Rezension über:

Marko Demantowsky / Christoph Pallaske (Hgg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2015, XVI + 173 S., ISBN 978-3-486-76136-8, EUR 59,95
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Rezension von:
Christian Bunnenberg
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Christian Bunnenberg: Rezension von: Marko Demantowsky / Christoph Pallaske (Hgg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2015, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 7/8 [15.07.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/07/25808.html


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Marko Demantowsky / Christoph Pallaske (Hgg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel

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Im März 2018 überraschte die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek in einer überregionalen deutschen Wochenzeitung mit einem Interview zu aktuellen Fragen der Schulpolitik. Vor allem "die Digitalisierung" sei ihrer Meinung nach ein Instrument, um "den Unterricht zu verändern". Großes Potenzial sähe sie für Fächer, in denen es den Lehrerinnen und Lehrern nur schwer gelingt, ihre Schülerinnen und Schüler für Unterrichtsinhalte zu begeistern. Besonders ärgere sie dies beim Geschichtsunterricht, obwohl doch "moderne historische Dokumentationen" einen Wow-Effekt bieten würden. [1]

Ungeachtet der weiteren Ausführungen spiegeln sich in dem Statement der Bundesministerin gegenwärtige Positionen zur Digitalisierung von Schule und Unterricht: Dass "die" Digitalisierung Auswirkungen auf den Bildungsbereich haben wird, ist (mittlerweile) unumstritten. Diskutiert wird allerdings die konkrete Aus- und Umgestaltung von Schule und Unterricht unter digitalen Rahmenbedingungen. Dass eine flächendeckende infrastrukturelle Ausstattung der Schulen mit Breitbandzugängen unerlässlich sein wird, ist ebenfalls Konsens, weitere Ausstattungsfragen - Bring Your Own Device (BYOD), Tablets und / oder interaktive Whiteboards - werden aber kontrovers diskutiert.

Trotz aller politischen und gesellschaftlichen Absichtserklärungen sind die tatsächlichen Auswirkungen einer Digitalisierung schulischen Lehrens und Lernens auch im Geschichtsunterricht (noch) nicht abzusehen. Eine geschichtsdidaktische Beschäftigung mit Aspekten eines digitalen oder teildigitalisierten Unterrichts mutet wie die Operation an einem offenen Herzen an, da die mit der Digitalisierung verbundenen disruptiven Dimensionen bestenfalls nur erahnt werden können.

Diesen grundsätzlichen Annahmen folgt auch der von Marko Demantowsky und Christoph Pallaske 2015 herausgegebene Tagungsband. In der Einleitung wird darauf verwiesen, dass die als Überblicks- und Einstiegslektüre konzipierte Publikation angesichts der "rasanten technologischen Entwicklungen" nur einen aktuellen Zwischenstand abbilden möchte (IX). Angesichts der oben dargestellten Diskussionen und Rahmenbedingungen erfüllen die Texte - soviel sei vorweggenommen - den Anspruch der Herausgeber.

Anlass für die zugrundeliegende Tagung war die Beobachtung, dass neben der universitären Geschichtsdidaktik eine Gruppe "digitaler Praktiker" die Möglichkeiten des Social Web nutzend Einfluss auf die geschichtsdidaktischen Diskurse nahmen. [2] Sowohl Tagung als auch Sammelband sollten die Akteure aus der "Net-Community" (Schule, Lehrerbildung) und der "Scientific-Community" (Hochschulen) zusammenbringen und ihre Perspektiven auf einen Geschichtsunterricht unter digitalen Bedingungen zur Diskussion stellen. Transparenz und einen offenen Diskurs stellten die Herausgeber über das Format einer "interaktiven Netztagung", ein Open PeerReview und die Veröffentlichung des Buches als Open Access sicher. [3]

Inhaltlich ist der Band in drei Teile gegliedert, die sich empirischen, pragmatischen und theoretischen Aspekten des digitalen Wandels im Geschichtsunterricht widmen. Im ersten Abschnitt geben Bettina Alavi, Jan Hodel, Astrid Schwabe und Manuel Altenkirch Einblicke in die empirische Forschung zum historischen Lernen mit digitalen Medien und Inhalten. Bettina Alavi verweist in ihrem Text darauf, dass die Zugänge zu Inhalten unter den Bedingungen des Digitalen informeller und unberechenbarer geworden sind, die grundlegenden Operationen historischen Denkens aber gleich bleiben. Die Frage aber, wie sich historisches Lernen an und mit digitalen Medien sowie über diese und im digitalen Medium gestaltet, sieht Bettina Alavi als zentral für die weitere empirische geschichtsdidaktische Forschung in diesem Feld und verweist auf Desiderate in den Bereichen Kompetenzaufbau, kooperatives und kollaboratives historisches Lernen und Lehrerforschung. [4]

Ähnlich - nur mit anderen Beispielen - argumentieren die Autorinnen und Autoren der weiteren Beiträge in diesem Abschnitt. Jan Hodel beschäftigt sich mit Hypertexten und den bei der Erstellung genutzten Handlungsstrategien der Narrativierung durch Schülerinnen und Schüler. Astrid Schwabe widmet sich den Userinnen und Usern einer regionalhistorischen Website und kennzeichnet Besuche mit lexikalischer Nutzung als Folge einer Suchmaschinenanfrage als die überwiegende Besuchsform. Manuel Altenkirch untersucht am Beispiel des Artikels "Holocaust" Konstruktionsprozesse historischer Narrationen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, indem er die spezifischen Bedingungen dieses kollaborativen digitalen Mediums in den Blick nimmt und vor allem die Rolle der Autoren und Autorinnen thematisiert.

