Rezension über:

Beate Fücker: Der Heiligen schöner Schein. Bekleidete Sakralfiguren im deutschsprachigen Raum (1650-1850), Regensburg: Schnell & Steiner 2017, 294 S., 179 Farb-, 119 s/w-Abb., ISBN 978-3-7954-3101-3, EUR 86,00
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Rezension von:
Stefan Roller
Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt/ Main
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Roller: Rezension von: Beate Fücker: Der Heiligen schöner Schein. Bekleidete Sakralfiguren im deutschsprachigen Raum (1650-1850), Regensburg: Schnell & Steiner 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 12 [15.12.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/12/29928.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Beate Fücker: Der Heiligen schöner Schein

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Vor wenigen Jahren noch hätte die kunsthistorische Forschung das Phänomen bekleideter Skulpturen allenfalls als Kuriosum wahrgenommen. Inzwischen hat sich der Blick geweitet und die Verwendung realitätssteigernder Mittel in der Bildhauerei, wozu auch die Bekleidung von Figuren zählt, rückte in das Interesse [1], blieb aber Thema von Spezialisten. Kein Überblickswerk zur barocken Kunst etwa erwähnt diese bis in das ausgehende 18. Jahrhundert wie selbstverständlich zur sakralen und profanen Skulptur gehörende Praxis. Kaum eine größere Kunstsammlung präsentiert bekleidete Sakralskulptur.

Das gründet auf der Fehleinschätzung, der künstlerische Wert eines Bildwerks sei allein an der Qualität seiner plastischen Form zu bemessen: Ein Erbe der klassizistischen Ästhetiklehre der Aufklärung. Dass selbst die farbige Fassung noch oft als (hinderliche) Zutat begriffen wird und nicht als existenzieller Bestandteil des Objektes, spricht Bände. Nicht minder verräterisch ist das ebenfalls in der klassizistischen Ästhetik wurzelnde Verdikt über die seit jeher gebräuchliche Kombination verschiedener Werkstoffe. Schnell ist abfällig von Kunstgewerbe, Volkskunst oder Kitsch die Rede, kommen Textilien, Echthaar, Glasaugen und andere den lebensnahen Ausdruck einer Figur steigernde Materialien zur Anwendung. Streben nach Realismus gilt immer noch als Banalisierung und künstlerische Entwertung eines Objektes. Doch wird der Bildhauerkunst bis zur Aufklärung nur gerecht, wer eben diese Aspekte als ihre weithin gültigen Prämissen begreift!

Das beweist eindrucksvoll vorliegende Dissertation der Restauratorin Beate Fücker, die "eine Neubewertung bekleideter Bildwerke barocker Prägung" versucht (14). Um es vorwegzunehmen: Wer sich auf das Unterfangen einlässt, wird seine Freude haben an der kenntnisreich und unprätentiös vorgetragenen Revision des klassischen Skulpturenbegriffes. Fücker stellt rund 200 weitgehend unbekannte Bildwerke vor. Soweit möglich wurden alle technologisch untersucht. Es geht ihr um eine Systematisierung konstruktiver Typen, aber auch um den Konnex von Form und Funktion der Kunstwerke (14).

Die Einführung umreißt kurz das Thema, konzentriert den Forschungsgegenstand auf die großformatige Sakralskulptur des Barock. Doch werden auch die Jahre der Gegenreformation und der katholischen Restauration in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man bewusst an die Bildpraxis vor der Aufklärung anknüpfte, berücksichtigt. Fückers Hauptaugenmerk gilt dabei jenen Figuren, die originär für Bekleidung konzipiert wurden. Diesen "primär bekleideten" Bildwerken stellt sie die "sekundär bekleideten" gegenüber, die erst nachträglich mit Gewändern versehen und dafür häufig stark überarbeitet wurden. Jesuskindfiguren, Wachsvotive, bekleidete Krippenfiguren, Effigien und Heilige Leiber klammert sie sinnvollerweise als eigenständige Komplexe aus, berücksichtigt sie aber, wo nötig, exemplarisch. Den regionalen Untersuchungsschwerpunkt legt sie auf den deutschsprachigen Raum mit den ergiebigen Gebieten Bayern, Tirol und Hildesheim/Paderborn. Aber auch hier weitet sie den Blick gegebenenfalls über die Grenzen (Belgien, Italien, Spanien).

