Rezension über:

Fabio Stok: Vom Papyrus zum Internet. Eine Geschichte der Überlieferung und Rezeption der antiken Klassiker, Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2017, XIV + 265 S., 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-86757-090-9, EUR 24,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Bente Lucht
Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Bente Lucht: Rezension von: Fabio Stok: Vom Papyrus zum Internet. Eine Geschichte der Überlieferung und Rezeption der antiken Klassiker, Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 11 [15.11.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/11/31412.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Fabio Stok: Vom Papyrus zum Internet

Textgröße: A A A

Nur wenige dürften abstreiten, dass ein Bewusstsein für die Lebensgeschichte eines Textes hilfreich für eine_n jede_n ist, der oder die sich mit dem Altertum bzw. den Altertumswissenschaften auseinandersetzt - und dies, obwohl die weite Verbreitung von ordentlich gebundenen und leicht zugänglichen Editionen durchaus dazu führen kann, dass die Überlieferungsgeschichte eines Textes Gefahr läuft, aus den Augen verloren zu werden. Genau dies will Fabio Stok, Autor des italienischen Originaltitels I classici dal papiro a internet (2012), vermieden wissen; stattdessen verfolgt er das Ziel, "eine Idee von der selektiven und festgefügten Beziehung [weiterleben zu lassen], die wir seit jeher zu den antiken Autoren haben" (V).

Von sich aus nimmt der Autor im Vorwort einen potentiellen kritischen Einwand vorweg, nämlich dass doch bereits seit Jahrzehnten (genauer seit 1968) das Werk Scribes and Scholars von Reynolds und Wilson [1], das seinem Werk im Aufbau sehr ähnelt, exakt dieses Thema erfolg- und umfangreich behandelt hat und heutzutage als 'Klassiker' auf diesem Gebiet gilt. Nach eigener Aussage ist es Stoks Zielsetzung, studierendenorientiert Überlieferungsgeschichte zu schreiben, d. h. für Studierende, die nicht mehr notwendigerweise Latein und Griechisch lernen wie früher. Dieses Anliegen führte nicht nur zu einer didaktischen Reduktion, sondern auch zu einer eher überblicksartigen Behandlung der griechischen Literatur, ohne jedoch das Wechselspiel zwischen griechischer und lateinischer Tradition aus den Augen zu verlieren. Gerade diesen Fokus hat das deutsche Übersetzer_innenteam um Prof. Christiane Reitz weiter vorangetrieben; Schwerpunkte der Übertragung ins Deutsche waren es, neben der Studierendenorientierung die gute Verständlichkeit, den hohen Anspruch und die stete Präzision des Originals beizubehalten (siehe VII). Darüber hinaus erweiterte das deutsche Team das Literaturverzeichnis um relevante deutschsprachige Sekundärliteratur und fügte einige Abbildungen hinzu. Hier hätten die Eingriffe tiefer gehen können, insbesondere bei der Besprechung einiger Schriftarten (z. B. capitalis quadrata und monumentalis [10]) oder auch von Fachtermini bzw. textkritischen Zeichen (z. B. umbilicus [12], ὀβελός, ἀστερίσκος [47]) wären - gerade für die anvisierte Zielgruppe - Visualisierungen hilfreich gewesen. Genauso wie die Frage, weshalb bestimmte Beispiele oder Persönlichkeiten ausgelassen wurden, stellt dies jedoch ein kaum erfüllbares Desiderat dar: Auslassungen liegen bei einem derartigen Unterfangen in der Natur der Dinge. Dennoch hätten einige Wiederholungen im Sinne der Leserführung vermieden werden können. [2]

Den Ausgang nimmt das Werk bei den frühesten Wurzeln der Schriftlichkeit, indem es im ersten Kapitel zunächst die lateinische Schrift in vorliterarischer Zeit fokussiert, dann die Entwicklung des frühen codex und das daraus folgende Aufkommen von Bibliotheken und dem Buchhandel in den Blick nimmt. All dies gründet in einer Narration, die durch die Veränderung der Schreibmaterialien und des Schreibens vorangetrieben wird: Stein, Papyrus, Pergament (bis hin zu Papier und magnetischen Datenträgern). Das Auf und Ab des ständigen Verlierens und Wiederfindens von Texten ist ein roter Faden.

Kapitel 2 und 3 treiben die Narration in die Spätantike und das Mittelalter voran. Das zweite Kapitel erweist sich als äußerst brauchbarer Ausgangspunkt für diejenigen, die interessiert an Philologie sind, insbesondere an den Anfängen der Philologie und der damit einhergehenden Textkritik.

Das dritte Kapitel weist mit 63 Seiten einen sehr großen Umfang auf. Die tragende Rolle Irlands und Englands bei der Bewahrung der Klassiker hätte hier stärker herausgearbeitet werden können - z. B. durch ein eigenes Unterkapitel. Argumentativer Schwerpunkt ist es nachzuzeichnen, wie ein Großteil der klassischen Texte trotz des schwindenden Interesses und trotz der Unruhen dieser Periode dennoch überleben konnte. Folgende dieses umfangreiche Kapitel abschließende bildhafte Ausdrucksweise mag die leserorientierte Schreibweise veranschaulichen: "Wenn die Überlieferung der klassischen lateinischen Texte mit einer Sanduhr vergleichbar ist, in der das 7. Jahrhundert die schmale Stelle darstellt, so erinnert die Überlieferung der griechischen Texte eher an die Form einer Pyramide" (120). Die Weiterentwicklung der Schrift zieht sich als thematischer roter Faden durch die Kapitel.

