Rezension über:

Tobias Arand: 1870/71. Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen, Berlin: Osburg Verlag 2018, 692 S., 2 Kt., 35 s/w-Abb., ISBN 978-3-95510-167-1, EUR 30,00
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Rezension von:
Peter Geiss
Abteilung Didaktik der Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Peter Geiss: Rezension von: Tobias Arand: 1870/71. Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen, Berlin: Osburg Verlag 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/10/32468.html


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Tobias Arand: 1870/71

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Mit seiner Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges legt Tobias Arand nach eigenem Bekunden ein "Lesebuch" vor, nicht so sehr eine wissenschaftliche Publikation (21). Tatsächlich wird das Werk dem in seinem Titel formulierten Anspruch, Kriegsgeschichte in Einzelschicksalen zu erzählen, umfassend gerecht und hat aus Sicht des Rezensenten trotz der eingangs vorgebrachten Selbstbeschränkung durchaus das Potenzial, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Waffengang von 1870/71 fruchtbare Impulse zu vermitteln. Das Werk bietet eine narrativ dichte Darstellung des Konflikts auf der Grundlage ausgewählter Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern und Beobachtern unterschiedlichster gesellschaftlicher Stellung. Zu ihnen gehören neben den politischen beziehungsweise militärischen Protagonisten, wie Napoleon III., Bismarck oder dem preußischen König und späteren deutschen Kaiser Wilhelm, auch in den Krieg verwickelte Persönlichkeiten des damaligen Geistes- und Kulturlebens. Stellvertretend genannt seien hier nur der zeitweilig als Spion verdächtigte und deshalb in französischer Gefangenschaft befindliche Schriftsteller und Kriegschronist Theodor Fontane, der im Sanitätsdienst tätige Altphilologe und Philosoph Friedrich Nietzsche oder die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, die sich während der Beschießung von Paris für die Versorgung von Verletzten einsetzte. Hinzu kommen zahlreiche Stimmen völlig vergessener Zeitgenossen, wie etwa die des Tischlergesellen Albert Böhme aus dem Braunschweigischen Infanterieregiment Nr. 92, der nicht nur mit französischen Gegnern, sondern auch mit der deutschen Orthographie zu kämpfen hatte, wenn er in Briefen die Verbindung zu seiner schwangeren Frau Friederike zu halten suchte. Die Selbstzeugnisse dieser handelnden, leidenden, hoffenden und mitunter auch verzweifelnden Menschen werden teils paraphrasierend, teils in wörtlichen Zitaten in eine Gesamterzählung eingebettet, die vom Höhenkamm der bekannten Haupt- und Staatsaktionen - Stichwort Emser Depesche - bis in die existentiellen Niederungen der Nahrungsbeschaffung oder auch der drastisch geschilderten Leichenbeseitigung auf den Schlachtfeldern Ostfrankreichs reicht.

Tobias Arand bietet eine multiperspektivische Narration, die trotz ihrer Länge und ihres Detailreichtums im Ganzen die Kraft hat, ihre Leser zu packen. Dies liegt vor allem daran, dass er das Kriegsgeschehen von 1870/71 als Geschichte konkreter Menschen erzählt, mit denen sich der Leser identifizieren kann - und zwar nicht unbedingt mit Sympathie, sondern eher im Sinne der Frage: Was hätte ich in dieser Situation getan? Wie hätte ich mich dabei gefühlt? Dadurch rücken die Ereignisse und Strukturen des Krieges sehr nah. Das Buch kann im besten Sinne als Ausdruck einer erzählenden Geschichtsschreibung gelten, der es zentral und durchaus empathiegeleitet um den Menschen geht. Historische Wahrheit sucht es nicht in der thesenartig zuspitzenden Abstraktion, sondern in der multiperspektivischen Vielstimmigkeit und im bisweilen erschreckten Staunen darüber, was Menschen anderen zufügen - und im nicht geringeren Staunen über die Gründe, aus denen sie sich dazu berechtigt oder sogar gezwungen zu sehen glauben.

Der dezidiert narrative und multiperspektivische Zugriff auf das Geschehen von 1870/71 ermöglicht es Arand in besonderer Weise, die Ambivalenzen und Zwischentöne zeitgenössischer Wahrnehmung hörbar zu machen, die der Loyalitätsdruck des Krieges so leicht zum Schweigen bringt - oder die mit teilweise bis heute andauernder Wirkung das laute Siegernarrativ der Reichsgründung übertönt hat. Dies galt etwa für die Stimmung in den süddeutschen Staaten, wo die nationale Begeisterung angesichts starker Affekte gegen den preußischen Machtstaat bekanntlich keineswegs ungeteilt war, aber auch für das Bewusstsein vieler Soldaten, sich selbst und die von ihnen abhängigen Familien durch den Kriegseinsatz existenziellen Gefahren auszusetzen. Zu den Ambivalenzen von 1870/71 gehörte auch die eigentlich positive Haltung mancher Kriegsteilnehmer zur französischen Kultur und Bevölkerung, die sie gleichwohl nicht von dem abhalten konnte, was sie als patriotische Pflichterfüllung betrachteten (180). Ein Beispiel hierfür ist der in einer Pariser Maschinenfabrik tätige und dort sozial gut vernetzte Hesse Franz Pitt, der zu Beginn der Feindseligkeiten eilig den Zug in die Heimat nehmen muss, um dann kurz darauf in Waffen wieder französischen Boden zu betreten (ebenda).

