Rezension über:

Magdalena Bushart / Friedrich Steinle (eds.): Colour Histories. Science, Art, and Technology in the 17th and 18th Centuries, Berlin: de Gruyter 2015, XIV + 420 S., zahlr. Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-11-033573-6, EUR 79,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Waltraud Pippich
M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Waltraud Pippich: Rezension von: Magdalena Bushart / Friedrich Steinle (eds.): Colour Histories. Science, Art, and Technology in the 17th and 18th Centuries, Berlin: de Gruyter 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 7/8 [15.07.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/07/28337.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Magdalena Bushart / Friedrich Steinle (eds.): Colour Histories

Textgröße: A A A

Hochkaräter der internationalen Farbforschung und Vertreter der jungen deutschen Kunstgeschichte reichen sich mit ihren Beiträgen in "Colour Histories. Science, Art, and Technology in the 17th and 18th Centuries" die Hand. Der von Magdalena Bushart und Friedrich Steinle herausgegebene Band geht auf eine von der Berliner Technischen Universität 2012 ausgerichtete Farbtagung zurück. Wissenschafts-, technologie- und kunsthistorische Arbeiten, bei entschieden interdisziplinärer Ausrichtung, bieten gemeinsam einen Überblick zur Geschichte des Wissens über Farbe von beachtlichem Ausmaß.

Wäre das Kompendium der 16 Texte ein Tonträger, so ließe sich sagen: Hier jagt ein Hit den nächsten. Das Ganze ist klug redigiert, die Beiträge folgen durchgehend schlüssiger Anordnung, ansprechend fügen sich jeweils vier Texte in die vier Sektionen "Systems", "Practices", "Concepts", "Theories". Dass eine rigide Einordnung der Beiträge in die vier Sektionen nicht aufgeht, ja nicht aufgehen kann und sich vielfach Überschneidungen ergeben, die Herausgeber dies einleitend anmerken, ist kein Manko. Die Überlegungen zur möglichen Kategorie gehören in dem anregenden, oft brillanten Buch zu den Reizen. Als roter Faden der Einzelstudien lässt sich durchwegs die Bemühung der Autoren und Autorinnen aufweisen, bislang kaum belichtete Zusammenhänge wissenschaftlicher, technologischer und kunsttheoretischer Aspekte für die Geschichte des Wissens über Farbe fruchtbar zu machen. Die wissenschaftshistorischen Fragestellungen dominieren dabei in dem Band. Es stechen besonders Versuche hervor, Linien eines Anti-Newtonianismus zu ziehen, als Modus, die für bestimmte Gebiete und Zeiten der Farbenkunde gängige Lesart dogmatischen Newtonianismus zu konterkarieren - und als Solitär Karin Leonhards Gegenwurf frühneuzeitlichen Demokritismus.

So reiht sich Steinles Beitrag ein in die Folge der Arbeiten von Gage bis Shapiro, die für das Weiterleben von Newtons Farbtheorie die Differenz zwischen Naturphilosophie und Kunst betonen. Steinle brilliert durch präzise Beschreibungen der aus Mischtechniken in den Malerateliers resultierenden, von der Newtonschen Lehre abweichenden Farbsysteme. Neu ist nicht die Betonung der Differenz, aber das erweiterte Einbringen atelierpraktischen Know-hows. Erfrischend anwendungsorientiert ist auch Steinles Mutmaßung für Newtons auffallende farbentheoretische Wende von den unzähligen Primärfarben 1672 hin zum System der sieben Primärfarben 1704: Es sei der Wunsch nach eigentlicher Anwendbarkeit der Theorie in der Praxis, der den Wandel bewirkte.

Einblicke in Farbtheorie und -praxis gibt auch Olaf Müllers origineller Beitrag. In japanischen Holzschnitten ab 1830 finden sich in Gestaltung von Horizont und Atmosphäre Farbfolgen, die den warmen und kalten Farbbündeln am Rand des prismatischen Spektrums gemäß Newton und Goethe entsprechen. Müller erwägt internationalen Wissenstransfer. Der ästhetische Primat der entdeckten Farbkombinationen wird farbtheoretisch nach Goethe erklärt.

Leonhards Zeilen bleiben im Gedächtnis. Die Autorin beschreibt naturphilosophische Farbtheorie im 17. Jahrhundert vor dem Horizont der epistemologischen Wende vom Substantialismus hin zu Vorstufen des Subjektivismus in der frühen Neuzeit. Die antike Vorstellung einer ursprünglich farblosen Welt, die sich mit Wandel ihrer Qualitäten färbt, wird im revival bei Boyle aufgewiesen und das frühneuzeitliche Modell für die Interpretation barocker Stillleben herangezogen.

Spannung entsteht bei der Lektüre von Bruno Belhostes Beitrag "Dyeing at the Gobelins" über den Entrepreneur Quémizet. Der Essay zeigt den Wert des Wissens über Färbeprozesse und -technologien um 1750 auf und schildert den Aufstieg eines Jungen aus armen Verhältnissen zum szientifischen Allrounder mit unternehmerischen Ambitionen. Belhostes bei den Recherchen in der Pariser Nationalbibliothek getätigter Fund eines lange verschollen geglaubten Handbuchs zu Grundlagen der Textilfärbung aus Quémizets Wirkkreis ist nicht anders als bemerkenswert einzuschätzen.

