Rezension über:

Alexander Schubert / Axel von Berg / Ulrich Himmelmann u.a. (Hgg.): Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike, Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2018, 135 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-95505-116-7, EUR 19,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Rainer Wiegels
Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Rainer Wiegels: Rezension von: Alexander Schubert / Axel von Berg / Ulrich Himmelmann u.a. (Hgg.): Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike, Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 1 [15.01.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/01/32380.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Alexander Schubert / Axel von Berg / Ulrich Himmelmann u.a. (Hgg.): Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike

Textgröße: A A A

Die für eine breite Leserschaft bestimmte, aber auf wissenschaftlicher Grundlage basierende Publikation bietet einen informativen Begleittext zu den Exponaten einer bis zum 11. August 2019 im Historischen Museum der Pfalz Speyer präsentierten Ausstellung. In ihr wird eine besonders interessante Epoche der Regionalgeschichte der heutigen Pfalz des 4. Jahrhunderts n. Chr. vorgestellt, und zwar die in der Vergangenheit eher beiläufig behandelte Regierungszeit Valentinians I. Dieser herrschte von 364 bis 375 als Kaiser im Westen des Römischen Reiches, während sein Bruder und Mitregent Valens im Osten residierte. Seinen Aufstieg verdankte der 321 in Cibalae/Vinkovci in Pannonien geborene Valentinian dem Heer, in welchem er zuletzt in ranghoher Stellung unter Kaiser Julian diente. Als dieser 363 in Kämpfen gegen die Sassaniden fiel, wurde Valentinian im Jahr darauf nach einem kurzen Zwischenspiel von den in Nikaia in Bithynien versammelten hohen Reichsbeamten und Angehörigen des Militärs zum Kaiser bestimmt und kurz darauf dem Heer präsentiert. Eine der drängendsten Aufgaben bestand darin, die seit etwa 350 zunehmend brüchige Grenzverteidigung an Rhein und Donau gegen Einfälle und Raubzüge aus dem Bereich der Germania magna zu sichern, was dem erfahrenen Militärstrategen schließlich auch gelang und zu einem bemerkenswerten kulturellen und zivilisatorischen Aufschwung nicht zuletzt auch im Gebiet der heutigen Pfalz führte. Valentinian I. hielt sich häufiger als alle anderen römischen Kaiser vor und nach ihm in diesem Raum auf. Schon im Herbst 367 hatte er seine Hauptresidenz von Mailand und Paris nach Trier verlegt. Von dort aus inspizierte er Jahr für Jahr persönlich die besonders gefährdete Rheinfront und überschritt mehrfach mit dem Heer den Fluss, um gegen die Alamannen vorzugehen. Schließlich schloss er gezwungenermaßen Frieden mit diesem Gegner, da bedrohliche Entwicklungen seine Anwesenheit an der Donaufront erforderlich machten, wo er 375 verstarb.

In der die Ausstellung begleitenden Schrift, die zugleich als Katalog dient, werden auf geschickte Weise den verschiedenen systematischen und von Fachleuten behandelten Aspekten jeweils entsprechend aussagekräftige und veranschaulichende Objekte der Ausstellung zugeordnet. Insgesamt werden 67 Fundstücke oder Fundensembles ausführlich analysiert und diskutiert. Dies ermöglicht gleichermaßen die Thematisierung übergreifender Gesichtspunkte wie die Einordnung der verschiedenen Funde und Befunde in größere sachliche Zusammenhänge.

