Rezension über:

Wolfgang Hirschmann / Hans-Otto Korth / Wolfgang Miersemann (Hgg.): "Mit kräfftigen Gesängen die Gemeinde GOttes zu erbauen". Das Lied der Reformation im Blickpunkt seiner Rezeption (= Hallesche Forschungen; Bd. 52), Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle 2018, XVII + 410 S., zahlr. s/w-Abb., zahlr. Tbl., ISBN 978-3-447-11081-5, EUR 87,00
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Rezension von:
Andrea Hofmann
Theologische Fakultät, Humboldt Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Andrea Hofmann: Rezension von: Wolfgang Hirschmann / Hans-Otto Korth / Wolfgang Miersemann (Hgg.): "Mit kräfftigen Gesängen die Gemeinde GOttes zu erbauen". Das Lied der Reformation im Blickpunkt seiner Rezeption, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/32947.html


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Wolfgang Hirschmann / Hans-Otto Korth / Wolfgang Miersemann (Hgg.): "Mit kräfftigen Gesängen die Gemeinde GOttes zu erbauen"

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Im Zuge des Reformationsjubiläums 2017 erschienen einige neue kommentierte Editionen der Lieder Martin Luthers, die bis heute zum Grundbestand evangelischer Gesangbücher zählen. [1] Luther schrieb die meisten seiner deutschsprachigen geistlichen Lieder im sog. Liederjahr 1523/24, und zahlreiche andere Dichter und Komponisten folgten damals seinem Beispiel.

Die bereits im 16. Jahrhundert begonnene Rezeption des reformatorischen Liedgutes ist, im Gegensatz zu Luthers Liedern selbst, nur wenig erforscht. An dieser Stelle setzt der von Wolfgang Hirschmann, Hans-Otto Korth und Wolfgang Miersemann herausgegebene Sammelband ein. Er vereint Beiträge einer Tagung, die 2017 in den Franckeschen Stiftungen (Halle) stattfand. Das Motto der Tagung und des Sammelbandes - "Mit kräfftigen Gesängen die Gemeinde GOttes zu erbauen" - stammt aus dem Freylinghausenschen Gesangbuch von 1704 und "soll[...] den Blick öffnen für liedgeschichtliche Phänomene, die verdeutlichen können, wie spätere Generationen an die Vorgaben und Leistungen der Reformation anknüpften, sie fortführten, aber auch adaptierten und transformierten." (VII)

Mit 20 Beiträgen, von denen im Folgenden nur einzelne skizziert werden können, nähert sich das Buch aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven diesen Phänomenen. Die internationale Rezeption des reformatorischen Liedgutes wird aus hymnologischer, kulturwissenschaftlicher und historischer Sicht analysiert. Dabei wird ein zeitlicher Bogen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert geschlagen.

Hans-Otto Korth analysiert zwei Lutherlieder, die beide den Titel "Jesus Christus, unser Heiland" tragen. (1-21) Anhand von Parallelen in ihrer inhaltlichen Ausrichtung kann er nachweisen, dass Luther ganz bewusst ein Liedpaar geschaffen hat. "Die Rezeption der Lieder Martin Luthers beginnt mit - Luther." (21) lautet die programmatische These des ersten Aufsatzes im Sammelband.

Mithilfe der "Methoden einer phänomenologisch-analytischen Hymnologie" (23) arbeitet Andreas Marti in seinem Aufsatz "Sprachdeklamation im Gesang - von Genf nach Berlin: Johann Crüger" (23-37) und zeigt, wie ca. 100 Jahre nach Luther Johann Crüger, der Komponist zahlreicher Melodien zu Texten von Paul Gerhardt, die Melodien der reformierten Genfer Psalmen als Vorbild benutzte und ihnen eine eigene, typische Form gab.

Während die Aufsätze von Korth und Marti exemplarisch für die Beiträge stehen, die hymnologisch arbeiten, betrachtet Patrice Veit "Das lutherische Lied aus kulturgeschichtlicher Perspektive". (105-125) Mithilfe von Fallbeispielen macht er deutlich, dass das gemeinsame Singen von reformatorischem Liedgut in der Frühen Neuzeit zunächst als Provokation, Bekenntnisakt, Ausdruck des Glaubens und Selbstbestätigung der Konfessionen gedeutet werden kann. Neben Abgrenzungsmechanismen, die das gemeinsame Singen bestimmter Lieder in bestimmten Kreisen v.a. im 16. Jahrhundert einerseits schuf, weist Veit andererseits die gegenseitige Rezeption von Liedern in den unterschiedlichen Konfessionen nach. Er macht zudem plausibel, wie das geistliche Lied im Laufe des 17. Jahrhunderts immer mehr zum Bestandteil der häuslichen Frömmigkeit wurde und weniger zur konfessionellen Profilierung genutzt wurde.

