Rezension über:

Yvonne Kleinmann / Stephan Stach / Tracie L. Wilson (eds.): Religion in the Mirror of Law. Eastern European Perspectives from the Early Modern Period to 1939 (= Studien zur europäischen Rechtsgeschichte; Bd. 280), Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2016, XXVII + 350 S., ISBN 978-3-465-04181-8, EUR 79,00
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Rezension von:
Ralph Schattkowsky
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Ralph Schattkowsky: Rezension von: Yvonne Kleinmann / Stephan Stach / Tracie L. Wilson (eds.): Religion in the Mirror of Law. Eastern European Perspectives from the Early Modern Period to 1939, Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 6 [15.06.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/06/31858.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Yvonne Kleinmann / Stephan Stach / Tracie L. Wilson (eds.): Religion in the Mirror of Law

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Der Band basiert auf einer Konferenz, die 2010 zum Thema: "Religion in the Mirror of Law. Research on Early Modern Poland-Lithuania and its Successor States in the 19th and Early 20th Centuries" am Center for Urban History of East-Central-Europe in Lemberg stattfand. Das Verhältnis von Religion und Recht wird interdisziplinär aus der Perspektive von Geschichte, Jurisprudenz, Literatur und Ethnologie von Wissenschaftlern aus Österreich, Deutschland, Israel, Polen, der Ukraine und den USA behandelt. Dabei geht es um Aspekte der verfassungsmäßigen Verankerung religiöser Rechte wie auch um die Rechtspraxis und ihre Wahrnehmung in einzelnen Religionsgemeinschaften. Der territoriale Fokus liegt auf Polen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine in den unterschiedlichen staatlichen Konstruktionen vom 16. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Einen Schwerpunkt der Untersuchungen bildet der Einfluss sozialer Umbrüche und verfassungsstaatlicher Veränderungen auf die rechtliche Stellung religiöser Gemeinschaften und ihr Verhältnis zur herrschenden Staatsmacht bzw. Staatsreligion. Bisher hatte sich die Forschung vor allem auf die Stellung der Religionsgemeinschaften als Minderheiten und einen daraus abgeleiteten Status rechtlicher Unsicherheit bzw. Unterdrückung sowie interreligiöser Konflikte in dieser Großregion konzentriert. Dem Band geht es darum, neue Perspektiven auf bisher weniger beachtete Bereiche zu entwickeln, die neben dem ideologischen Aspekt der Auseinandersetzung auch juristischen Konfliktlösungen Bedeutung beimessen und Perioden und Bereiche von "unspectacular coexistence" (XI) belegen. Es sollen Basisinformationen über Rechtsmittel geboten werden, die der Kooperation, Mediation und Kompromissfindung dienten. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Betrachtung der Wirkung des Rechts neben beziehungsweise außerhalb seines normativen Charakters und seine Einordnung in Phasen und Bedingungen von Funktionalität und Dysfunktionalität. Es wird untersucht, wie rechtliche Kodifizierungen auf den kulturellen Habitus religiöser Gruppen wirkten und mit anderen sozialen Feldern, wie Politik, Wirtschaft und auch Kunst, korrelierten. Ziel ist es dabei, auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten hinzuweisen, die sich nur mittelbar oder auch außerhalb staatlicher bzw. machtpolitischer Konfigurationen entwickeln.

Nach einem einführenden Beitrag der Herausgeber, der das Grundanliegen des Bandes umreißt und die einzelnen Artikel vorstellt, sind die insgesamt 15 Abhandlungen mit einem Umfang von durchschnittlich 20 Seiten in vier Kapitel gegliedert. Unter der Überschrift "Imagining Law - Imagining Society" behandelt Jürgen Heyde den Rechtsdiskurs im polnischen Sejm und seine politische Funktion anhand der antijüdischen Gesetzgebung von 1538. Anna Juraschek versucht sich in einer literarischen Interpretation von Shakespeares Shylock durch Karl Emil Franzos' Darstellungen jüdischer Figuren Ostgaliziens und seine Beeinflussung durch die Rechtsschule Rudolf von Jherings. In Anlehnung an Benedict Andersons Konzept der "imagined communities" führt Jana Osterkamp den Begriff des "imagined law" als "law that cannot yet be implemented" (42) ein, um damit Konzepte konfessioneller Gruppen zum föderalen Charakter der Habsburgermonarchie und der Position Galiziens zu erklären. Tracie L. Wilson schließlich gibt mit "Women's Charity and Anti-Trafficking Associations" in Lemberg um die Wende zum 20. Jahrhundert Beispiele für "emergent law" und die Einflussmöglichkeiten auf Rechtsdenken und Sozialverhalten.

Im folgenden Kapitel "Shifts in Political Rule and the Reorganization of Law" stellen die Beiträge einen direkten Zusammenhang zwischen Herrschaftswechsel und Rechtskodifizierungen her. Angela Rustemeyer unternimmt dies für das russische Teilungsgebiet Polens unter Katharina II. und Hanna Kozińska-Witt für das Habsburger Galizien. Etwas anders ausgerichtet sind die Beiträge von Oksana Leskiv, die sich am Beispiel des Priesters Iosif Levytskyi der zentralen Funktion des unierten Geistlichen im Prozess der Nationalisierung der ruthenischen Bauernschaft zuwendet, sowie von Stephan Stach, der die Rolle und Funktion des Forschungsinstituts für nationale Minderheiten im Zwischenkriegspolen untersucht, einer Einrichtung, die im europäischen Maßstab beispielhaft war und deren Darstellung in der deutschen Forschungsliteratur bisher nur wenig Berücksichtigung fand.

Im dritten Abschnitt "Competing Laws - Competing Loyalities" beschäftigt sich Dror Segev mit innerjüdischen Debatten um die religiösen Gesetze in Russland und Vladimir Levin ebenfalls für Russland mit dem Problem der Koexistenz von Zivilrecht und religiösen jüdischen Vorschriften. Liliana Hentosh untersucht das Verhalten des Metropoliten Andrei Sheptytskyi nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches. Das letzte Kapitel des Bandes wendet sich unter der Überschrift "Ethno-Religious Coexistence in Legal Norm and Practice" wieder verstärkt dem Aspekt von Rechtsstatus und Rechtspraxis zu. Die Rechtspraxis der städtischen Obrigkeit bei der Regulierung der Beziehungen von Christen und Juden untersucht Anat Vaturi für das frühneuzeitliche Krakau und Yvonne Kleinmann für Rzeszów. Maria Cieśla widmet sich dem Rechtsstatus und der sozialen Position der Juden im Großherzogtum Litauen im 17. und 18. Jahrhundert. Der Band schließt mit einer Untersuchung alltäglicher Rechtsstreitigkeiten zwischen religiösen und ethnischen Gruppen in russischen nordwestlichen Provinzen Mitte des 19. Jahrhunderts durch Eugene M. Avrutin.

Betrachtet man die Beiträge des Bandes unter dem Aspekt der formulierten Zielsetzung, so wird er ihr insgesamt voll gerecht. Hier werden mit hoher Sachkompetenz aus interdisziplinärer Perspektive historische Fallstudien geboten, die nicht nur rechtliche Normative und den Prozess ihrer Umsetzung betrachten, sondern, und das vor allem, die gesellschaftliche Wirksamkeit und Gestaltung von Zusammenleben in äußerst desperaten geografischen Räumen behandeln.

Ralph Schattkowsky