Der folgende Forschungsbericht verdeutlicht in seiner Kürze das bisher geringe Interesse am Thema. Lange Zeit wurde dabei nur ungenau zwischen primär und sekundär bekleideten Bildwerken unterschieden. Doch erweist sich die zweite Gruppe durch die Erforschung des Wallfahrts- und Votivbrauchtums als besser dokumentiert. In Europa und Lateinamerika erregte das Thema in den letzten 30 Jahren im Generellen wie die primär bekleideten Figuren im Speziellen zusehends Aufmerksamkeit. Dabei gerieten neben religions- und sozialgeschichtlichen Aspekten vermehrt auch technische Herstellungsdetails in den Blick. Trotz allem aber lässt die bisherige Forschung nur bedingt Rückschlüsse auf das Phänomen im deutschsprachigen Raum zu. Fückers Arbeit schließt diese Lücke.

Die Autorin reduziert das Phänomen der bekleideten Figur nicht auf die technologische Analyse der Objekte. Vielmehr ist es ihr ein Anliegen, auch nach den religions- und sozialgeschichtlichen Hintergründen zu fragen (Kapitel 3). Die zahlreich zitierten Primärquellen offenbaren, dass die lebensnahe Gestaltung von Skulpturen, insbesondere ihre prunkvolle Ausstattung mit Gewändern und Schmuck, in nachtridentinischer Zeit auch in katholischen Gebieten vermehrt Kritik und Gegenreaktion provozierte. Doch verhinderte vor allem die breite Verankerung dieser Praxis im Volksglauben ihr Verbot und führte allenfalls zu Regulierungen. Die Instrumentalisierung bekleideter Sakralfiguren als Ausdruck katholischer Machtansprüche während der Konfessionalisierung sorgte im 17./18. Jahrhundert schließlich sogar für eine ungeahnte Blüte. Erst Joseph II. staatlich sanktionierter Bildersturm der Aufklärung sorgte für ein vorübergehendes Ende dieser jahrhundertealten Kultpraxis. Damit einher ging eine intellektuelle Ächtung von Kompositfiguren, deren negative Auswirkungen bis heute spürbar sind. Daran änderte auch die zwischenzeitliche Rückbesinnung in der katholischen Restauration des 19. Jahrhunderts nichts.

Im Hauptteil des Buches wendet sich Fücker den sekundären und den ihres Erachtens sich daraus notwendig entwickelnden primär bekleideten Bildwerken zu. Während erstere oftmals nur temporär bekleidet wurden, funktionieren letztere zumeist gar nicht ohne Kleidung. Fücker gelingt mithilfe technologischer Merkmale eine gewisse Systematisierung des untersuchten Bestandes und schafft damit Kriterien zur zukünftigen Einordnung weiterer Skulpturen. Die technologischen Beobachtungen erlauben auch Rückschlüsse auf regionale Konstruktionsvorlieben, auf funktionale Zusammenhänge, begrenzt auch auf spezielle Stiftermilieus und die Entstehungszeit der zumeist anonym hergestellten Bildwerke. Anschließend wird systematisch die Ausstattung bekleideter Barockfiguren dargestellt. Ausführlich geht Fücker auf die textilen Kleidungsstücke bis hin zu Schuhen und Strümpfen, aber auch auf Insignien, Schmuck, Perücken, Sitze und Traggestelle ein. Sie beschreibt außerdem besondere Bekleidungspraktiken und vermittelt eine Vorstellung vom mitunter stattlichen materiellen Wert der Figurenausstattungen.

Bemerkungen zum erhaltenen Bestand und zur aktuellen Nutzung und Präsentation bekleideter Bildwerke sowie ein Fazit beschließen den Text. [2] Ein wissenschaftlicher Apparat inklusive Register rundet den sehr positiven Gesamteindruck des Buches ab.

Beate Fückers Arbeit ist von unschätzbarem Wert. Sie steht beispielhaft für die Notwendigkeit und den Sinn der in den vergangenen Jahrzehnten immer geringer geschätzten Feldforschung. Denn durch die Erfassung weitgehend unbekannter Objekte und deren Einbindung in ihren kulturgeschichtlichen Kontext wird uns ein neuer Blick auf ein zu Unrecht geächtetes und kunsthistorisch dringend zu rehabilitierendes Phänomen ermöglicht: die lebensnahe Gestaltung von Skulpturen am Beispiel bekleideter Barockfiguren. Dieses Buch sensibilisiert und macht Lust auf das Thema. Pflichtlektüre.


Anmerkungen:

[1] Die große Illusion. Veristische Skulpturen und ihre Techniken, Katalog zur Ausstellung in der Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt a.M., 1.10.2014-1.3.2015, München 2014.

[2] Fücker erwähnt in diesem Kontext eine spätgotische, modern bekleidete Marienfigur in einer fränkischen Kirche an unbekanntem Ort (264). Es ist die katholische Pfarrkirche St. Veit in Herrieden, Kreis Ansbach.

Stefan Roller