Rezension über:

Andreas Wilhelm: Orange und das Haus Nassau-Oranien im 17. Jahrhundert. Ein Fürstentum zwischen Souveränität und Abhängigkeit, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2018, 198 S., 5 Farb-, 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-631-75672-0, EUR 39,95
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Rezension von:
Indravati Felicité
Université Paris Diderot, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Indravati Felicité: Rezension von: Andreas Wilhelm: Orange und das Haus Nassau-Oranien im 17. Jahrhundert. Ein Fürstentum zwischen Souveränität und Abhängigkeit, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/10/32525.html


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Andreas Wilhelm: Orange und das Haus Nassau-Oranien im 17. Jahrhundert

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Die Studie ist dem Schicksal des Fürstentums Orange im 17. Jahrhundert gewidmet. Diese souveräne Enklave inmitten des Königreichs Frankreich fiel 1530 an das Haus Nassau, als Renatus von Chalon (1519-1544), Sohn Heinrichs III. von Nassau-Breda und seiner Frau Claude von Chalon, der Schwester des kinderlosen Fürsten von Orange Philibert, die Erbschaft seines Onkels in Orange antrat. Mit dem Erwerb des Fürstentitels und der Vereinigung des niederländischen und des oranischen Erbes erlebte das Haus Nassau-Oranien damit in der Fürstengesellschaft einen Aufstieg, der sich unter Renatus' Nachfolger Wilhelm I. dem Schweiger (1533-1584) weiter fortsetzte. Wilhelm I., der zu den Vertrauten Karls V. zählte und von ihm zum Statthalter mehrerer niederländischer Provinzen ernannt wurde, wandte sich jedoch zu Beginn des niederländischen Aufstands gegen den Habsburger Philipp II. und wurde so zu einer der führenden Figuren des protestantischen Lagers in Europa. Das Verhältnis zwischen dem Fürstentum Orange und Frankreich nahm in diesem Zusammenhang einen wichtigen Platz ein. Dieses befestigte, mit Regalrechten ausgestattete und dazu noch protestantische Territorium stellte ab Ende des 16. Jahrhunderts einen störenden Stachel im Herrschaftsbereich der französischen Krone dar.

Andreas Wilhelms Buch gliedert sich in sechs Kapitel, wobei das erste aus einleitenden Bemerkungen besteht. Die politischen Entwicklungen um das Fürstentum werden dann in den folgenden fünf Kapiteln chronologisch wiedergegeben. Die angeführten Überlegungen stützen sich auf ein mehrsprachiges Quellenmaterial aus drei verschiedenen Ländern und auf Literatur auf Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch, eine Tatsache, die es zu begrüßen gilt.

Das Ziel der Arbeit ist, die Faktoren zu beleuchten, die das Überleben dieser souveränen Enklave während des gesamten 17. Jahrhunderts - ausgenommen von Phasen der französischen Besatzung - ermöglicht haben. Zwei methodologisch-theoretische Zugänge sollen es dem Autor erlauben, diese Frage zu erörtern. Erstens möchte er die Geschichte des Fürstentums "internationalisieren". Zweitens will Wilhelm durch eine "multiperspektivistische Herangehensweise" die Erkenntnisse der in Bezug auf Orange bis heute noch überwiegend konfessionellen und militärischen Geschichtsschreibung ergänzen.

Nachdem im einleitenden Kapitel Fragestellung, Quellenlage und Forschungsstand vorgestellt worden sind, widmet sich das zweite Kapitel erstens dem bereits Ende des Mittelalters einsetzenden Prozess der Emanzipation des Fürstentums von der französischen Vorherrschaft und zweitens der Einführung der Reformation mit deren Folgen für die Verwaltung und die geopolitischen sowie soziologischen Entwicklungen im Kontext der französischen Religionskriege. Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit der Frage auseinander, ob Orange als Bollwerk des Protestantismus im Kampf gegen Richelieu betrachtet werden kann. Dabei zeigt er, dass der Ausbau der örtlichen Festung nicht alleine als Behauptung von Souveränität eines kämpferischen protestantischen Fürsten gegen Frankreich gedeutet werden muss, sondern auch als Schutz vor der zunehmend protestantenfeindlichen Politik der französischen Regierung in der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges (1618-1630).