Im zweiten Abschnitt geben mit Daniel Bernsen, Birgit Marzinka und Ulf Kerber Akteure der "Net-Community" Einblicke in handlungs- und produktorientierte digitale Lehr-Lern-Projekte. Die erfahrungsgesättigten Beiträge enthalten didaktische und methodische Hinweise für Geschichtslehrerinnen und -lehrer, die mit Wikis und Blogs kooperativ und kollaborativ historische Narrationen im Geschichtsunterricht erstellen und reflektieren wollen. Ergänzend dazu spricht sich Ulf Kerber für eine "historische Medienkompetenz" aus, die auf einer Verknüpfung von Medienpädagogik und Geschichtsdidaktik fußt. Diese Überlegungen sind an das 2016 von der Kultusministerkonferenz verabschiedete Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" anschlussfähig. [5] Mittlerweile fanden die pragmatischen Ansätze dieses Abschnittes auch ihren Niederschlag in einem entsprechenden Handbuch. [6]

Der dritte Abschnitt widmet sich einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem historischen Lernen unter den Bedingungen des Digitalen, indem die vorangehenden Beiträge zu den empirischen Forschungen und anwendungsorientierten Beispielen aufgegriffen, geschichtsdidaktisch eingeordnet und reflektiert werden. Christoph Pallaske, Marko Demantowsky, Christoph Kühberger und Oliver Baumann können (und wollen) keine Theorie des historischen Lernens unter digitalen Bedingungen vorlegen. Vielmehr verweisen die Autoren auf zentrale Felder einer geschichtsdidaktischen Forschung in diesem Bereich. Als gleichzeitig ertragreich und herausfordernd sieht Kühberger die Verknüpfung der Diskursräume von Scientific- und Net-Community, während Christoph Pallaske die Problematik des Medienbegriffs aufwirft und nach Schnittmengen mit geschichtsdidaktischen Grundkategorien sucht. Marko Demantowsky formuliert eine thesenartige Zusammenfassung der Diskussion. So fordere der digitale Wandel seiner Meinung nach die Geschichtsdidaktik an sich und nicht nur einzelne Teilbereiche. Wichtig seien zudem mediale Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden und Lernenden sowie eine vorsichtige Zurückhaltung gegenüber allen euphorischen Zuschreibungen an "das Digitale". Abschließend plädiert Demantowsky nachvollziehbar für eine analytisch-pragmatische Neuausrichtung der geschichtsdidaktischen Diskussion - der Tagungsband leistet dazu bereits einen Anfang.

Der Band ist das, was er sein möchte: trotz weiterführender Forschungen bietet er angesichts der aktuellen und kommenden Diskussionen eine solide Grundlage für eine erste Orientierung im Feld des historischen Lernens unter digitalen Bedingungen. Einzig die fehlende Zusammenstellung der Literatur ist ein kleines Manko. Wegweisend sind nach wie vor die Verknüpfung empirischer, theoretischer und unterrichtspragmatischer Herangehensweisen und eine Berücksichtigung aller an der Digitalisierung von Schule und Geschichtsunterricht beteiligten Akteure.


Anmerkungen:

[1] Manuel J. Hartung / Andreas Sentker / Martin Spiewak: Interview mit Anja Karliczek "Wir sollten die Schulen umbauen", in: DIE ZEIT 14 / 2018, 28.03.2018.

[2] Abgesehen von den Akteuren hat sich daran bis in die Gegenwart nichts geändert. Ein reger Austausch findet aktuell zum Beispiel bei Twitter unter dem Hashtag #BayernEdu statt.

[3] Alle Inhalte und Texte des Buches finden sich als Open Access unter https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/231648 (zuletzt aufgerufen am 29.05.2018) als kostenloser Download.

[4] Daniel Bernsen / Alexander König / Thomas Spahn: Medien und historisches Lernen. Eine Verhältnisbestimmung und ein Plädoyer für eine digitale Geschichtsdidaktik, in: Zeitschrift für digitale Geschichtswissenschaften 1 (2012), http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/zdg/article/view/294/358 (zuletzt aufgerufen am 05.06.2018).

[5] Kultusminister Konferenz: Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz, Beschluss vom 08.12.2016, www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Bildung_digitale_Welt_Webversion.pdf (zuletzt aufgerufen am 29.05.2018).

[6] Daniel Bernsen / Ulf Kerber (Hgg.): Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter, Bonn 2017.

Christian Bunnenberg