Rezension über:

Barbara Schedl: St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200-1500), Wien: Böhlau 2018, 324 S., 5 Farb-, 12 s/w-Abb., 3 Kt., ISBN 978-3-205-20202-8, EUR 29,00
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Rezension von:
Joachim Werz
SFB 923 "Bedrohte Ordnungen", Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Joachim Werz: Rezension von: Barbara Schedl: St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200-1500), Wien: Böhlau 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/32371.html


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Barbara Schedl: St. Stephan in Wien

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Die Wiener Kunsthistorikerin Barbara Schedl rekonstruiert und analysiert in ihrer Studie die Baugeschichte der gotischen Stephanskirche zu Wien in den Jahren 1200 bis 1500. Dabei zeigt sie die bauliche, kulturelle und kirchliche Transformation der Wiener Pfarrkirche zur Kirche des Landesfürsten, die im Jahr 1365 durch ein Kollegiatkapitel ausgezeichnet und im Jahr 1469 zur Bischofskirche und Kathedrale erhoben wurde. Schedl stellt dabei nicht nur die Genese von St. Stephan dar, sondern auch die Entwicklungsgeschichte des gesamten Stadtbildes, das im 13. Jahrhundert von zahlreichen bedeutenden (kirchlichen) Baustellen gekennzeichnet war (15-20).

Ihre chronologische Gliederung führt durch die einzelnen Bauabschnitte im 13. Jahrhundert (21-35) über das 14. Jahrhundert (93-102) bis hin zum Baufortgang im 15. Jahrhundert (103-158), an dessen Ende der Nordturm und das Dach fertiggestellt wurden. Grundlegend für den Bau von St. Stephan sind ihre Ausführungen zur Intention des Babenbergerherzogs Leopold VI., der an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert das religiöse Zentrum - bis dahin Schottenkloster und -kirche - nach St. Stephan verlegen wollte, um so beim Papst die Errichtung eines Bistums zu erreichen (18-19). Hierfür war eine Stadterweiterung notwendig, durch welche die vorher außerhalb der römischen Legionsmauern gelegene Stephanskirche in das Zentrum des neuen Stadtgebietes gerückt werden konnte. Proteste von Seiten des Schottenklosters und des bis dahin zuständigen Bistums Passau blieben erfolglos. Endgültig wurde die Vorrangstellung der Stephanskirche durch Herzog Rudolf IV. besiegelt (49-74). Er titulierte sich als Patronatsherr der Kirche, bestimmte den Kirchenbau zur Grablege der Habsburger und errichtete ein Kollegialstift mit insgesamt 24 Chorherren, wenngleich erst ein Jahrhundert später, nämlich im Jahr 1469, die Stephanskirche zugleich die Cathedra des vom Papst bestätigten Bistums Wien wurde. Ungeachtet dieses kirchlichen Aufstiegs, der sowohl für die kirchliche als auch für die staatliche Obrigkeit große Bedeutung hatte, war und blieb St. Stephan die Kirche der Wiener Bevölkerung.

In den einzelnen Phasen der 300-jährigen Baugeschichte entwirft Schedl ein plastisches Bild von den einzelnen Bauabschnitten und rekonstruiert, wie trotz Baustelle religiöses Leben und kirchliche Zeremonien organisiert und durchgeführt werden konnten: Beispielsweise trennten Holzlatten den fertigen Sakralraum von der Baustelle und Fensteröffnungen wurden mit Tierhäuten verschlossen. Dadurch wird deutlich, dass die Jahrhunderte hindurch religiöse Praxis und Baustelle Hand in Hand gingen, sich gegenseitig ermöglichten und keineswegs verhinderten. Über 300 Jahre war die Parallelität - Taufen und Baustellenlärm sowie Messfeier und Hammerschläge - in der Wiener Stephanskirche Realität und darüberhinaus sogar notwendige Praxis, denn in der mittelalterlichen Denkweise und Frömmigkeit wurde das eine durch das andere überhaupt erst ermöglicht.

