dynastic impulse in the modern world" (Kapitel 6) relativ ausführlich aus und beziehen auch Unternehmerdynastien ein. All dies geschieht in konzentrierter Form und in einer leicht verständlichen, bisweilen lockeren Sprache (Kapitel 2: "Paterfamilias: it's hard to be the boss").

Der "Epilogue" endet mit einem Hinweis auf die Aktualität des Themas, denn offenbar hätten noch im frühen 21. Jahrhundert "the language of strong men and conspicuous family power [...] the capacity to enthrall populations" (119). Duindam lädt sein Lesepublikum ein, derartige Phänomene aus der Langzeitperspektive dynastischer Macht zu betrachten.

Dem Konzept der Reihe entsprechend, verzichtet dieses Bändchen, das einen gelungenen Versuch darstellt, wesentliche Elemente dynastischer Herrschaft in globaler und zeitlich übergreifender Perspektive einem interessierten größeren Lesepublikum zu vermitteln, auf einen Anmerkungsapparat. Einzelne Nach- und spezifische Literaturhinweise sind den Kapiteln zugeordnet. Außerdem gibt es eine Reihe von weiterführenden Literaturhinweisen sowie einen kombinierten Personen- und Sachindex.

Matthias Schnettger