Nun bleibt der Leser, nach der Integration wissensgeschichtlicher, kunsttheoretischer, auch ökonomischer Aspekte in den Artikeln zurück mit dem Eindruck, dass hier etwas nicht selbst zu Wort kam: die Farbe. Die Essays sind Zeugnisse des gelehrten Schreibens über Farbe, verleihen nicht ihr selbst die Stimme: der Farbe. Die vielperspektivische Auffächerung von Wissen über Farbsysteme und Optik kann geschichtliche Entwicklungslinien, kausalen Zusammenhang nahelegen. "Colour Histories" werden konstruiert. - Farbe wirkt aber doch im Buch? Der stete Blick während des Lesens in den nachgeordneten Teil der, übrigens durchgängig qualitativ hochwertig reproduzierten, farbigen Abbildungen gemahnt an die Ästhetik der Wunderkammer, hüllt die Darstellungen in die Aura des preziösen Seitenaltars, der verborgenen Schatztruhe oder der Inkunabel, die nicht umstandslos sich zeigt. Das Farbige erscheint in den "Colour Histories" nachgeordnet.

Für "Colour Histories" ist die Frage zu stellen, die sich heute fast jedes Publikationsprojekt stellen kann, ob nicht eine digitale Publikation dem Zweck dienlicher wäre. Berechtigt ist die Frage umso mehr, wenn drei Jahre nach der Tagung ein kostspieliger Band (79,95€) zum Thema Wissenschaft und Technologie vorliegt, sich zwischen Tagungs- und Publikationszeitpunkt aber der technologische status quo durch das Digitale radikal wandelte und nun das Buch den status quo nicht trifft.

Farbe ist durch Informationstechnologien auf eine Weise für die Forschung zu rationalisieren, von der die gesamte Zunft der Farbforschung seit Jahrhunderten wohl nicht zu träumen wagte. Der Problemkomplex trifft den Kern der Anliegen der Farbtheoretiker des im Buch untersuchten Zeitrahmens, der Epoche der Aufklärung: Das Ungewusste zu illuminieren, mit fortschrittlichsten wissenschaftlichen Methoden zu rationalisieren. Das Streben, dem Logosfernen - Farben - eine ratio zu verleihen, wird in Farbtheorien augenscheinlich. Der Band stellt indirekt dies Streben als Forschen dar, aber keinen Bezug zu heutigen technologischen Lösungen der in den Case Studies minutiös aufgefalteten, teils von Forschergeneration zu -generation weitergegebenen farbwissenschaftlichen Problemstellungen.

Algorithmen verleihen dem Stimmlosen, jedenfalls substituierend, für die wissenschaftliche Forschung eine Stimme. So wäre Müllers kühne These bei empirischer Sättigung durch digitale big data-Analysen weniger kühn, Boskamps Frage nach einem "period eye", "period coloring" (217) der Farbtrias Rot-Gelb-Blau in der Malerei um 1750 bliebe durch systematische Bildanalysen im big data-Bereich nicht unbeantwortet.

Erinnert sei an dieser Stelle an Max Imdahl, dessen Arbeit zur Emanzipation der Farbe in der Kunsttheorie der französischen Akademie [1], ein Klassiker der Literatur zur Farbengeschichte, in den "Colour Histories" ungenannt bleibt und in dessen Person als Maler und Kunsthistoriker sich Kenntnis zu Praxis und Theorie des Färbens mengten. Denn es ist Imdahls ehemaliger Assistent Hubertus Kohle, von dem und aus dessen Münchener Schule der digitalen Kunstgeschichte heute avancierte Farbforschung hervorgehen kann. So kreierten die Münchener zusammen mit Björn Ommer im Computer Vision Labor mit dem RedcolorTool eines der ersten Instrumente zur digitalen Erfassung von Farbe für die Kunstgeschichte.

Zurück zur Frage der digitalen Publikation: Es ist das Format Buch, das das fragmentierte Feld der Farbforschung als Einheit erscheinen lässt. Ein noch aufmerksameres Lektorat hätte auch die letzten Druckfehler beseitigt. Diese stören mal weniger, wenn klar ist, dass die Fehler auf die internationale Dimension und die Übersetzungen zurückgehen, und mal mehr, etwa wenn man ausgerechnet in der visuell hervorgehobenen Zwischenüberschrift Peripataticae statt Peripateticae zu lesen hat oder ein Autorinnenname im Vorwort nicht richtig geschrieben ist. Alles in allem ist dieses Buch, über seinen Status als Dokument des Fachwissens und der internationalen Kooperation hinaus, ein Schatz.


Anmerkung:

[1] Max Imdahl: Farbe. Kunsttheoretische Reflexionen in Frankreich, 2. Aufl. München 1988.

Waltraud Pippich