Die Studie durchzieht zentral die Frage, wie ein solches Projekt, das vor allem Steinquader aus nahegelegenen Steinbrüchen benötigte und sein Holz über die Donau angeliefert bekam, finanziert werden konnte. Schedls Hypothese erweist sich dabei als sehr schlüssig, dass nämlich die weitere Durchführung des religiösen Lebens - unter anderem bestehend aus Mess- und Predigtstiftungen - auf der Baustelle den Baufortschritt überhaupt erst gewährleistete. Dies würde auch erklären, weshalb jeder kleine Sakralraum innerhalb des Baus beispielsweise mit Altarprovisorien ausgestattet wurde. Zudem wurde durch Bruderschaften, Erberlässe, Schenkungen und durch vom Papst gewährte Ablassverkäufe, die den Gläubigen zugunsten ihres Seelenheils angerechnet werden sollten, der Bau finanziert.

Schedl kann dabei anhand der ausgewerteten Rechnungsbücher nachweisen, dass die Bauherren von St. Stephan während der gesamten 300-jährigen Bauzeit kein einziges Mal einen finanziellen Engpass zu verzeichnen hatten. St. Stephan muss in der historischen Rekonstruktion daher als Bischofs- sowie als Stadtkirche der Wienerinnen und Wiener verstanden werden, durch die dieser Bau letztlich überhaupt ermöglicht wurde.

Aufschlussreich sind Schedls exakte Ausführungen über den Kult- und Außenraum von St. Stephan (148-158), in denen sie vor allem über die Ausstattung des Kirchenraums und liturgische Geräte berichtet: Altäre und Kapellen, Lettner, Orgel, Paramente, Palmesel, Opferstöcke, Reliquienschätze, Altargerät und vieles mehr. Besonders interessant ist zudem ihre Analyse zum Predigtstuhl, der bereits 1412 gefertigt wurde und als Provisorium an verschiedenen Stellen in St. Stephan aufgestellt werden konnte (111-114).

Durch ihre detaillierte Rekonstruktion der 300-jährigen Baugeschichte von St. Stephan in Wien zeigt Barbara Schedl, dass die heutige Metropolitankirche die Prestigebaustelle der Gotik schlechthin war, an der nicht nur die Stararchitekten der damaligen Zeit - unter anderem Laurenz Spenning -, sondern auch Generationen von Handwerkern aus Wien und Umgebung wirkten (126-128).

Bemerkenswert ist die große Anzahl an Quellen - unter anderem Urkunden, Verwaltungsschriften, Chroniken, Rechnungen -, die Schedl systematisch gesammelt, ausgewertet und im umfangreichen Anhang (159-218) transkribiert oder tabellarisch erschlossen hat. Methodisch ist festzuhalten, dass die Kunsthistorikerin und ihr Forschungsteam mit der problemorientierten Schriftquellenanalyse einen für die Kunstgeschichte eher ungewöhnlichen Forschungsansatz wählten. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen jedoch deutlich, dass diese Methode für kunsthistorische Untersuchungen durchaus ihre Berechtigung hat. Der Band verfügt über ein Quellen- und Literaturverzeichnis (275-287), einen Tafelteil mit 20 Abbildungen/Grafiken (289-306) und ein detailliertes Register (310-324).

Barbara Schedl schließt mit ihrer innovativen, informativen, detaillierten, gut strukturierten und formulierten Studie nicht nur eine Lücke in der Forschung zur Baugeschichte der Wiener Kathedralkirche, sondern gibt auch neue und wertvolle Einblicke, wie inmitten des mittelalterlichen Bauens religiöses Leben organisiert und durchgeführt wurde. Schedls Darstellung ist keineswegs nur eine Chronologie der Baugeschichte, sondern bietet viel Potenzial für weitere Forschung zur Nutzungsgeschichte von Kathedralkirchen sowohl im kirchlichen, städtischen als auch universitären Kontext, denn St. Stephan war für die Universität Wien im 14. und 15. Jahrhundert der Versammlungsort. Zudem wird in den kommenden Jahren das interdisziplinäre Gespräch zwischen Kunst-, Kirchen- und Stadthistorikern sowie Liturgiewissenschaftlern sicherlich weitere interessante Befunde zu Tage fördern können, die vor allem das mittelalterliche Prozessionswesen und die Gestaltung der Liturgie betreffen. Zweifelsohne liegt hier eine wegweisende und wichtige Studie vor.

Joachim Werz