Rezension über:

Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900-1945, Band 3, Wien: Böhlau 2019, 627 S., 26 s/w-Abb., ISBN 978-3-205-20801-3, EUR 90,00
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Rezension von:
Heinz Duchhardt
Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Heinz Duchhardt: Rezension von: Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900-1945, Band 3, Wien: Böhlau 2019, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/10/33483.html


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Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker

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Mit dem vorliegenden Band findet ein wissenschaftliches Unternehmen seinen Abschluss, dessen erste beiden Bände 2008 und 2012 erschienen waren und seinerzeit mit viel Sympathie und Zustimmung bedacht worden sind - die ein wenig weit ausgreifende (und ihrerseits mit Kritik an dem einen oder anderen Rezensenten nicht sparende!) Zitatenlese aus den Besprechungen des 2. Bandes unterstreicht das noch einmal. Mit Einschluss dieses 3. Bandes sind nun insgesamt 47 österreichische Historiker und Historikerinnen in längeren Essays vorgestellt worden: namhafte und relativ unbekannte, auch solche, die sich eher auf Nachbargebieten der Geschichtswissenschaft wie etwa der Kunstgeschichte und der Orientalistik bewegten. Konzeptionell war vorgegeben, dass die "Kernzeit" ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit, die "entscheidende Wirkungsphase", die Jahre zwischen 1900 und 1945 waren, auch wenn sich ihre Lebensdaten zum Teil deutlich jenseits dieser (willkürlichen und nicht unproblematischen) Zäsur bewegten und die 1980er- oder gar die 1990er-Jahre erreichten. Die weitgefächerte Auswahl der Porträtierten ist beeindruckend, wiewohl man es bedauert, dass sich offenbar selbst für international renommierte Historiker wie Heinrich Fichtenau, August Fournier, Alphons Lhotsky, Reinhold Lorenz und Alfred Francis Pribram, um nur einige zu nennen, keine Autoren gefunden haben!

Nun zu dem vorliegenden Band. Er enthält dreizehn Essays zu zwei Historikerinnen und elf Historikern, wobei auch hier mit dem Begriff eher großzügig umgegangen wird, finden sich unter den Porträtierten doch auch Archäologen (Camillo Praschniker), Geografen (Hugo Hassinger) und Volkskundler (Richard Wolfram). Aber diese "Grenzüberschreitung" soll nicht weiter ausgestellt werden, wiewohl - es sei wiederholt - die Lücken unter den "gestandenen" Historikern durch solche "Außenseiter" natürlich nicht aufgewogen werden. Es gibt eine ganze Reihe von "roten Fäden", die auf alle Porträtierten angewandt werden, natürlich ihre Nähe zur deutschen Geschichtswissenschaft und zu den großdeutschen Bestrebungen - bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die österreichischen Historiker keinen eigenen Verband, sondern waren Mitglieder des deutschen Historikerverbands! - , ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus bzw. zum Austrofaschismus, ihre wissenschaftlichen, wissenschaftsorganisatorischen und außerwissenschaftlichen Leistungen, ihre Netzwerke. Das fiel bei einigen der "prominenten" Historiker, die biografisch schon relativ gut aufgearbeitet waren, leichter als bei anderen, deren bloße äußere Biografie erst noch erarbeitet werden musste. Zu den "Prominenten" müssen sicher Oswald Redlich, dessen akademischer Aufstieg deutlich vor 1900 begann und den sein Biograf als einen Mann "zwischen den Parteien" charakterisiert, der Osteuropahistoriker Hans Uebersberger, der einen Großteil seiner Karriere seit den 1930er Jahren in Deutschland absolvierte und von der Autorin mit einem emotionsgeschichtlichen Zugriff in ein Spannungsfeld von privaten Interessen und politischer Geltungssucht gestellt wird, und Otto Brunner gerechnet werden, der 1948 von der österreichischen Regierung ins akademische Abseits gedrängt wurde und sich mit seinem posttotalitären Konzept eines "alteuropäischen Tugendbegriffs" eine neue wissenschaftliche Basis jenseits von "Volk" und "Reich" schuf, das ihm seit den mittleren 1950er-Jahren in Deutschland eine zweite (glanzvolle) Karriere ermöglichte.