Mehrere Beiträge des Sammelbandes widmen sich der internationalen Verbreitung von Luthers Liedern. Herausgehoben sei der Aufsatz "Martin Luthers Lieder in Estland" von Kristel Neitsov-Mauer (143-161), die eine Verbindung von Reformation, Entwicklung der estnischen Schriftsprache und Verbreitung des lutherischen Liedgutes in Estland aufzeigt und einen Bogen bis zu den estnischen Gesangbuchrepertoires im 20. Jahrhundert schlägt.

Dietrich Meyer erforscht die Rezeption von Luthers Liedern bei Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und in den Gesangbüchern der Brüdergemeine seit 1735 (235-247). Er analysiert, wie Zinzendorf Luthers Texte entsprechend seiner eigenen Theologie veränderte und wie in Herrenhut "[d]ie Lieder Luthers und der Reformation [...] neben [den Liedern] der eigenen Zeit in ein dramaturgisches Konzept eingebaut [wurden], in einen wohl überlegten und aufeinander abgestimmten Wechsel von Bibeltext, Chorgesang, Gemeindelied, Gebet." (244)

Die Rezeption des reformatorischen Liedgutes in andere Gattungen (vgl. z.B. Maik Richter, "Reformatorisches Liedgut in lutherischen Messen zwischen 1670 und 1720" [249-264]) ist ebenso Thema des Bandes wie der gezielte Gebrauch von Luthers Liedern bei den Reformationsjubiläen von 1717 (Wolfgang Hirschmann, "HILARIA EVANGELICA: Luthers Lieder und die Festmusiken zum Reformationsjubiläum 1717" [353-371]) und 1817 (Bernhard Schmidt, "Lied und Musik bei den Feiern zum Reformationsjubiläum 1817 unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Dreifaltigkeitskirche" [373-395]), mit denen der Band schließt.

Beinahe jeder Aufsatz zeugt von intensiver Quellenarbeit, die bislang unbekannte Details zutage gebracht hat. Tabellen und Abbildungen bieten zusätzlich Anschauungsmaterial. Leider lässt die Qualität einiger Abbildungen zu wünschen übrig (v.a. 394f.). Orts- und Personenregister erleichtern die Suche nach speziellen Themen.

Die interdisziplinäre Vielfalt der Beiträge ist ein Mehrwert des Bandes, dem eine sehr weite Fragestellung zugrunde liegt. Einen roten Faden, der durch das Buch führt, sucht man jedoch vergebens. Es bestehen zwar einzelne inhaltliche Beziehungen (z.B. zwischen den Aufsätzen zu den Reformationsjubiläen), aber ein größerer Zusammenhang zwischen allen Beiträgen fehlt. So steht z.B. Burkhard Rosenbergers wichtiger Aufsatz "Strukturen für eine Datenbank zur Erschließung von Kirchenliedern" (91-103) mit seinen technischen Überlegungen völlig unvermittelt zwischen den hymnologisch, historisch oder kulturwissenschaftlich arbeitenden Aufsätzen. Die während der Tagung anscheinend vorgegebene Gliederung der Vorträge in Sektionen wurde im Buch zugunsten einer chronologischen Anordnung aufgegeben (Vorwort, VIII). Vielleicht hätte eine solche Gliederung zur Systematisierung beigetragen.

Es fehlt zudem eine Reflexion darüber, was das "Lied der Reformation" überhaupt ist. Im Buch selbst werden damit in den meisten Fällen das lutherische Liedgut oder sogar nur die Lieder von Luther selbst verstanden. Der Genfer Psalter mit seiner mindestens ebenso bedeutenden Rezeptionsgeschichte taucht nur am Rande auf. [2] Eine stärkere Bezugnahme auf das reformierte Liedgut hätte den Rahmen des Buches gesprengt; eine kurze Reflexion über das untersuchte Material wäre dennoch erfreulich gewesen.

Trotz dieser Kritikpunkte bietet der Band wichtige Impulse zur Weiterarbeit an dem schier unerschöpflichen Forschungsfeld der aus der Reformation hervorgegangenen Lieder und ihrer Rezeption bis heute.


Anmerkungen:

[1] Vgl. z.B. Jürgen Heidrich / Johannes Schilling (Hgg.): Martin Luther. Die Lieder, Stuttgart 2017. Hans-Otto Korth (Hg.): Lass uns leuchten des Lebens Wort. Die Lieder Martin Luthers, Halle 2017.

[2] Vgl. dazu: Henning P. Jürgens: Der Genfer Psalter - europaweiter Kulturtransfer, konfessionelle Kultur und europäische Literaturen, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/juergensh-2010-de [2019-07-08].

Andrea Hofmann