In einem ersten Kapitel befassen sich vier Beiträge mit verschiedenen grundlegenden Themen. Christian Witschel informiert in gebotener Kürze über Karriere, Familie und verschiedene politische Maßnahmen Valentinians und charakterisiert seine Persönlichkeit als diejenige eines typischen Herrschers des 4. Jahrhunderts. Susanne Börner überprüft die Münzprägung unter diesem Herrscher, in welcher vor allem die Sieghaftigkeit Roms, die Wiederherstellung des Staatswesens und die Gewährleistung der (wirtschaftlichen) Sicherheit herausgestellt wird. Den administrativen zivilen und militärischen Rahmenbedingungen in der Provinz Germania prima mit der kaiserlichen Residenz Trier sowie der speziellen Lage der Pfalz in der Spätantike gelten die Beiträge von Christian Witschel und Ulrich Himmelmann. Der zweite Komplex befasst sich unter der leitenden Fragestellung: "Zwischen Konfrontation und Kooperation" speziell mit der Rheingrenze. In einem informativen Überblick behandelt Roland Prien die römische Grenzverteidigung am Oberrhein in der Spätantike. Ausführlicher vorgestellt werden sodann zwei Wehranlagen von besonderer und zugleich exemplarischer Bedeutung: Zum einen von Helmut Bernhard die valentinianische Festung Alta Ripa/Altrip, zum anderen von Lennart Schönemann der spätantike Burgus von Eisenberg, dessen spezielle Funktion durchaus strittig ist. Vorwiegend historische Aspekte verfolgen die beiden weiteren Beiträge in diesem Kapitel aus der Feder von Christian Witschel. In ihnen wird zum einen die Frage nach der Rolle der Alamannen als "Furchterregende Gegner Roms?" gestellt, zum anderen werden in Kurzfassung die Auswirkungen der "Magnentius-Wirren" auf die spätantike Pfalz und deren unterschiedliche Bewertung durch die aktuelle Forschung aufgezeigt. Im folgenden dritten Kapitel werden verschiedene heterogene Gesichtspunkte behandelt. Ein Überblick von Helmut Bernhard gilt dem städtischen Leben (vici) und den ländlichen Strukturen (villae) in der spätantiken Pfalz. Mit der Festungsstadt Nemetae/Speyer und der bekannten Villa von Wachenheim befassen sich zwei spezielle Arbeiten zum einen von Ulrich Himmelmann/Roland Prien sowie zum anderen von Ulrich Himmelmann. Von Roland Prien wird sodann die Funktion spätantiker Höhensiedlungen in der Pfalz als militärische oder zivile Plätze diskutiert. Ferner informiert er über das Bestattungswesen in dieser Zeit und die Schlüsse, welche sich aus den Gräbern und den Grabfunden ziehen lassen, während Sebastian Ristow grundlegende Erkenntnisse zur Verbreitung des Christentums im Raum der Pfalz zusammenfasst. In einem letzten Kapitel rücken wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund. Wiederum als Überblick zu verstehen ist der Kurzbeitrag von Helmut Bernhard zu wirtschaftlichen Strukturen und Handel in der spätantiken Pfalz. Arno Braun hinterfragt den spätantiken vicus von Eisenberg hinsichtlich seiner möglichen Funktion als Zentrum spätantiker Eisenverhüttung. Abschließend befasst sich David Hissnauer In einer kurzen Übersicht mit der Bedeutung und Geschichte des bekannten Töpfereizentrums von Rheinzabern.

Dem Charakter dieser Begleitschrift zur Ausstellung entsprechend handelt es sich bei den einzelnen Beiträgen nicht um umfassende oder detaillierte Forschungsarbeiten. Sie wenden sich vielmehr an ein breit interessiertes Publikum und informieren knapp, aber kompetent über wichtige Gesichtspunkte zum Thema der Ausstellung, wobei durchaus auch kontroverse Positionen in der Forschung zur Sprache kommen. Weiterführende Literatur zu den einzelnen Beiträgen und Objekten ist dementsprechend auf das Nötigste reduziert. Dafür befindet sich am Schluss des Bandes aber eine ausführliche Bibliographie (130-134). Für den Laien nützlich sind zweifellos auch ein Glossar (128) sowie ein Quellenverzeichnis (130). Die Schrift ist reich mit vorzüglichen Abbildungen (Fotos auch jenseits von den Objekten in der Ausstellung) und Karten sowie Plänen ausgestattet, mehrere, teils großflächige Rekonstruktionszeichnungen dienen plakativer Anschaulichkeit. Wer die Ausstellung in Speyer noch nicht gesehen hat, mag durchaus aufgrund dieser Publikation zu einem Besuch derselben angeregt werden. Einzuräumen ist, dass es sich bei den im Katalog besprochenen Funden nicht unbedingt um spektakuläre und dem Typus nach einmalige Objekte handelt, aber der Intention der Ausstellung entsprechend ist dies auch nicht zu erwarten. Unabhängig von dem auf den Raum der Pfalz fokussierten Ausstellungsprojekt bietet die Regierungszeit Valentinians I. vielfältigen Anlass, sich mit diesem Herrscher und der in mancher Hinsicht nach wie vor umstrittenen Geschichte in dieser Epoche eingehender zu beschäftigen als es üblicherweise geschieht. Dabei muss der Blick aber auch über den engeren geographischen Rahmen der heutigen Pfalz hinausgehen.

Rainer Wiegels