Kapitel 4 und 5 besprechen die Entwicklungen der Renaissance, der Frühen Neuzeit, des Humanismus, der Reformation und der aufkommenden technischen Neuerung des Buchdrucks: Manuskripte werden wiederentdeckt, 'konserviert' (Bibliotheken) und gedruckt. Diese Entwicklungen werden breit angelegt nachvollzogen, indem auch kulturelle und kontextuelle Begebenheiten in den Blick genommen werden, wie z. B. das Aufkommen der Volksprachen oder auch die wechselnden geographischen Wissenschaftszentren mit ihren führenden Persönlichkeiten. Insbesondere mit Blick auf die Progression der Textkritik zu dieser Zeit haben andere Veröffentlichungen, die diesem Thema ein eigenes Kapitel widmen, einen Vorsprung. [3] Dennoch ist die Nachzeichnung der Lachmannschen Methode und insbesondere ihrer Grenzen (Kapitel 6) wertvoll.

Mit Spannung erwartet man das im Titel als Endpunkt hervorgehobene letzte Kapitel, "Die klassische Literatur in der Moderne", das mit dem Internet und der Digitalisierung als thematische Schwerpunkte ein Alleinstellungsmerkmal dieses Werkes vermuten lässt. Nachdem Stok den Leser bzw. die Leserin durch die Querelle des Anciens et des Modernes geführt hat, erreicht er in der Tat die "Geburtsstunde der Digital Humanities" (1949). Etwas irritiert sieht man sich hiernach zunächst einer Art Exkurs ausgesetzt: der Kritik an der Lachmann-Methode, dem iudicium der Herausgeber, den Klassikern in der Literatur und im Film, ihre Instrumentalisierung in der Politik (ohne explizite Erwähnung von translatio imperii et studii) bis hin zur "Krise des Bildungssystems" im 20. Jh. (220 ff.). Erst jetzt trifft der Leser / die Leserin auf das Thema von Interesse, nämlich "Die Klassiker im Internet" (lediglich sechs Seiten: 223-229) mit den Unterkapiteln "Digitale Bibliotheken" und "Sind uns die Klassiker näher oder ferner?". Zunächst thematisiert Stok kritisch die "neue Art zu schreiben" mit der Möglichkeit, "unmittelbar Korrekturen und Revisionen an einem Text vorzunehmen" (223) und den starken Einfluss auf das Lesen - besonders hinsichtlich der Häufigkeit, mit der Internetnutzer Links und Hypertexte oberflächlich, unkritisch und unreflektiert (wie ein bricoleur) benutzen. In der Folge stellt er eine (offene) Übersicht digitaler Bibliotheken vor [4], um in einer kritischen Einschätzung bezüglich der unterschiedlichen Qualität der online zur Verfügung stehenden Texte zu münden. Vor dem Hintergrund, dass die Digital Humanities an Zuspruch gewinnen, und um dem Titel gerecht zu werden, wäre eine Diskussion neuerer Hilfsmittel (EpiDoc, APIS) eine wertvolle Ergänzung gewesen.

Mit dem vorliegenden Werk liegt eine leserorientierte, narrativ durchdachte Aufarbeitung des komplexen Themas der Überlieferung und Rezeption der antiken Texte vor. Die erwähnten Wiederholungen, wenigen Rechtschreib- und Grammatikfehler können den positiven Gesamteindruck nicht schmälern. Lediglich das Schlusskapitel mit Bezug zur Digitalisierung hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Dieses Desiderat wurde von der englischen Aufarbeitung des Originaltitels erkannt: Das Autorenteam hat zusätzlich zur überarbeiteten gedruckten Fassung eine Internetseite kreiert [5], die sich zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch im Aufbau befindet, aber, wenn sie denn gepflegt wird, eine vielversprechende und ständig aktuelle Ergänzung zum Buch darstellen kann und auch für die deutsche Version überdacht werden sollte.


Anmerkungen:

[1] Leighton Durham Reynolds / Nigel Guy Wilson: Scribes and Scholars - A Guide to the Transmission of Greek and Latin Literature, Oxford 1968.

[2] Beispiele für Wiederholungen sind u. a. das zumindest viermal beanspruchte Gleichnis von den 'Zwergen auf den Schultern von Riesen', Vorteile der Einführung bzw. das Verschwinden von codices, die durch die Goten herbeigeführte Verderbnis des Lateinischen oder auch die - zugestanden wichtige - Querelle des Anciens et Modernes. Diese Wiederholungen fallen bei linearer Lektüre ins Auge, bei einer Lektüre in Auszügen, die ebenfalls durch den Aufbau und die Struktur des Werks ermöglicht wird, ist das Wiederaufgreifen bildhafter und wichtiger Gedanken zielführend.

[3] Beispiele: Leighton D. Reynolds / Nigel G. Wilson: Scribes and Scholars; Egert Pöhlmann: Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur, 2 Bde., Darmstadt 1994 und 2003; Gerhard Jäger: Einführung in die Klassische Philologie, München 1975.

[4] Der Thesaurus Linguae Latinae findet keine Erwähnung.

[5] http://sites.baylor.edu/papyrustointernet/

Bente Lucht