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Jahre 1630-1637, in denen Christoph von Dohna Gouverneur von Orange war, als eine "ruhige" Phase. Die Seiten über Dohna (Kapitel 4) bilden den Kern des Buches. In ihnen werden die Thesen des Autors über die Faktoren, die die Souveränität des Fürstentums eigentlich ausmachten, überzeugend dargelegt. Außerdem gelingt es ihm hier, interessante Einblicke in die internationalen Verflechtungen des Fürstentums zu eröffnen, zum Beispiel durch die Rekonstruktion von Dohnas Weg von der kalvinistischen Hauptstadt Heidelberg, wo er Ende der 1610er Jahre im Dienste des zukünftigen Winterkönigs stand, über Prag, Breslau, Regensburg, die Niederlande und Ostpreußen bis Orange. Während seiner Jahre im Dienste Friedrichs V. wurde er mit mehreren diplomatischen Missionen beauftragt und konnte dabei, trotz des Scheiterns einer Mobilisierung der protestantischen Union zugunsten des pfälzischen Kurfürsten, in Kontakt mit wichtigen protestantischen Höfen Europas treten. Diese diplomatische Erfahrung beeinflusste Dohnas Wirken als Gouverneur von Orange. Jahre "höchster Blüte" und konfessioneller Koexistenz in Orange, während weite Teile Europas vom Krieg verwüstet und entzweit waren, erklären sich auch aus den humanistischen Überzeugungen des Gouverneurs.

Kapitel 5 analysiert dann die zwiespältige Rolle einer weiteren lokalen Instanz, nämlich des Parlaments von Orange, das zwischen dem Gouverneur, den Oraniern und der französischen Krone seine Interessen zu verteidigen suchte. Das Kapitel wirft so zudem einen interessanten Blick auf die Fronde. Das sechste und letzte Kapitel ist den verschiedenen Phasen der französischen Besatzung ab Ende des 17. Jahrhunderts gewidmet: während der Minderjährigkeit Wilhelms III. verfolgte Ludwig XIV. eine konsequente Politik der Beseitigung aller Attribute der Souveränität des Fürstentums. Neben der Schleifung der Festung in den Jahren 1660/1665 wurde die Münzprägung eingestellt. Die Erhebung des Rhônezolls wurde beeinträchtigt. Die französische Rekatholisierungspolitik setzte der seit 60 Jahren im Fürstentum währenden Toleranz ein Ende. Der Restitution von Orange an Wilhelm III. durch Ludwig XIV. 1665 folgte eine zweite Besatzung zu Beginn des Holländischen Krieges (1672), die es der französischen Regierung ermöglichte, das Fürstentum endgültig und dauerhaft daran zu hindern, sich gegen Angriffe von außen zu schützen. Eine zweite Restitution laut dem französisch-niederländischen Friedensvertrag von Nimwegen 1678 konnte den Souveränitätsverlust nicht aufhalten: die protestantische Bevölkerung stand den Folgen der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 schutzlos gegenüber. Als Wilhelm von Nassau-Oranien 1689 der Augsburger Allianz gegen Frankreich beitrat, erfolgte eine dritte offizielle Besetzung von Orange als Repressalie. Als Wilhelm 1702 kinderlos starb, war das Schicksal des Fürstentums, das 1703 dem Prince de Conti übertragen wurde, besiegelt. Nur der Titel "Prinz von Oranien" blieb dem Haus Nassau nach 1713 erhalten.

Leider endet die Studie ziemlich abrupt, dem eben erwähnten letzten Kapitel, das die Jahre 1660-1713 eher deskriptiv behandelt, folgt kein Schlussteil, der die Ergebnisse zusammenfassen würde. Vage bleiben dabei zwei wichtige Punkte. Erstens wird das Verhältnis von Dynastie, Fürstentitel und Territorium im internationalen und diplomatischen Kontext nicht erörtert. Zweitens fehlt eine Einordnung der geschilderten Ereignisse in die frühneuzeitlichen Debatten um die Definition von Souveränität. Eine genauere Untersuchung der Quellen zu den diplomatischen Verhandlungen des Fürstentums in den Jahren 1660-1713 (insbesondere auf den Friedenskongressen von Nimwegen und Utrecht) hätte dies sicherlich erlaubt.

Dennoch stellt Andreas Wilhelms detaillierte Studie eine wertvolle Wissensquelle über die Dynastie Nassau-Oranien dar und trägt somit zum besseren Verständnis der Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse in Frankreich und im frühneuzeitlichen Europa bei.

Indravati Felicité