Von den anderen Wissenschaftleressays sind die der Frauen (Erna Patzelt und Lucie Varga) hervorzuheben, beide Dopsch-Schülerinnen, wiewohl denkbar unterschiedlich - die eine bedeutende Mediävistin mit unverkennbaren NS-Sympathien, die andere, die Jüdin, mit ungarischen Wurzeln, diskursanalytisch orientiert und zeitweise eng mit den beiden "Annalisten" Febvre und Bloch zusammenarbeitend; sie werden in Art eines Doppelporträts von zwei Autorinnen vorgestellt. Lesenswert auch der Essay über den lebenslang Tirol verbundenen Wirtschaftshistoriker Hermann Wopfner mit seinem stark in die Volkskunde einschlagenden Bergbauernbuch. Der aus der slowenischen Untersteiermark stammende (und dann in Laibach und später in Graz lehrende) Althistoriker und Archäologe Balduin Saria, auch er mit einem spannenden, eine beachtliche Nähe zum Nationalsozialismus einschließenden Lebensweg, dürfte nicht jedem Leser geläufig gewesen sein. Zwei andere Essays seien noch besonders herausgegriffen: Ludo Moritz Hartmann, gleichzeitig bekennender Sozialdemokrat wie "glühender Befürworter der großdeutschen Lösung", ist ein sprechendes Beispiel dafür, wie schwer es sogar konfessionslose "jüdische" Wissenschaftler im antisemitisch aufgeladenen Wien der Zwischenkriegszeit hatten, einen Lehrstuhl zu bekommen, von denen Sozialdemokraten zudem grundsätzlich ausgeschlossen waren. Dabei sind Hartmanns Verdienste in wissenschaftlicher Hinsicht - er suchte gezielt die Nähe zur Soziologie und stand wenigstens indirekt auch an der Wiege der "Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" - und bei der Begründung des österreichischen Volkshochschulwesens durchaus bemerkenswert. Am anderen Ende der politischen Skala rangiert Taras von Borodajkewycz, den der Autor des betreffenden Artikels "zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus" verortet, dessen neonazistisches und antisemitisches Weltbild aber auch noch in den 1950er- und 1960er-Jahren völlig intakt war und für politische Auseinandersetzungen sorgte, die blutig endeten und die erst in jüngster Vergangenheit von der Wiener Wirtschaftsuniversität noch einmal aufgearbeitet worden sind. Der Srbik-Schüler mit ukrainischen Wurzeln, seit 1934 NSDAP-Mitglied, war von der Idee beseelt, Katholizismus und Nationalsozialismus miteinander zu versöhnen, mit der er aber bei den NS-Oberen kaum auf große Resonanz rechnen konnte. Seit 1954 als Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Hochschule für Welthandel tätig, pflegte Borodajkewycz in seinen Vorlesungen fast ungebremst seinen völkischen Antisemitismus weiter, der schließlich in Disziplinarverfahren und die angedeuteten öffentlichen Auseinandersetzungen einmündete.

Der Herausgeber und die Mehrzahl der Autoren gehören einer mittleren Generation - zwischen den 1960er- und den 1980er-Jahren geboren - an und stehen in den weitaus meisten Fällen in einem Dienstverhältnis zur Wiener Akademie oder der Wiener Universität. "Hierarchisch" fallen Reinhard Blänkner (Brunner) und Marija Wakounig (Uebersberger) aus dieser Kohorte heraus, ebenso - regional - zwei ausländische Autoren aus Tschechien und Slowenien. Die einzelnen Essays haben in der Regel einen Umfang von 30 bis 40 Seiten; einsamer "Spitzenreiter" ist der fast an Buchformat heranreichende Artikel über den Vorarlberger Historiker und Volkskundler Adolf Helbok, einen der dezidierten österreichischen Rassisten und Nationalsozialisten. Auch die Beiträge über den Archäologen Praschniker und den weit rechts angesiedelten Borodajkewycz übersteigen das "Normmaß" um Etliches. Im allgemeinen sind die Aufsätze in einer gut lesbaren Sprache geschrieben, die leider auch auf das ganz und gar umgangssprachliche "nichtsdestotrotz" nicht verzichtet; die kleineren orthografischen und sonstigen Versehen halten sich in engen Grenzen. Hervorgehoben werden soll, dass die weitaus meisten Autoren auf Materialien zurückgreifen, die in den bisherigen biografischen Arbeiten zu den Protagonisten noch nicht herangezogen worden sind. Insofern stellt auch dieser Band mit seinem zuverlässigen Register einen deutlichen Forschungsfortschritt dar.

Heinz Duchhardt