Wie jeder Historiograph des Krieges, dem es wirklich um Menschen geht, muss Arand das Grauen des Waffengangs von 1870/71 ungeschminkt vor Augen führen. Man hat sich daran gewöhnt, die Zerstörungskraft industriell unterstützter Kriegsführung erst mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zu verbinden. Mit 1870/71 assoziiert das kollektive Gedächtnis hingegen noch nicht Bilder von zerfetzten Leichen, sondern eher glorifizierende Historiengemälde wie Anton von Werners "Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches" im Spiegelsaal von Versailles. [1] Arand erinnert vor diesem Hintergrund zu Recht daran, dass - ungeachtet ihrer natürlich im Vergleich mit 1914-18 und erst recht 1939-45 noch deutlich geringeren Vernichtungspotenziale - bereits "die Kriege im 19. Jahrhundert [...] bisher unbekannte Massen verwundeter und getöteter Menschen durch maschinell gefertigte, überaus präzise Mordinstrumente" hervorgebracht haben (161). Indem Arand den Schrecken der Kämpfe von 1870/71 anhand von drastischen Selbstzeugnissen vor Augen führt, erfüllt er eine wichtige Pflicht seriöser Geschichtsschreibung. Diese muss bei der Behandlung militärgeschichtlicher Themen wieder und wieder an das eigentlich sattsam bekannte, aber vielfach ausgeblendete Faktum erinnern, dass es in Kriegen nicht nur um Existenz, Macht und Prestige von Staaten geht, sondern vor allem um leidende und sterbende Menschen. In diesem Zusammenhang sind auch die Gewissensnöte von Interesse, denen der Autor in den Selbstzeugnissen von Kombattanten des Deutsch-Französischen Krieges nachspürt (134-135). Dabei verzichtet Arand ganz überwiegend auf moralisierende Tonlagen. Nur punktuell reißt ihn sein verständliches Entsetzen über das massenhafte Sterben zu expliziten Werturteilen hin, die sein Buch nicht braucht, weil die Zeitzeugnisse eindrucksvoll für sich sprechen beziehungsweise durch die gelungene narrative Rahmung zum Sprechen gebracht werden. Auch wenn es in der Sache gute Gründe gibt, die Rolle der Schwerindustrie im Krieg von 1870/71 sehr kritisch zu thematisieren, hätte es doch nicht folgender Wortwahl bedurft: "Nervös wartet Krupp in Essen auf erste Meldungen von den zu erwartenden 'killing fields'. Nur wenn seine Kanonen möglichst viele Menschen in einen Brei aus Fleisch und Blut verwandeln, kann er sich beruhigt zurücklehnen" (198).

Leser des voluminösen Buches von Tobias Arand brauchen Zeit und Geduld, werden aber reich belohnt. Man legt den Band mit dem Gefühl aus der Hand, neue und zum Nachdenken, vielleicht auch zu weiterem Forschen anregende Einblicke in ein Geschehen erhalten zu haben, das man im Großen und Ganzen zu kennen glaubte. Gerade in seiner programmatischen Vielstimmigkeit vermag es der Band tatsächlich, aufmerksamen Rezipienten vielleicht mehr von der Wahrheit des Krieges von 1870/71 zu vermitteln, als dies im Rahmen einer wissenschaftlich hoch ambitionierten Neuinterpretation unter dem Imperativ großer Thesen möglich gewesen wäre. Dem Buch von Tobias Arand ist eine breite Leserschaft zu wünschen. Erfreulich wäre seine Rezeption gerade auch unter Geschichtslehrerinnen und -lehrern, da es im Facettenreichtum der verarbeiteten Quellen und erzählten Schicksale Wege aus der einst verherrlichenden und nun natürlich kritischen Bismarck-Fixierung aufzuzeigen vermag, unter der der Geschichtsunterricht in Deutschland bei der Behandlung des Themas nach wie vor leidet.


Anmerkung:

[1] Vergleiche verschiedene Fassungen des Gemäldes und Kommentare auf "Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern" (DGDB), http://ghdi.ghi-dc.org/sub_image.cfm?image_id=1403&language=german (zuletzt aufgerufen am 16.09.2019).

Peter Geiss