Rezension über:

Pascal Schillings: Der letzte weiße Fleck. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen: Wallstein 2016, 448 S., 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-1959-2, EUR 48,00
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Rezension von:
Andreas Greiner
ETH Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Greiner: Rezension von: Pascal Schillings: Der letzte weiße Fleck. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen: Wallstein 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 6 [15.06.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/06/28953.html


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Pascal Schillings: Der letzte weiße Fleck

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Die Erforschung des Südpols ist heute vor allem mit den schillernden Namen Robert Falcon Scott und Roald Amundsen verbunden. Weniger bekannt sind zwei ihrer Vorläufer: die Expedition des deutschen Polarschiffs 'Gauß' und die der britischen 'Discovery'. Beide brachen im Sommer 1901 in die Antarktis auf. Diese Parallelität veranlasst Pascal Schillings, in seinem sorgfältig recherchierten Buch den Verlauf beider Unternehmungen als "transnationale Vernetzungsgeschichte" (30) nachzuvollziehen. Dabei steht weniger der Vergleich im Zentrum, sondern vielmehr die Analyse transnationaler Kooperation zwischen deutschen und britischen Akteuren sowie die Frage, wie Wissen im Zusammenspiel von Forschern, Instrumenten und Umwelt entstand.

Schillings' Dissertation knüpft damit an neuere Studien zur Polarforschung, ihrer Vernetzung und Forschungspraktiken an. [1] Mit der systematischen Untersuchung der Wissensproduktion unter Feldbedingungen gesellt sich die Studie zudem zu weiteren jüngst erschienenen Arbeiten, die eine Neubewertungen europäischer Forschungsreisen um 1900 anstreben. [2] Es ist Schillings' Anliegen, den nationalen Analyserahmen der Polarforschung zu verlassen. Stattdessen wählt er eine "akteursnahe und praxisorientierte" (21) Perspektive, die es ihm ermöglicht, auf 400 dichten Seiten eine Vielzahl von Themenkomplexen anzusprechen. In fünf Kapiteln begleitet der Autor die beiden Expeditionen während ihrer gesamten Reise: von der Vorbereitung und Ausrüstung über die Forschungspraxis vor Ort zur öffentlichen Aufbereitung nach der Heimkehr.

Das erste Kapitel zeichnet die Entwicklungslinien der Antarktisforschung im Deutschen Reich und Großbritannien nach. Indem seine Untersuchung bereits in den 1850er Jahren einsetzt, kann Schillings aufzeigen, "welche Konstellationen nötig waren, um die Antarktis zum Forschungsproblem [...] zu machen" (38). So trat der Südpol erst in den 1880er Jahren aus dem Schatten der übrigen Erdteile. Die dann einsetzende "Antarktiskonjunktur" (14) führt der Autor auf den institutionellen Aufstieg der Südpolarforscher innerhalb der britischen und deutschen Gelehrtennetzwerke zurück. Nahezu parallel wurde in beiden Ländern schließlich die Durchführung einer nationalen Expedition beschlossen.

Im zweiten Kapitel beleuchtet Schillings die 'Gauß'- und 'Discovery'-Expedition als transnationale Phänomene, wobei er "die Gleichzeitigkeit von Abgrenzung und Verflechtung" (127) betont. So verweist er zunächst auf das nationale Klima, in dem sie reiften. Beide Planungskommissionen etwa warben um Geldgeber, indem sie die jeweils andere Expedition zur Konkurrenz stilisierten. Nachdem sich ein halbes Jahrhundert niemand für die Antarktis interessiert hatte, zeichnete sich plötzlich ein nationaler Wettlauf ab.

Wie der Autor in den folgenden Unterkapiteln gekonnt ausführt, täuscht dieser Befund jedoch über die vielschichtigen transnationalen und globalen Verflechtungen beider Expeditionen hinweg. So griffen sie bei der Beschaffung von Ausrüstung und Tieren immer wieder ins Globale aus. Das Ausmaß der Zusammenarbeit tritt besonders deutlich bei der Betrachtung des gemeinsamen Forschungsprogramms sowie des Schiffsbaus zutage. So belegt die sich ähnelnde Bauweise der beiden Expeditionsschiffe die Existenz eines "europäischen Polarnetzwerkes" (122), in dem Expertise zirkulierte und Anwendung fand.

Das dritte Kapitel springt von der Expeditionsvorbereitung ins Eis und untersucht exemplarisch die verschiedenen Formen der Wissensproduktion anhand der Schlittenreise und der automatischen Erfassung erdmagnetischer Daten. Der Autor geht dabei der Frage nach, was passiert, wenn Forschungspraktiken von der Theorie ins Feld übertragen werden. Wie sehr Anspruch und Wirklichkeit dabei auseinanderklafften, stellt Schillings anschaulich dar. Schnell erwiesen sich die Instrumente als zu anfällig für die Kälte und stießen etablierte Wissenschaftspraktiken an ihre Grenzen.

Nicht minder litten die menschlichen Körper unter den extremen Bedingungen. Erfrierungen machten die Arbeit zur Strapaze. Leider geht Schillings an dieser Stelle nicht weiter auf die Körperpraktiken der Forscher ein. Die medizinische Ausstattung der Schiffe bleibt ebenso unbestimmt wie die Frage, inwiefern die Forscher nicht nur ihre Instrumente, sondern auch ihr eigenes Verhalten an die Umwelt anpassten. Gerade vor dem Hintergrund eines von Schillings angedeuteten internen Konflikts zwischen Naturforschern und Vertretern einer "heroisch-geographische[n] Arktisexploration" (174) wäre es zudem reizvoll gewesen, mehr über das Machtgefüge der Crews sowie deren Alltag auf engstem Raum zu erfahren. So aber bleiben die Expeditionsteilnehmer ebenso blass wie die Schiffsbesatzungen.

Vielleicht ist es der Befund des vierten Kapitels, der den Autor davor abgehalten hat, vertiefter auf die Forscherkörper einzugehen, um nicht den Narrativen der Quellen aufzusitzen. Die Untersuchung der populären und wissenschaftlichen Nachbereitung zeigt nämlich, dass im Zentrum der medialen Berichterstattung die Inszenierung des männlichen Körpers im Kampf gegen die Natur stand. Während Emotionen in den Berichten keinen Platz fanden, diente das körperliche Leiden als Beweis des Heldenmuts. In einem fünften und letzten Kapitel gibt der Autor einen Ausblick auf die Nachfolger von 'Gauß' und 'Discovery' bis 1916.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schillings' Methode, die Antarktisexpeditionen als ganzheitliche "transnationale Ensembles" (99) zu betrachten, zu überzeugen weiß. Zwar führt der mutige Anspruch, einen Beitrag zur "Körpergeschichte der Forscher, der Ding- und Technikgeschichte von Instrumenten [...], Forschungen zu Mensch-Tier-Beziehungen und [...] Umweltgeschichte" (22) zu liefern, dazu, dass mancher Ansatz vage bleibt. Dies ist jedoch nur ein kleiner Wermutstropfen, denn die so entstandenen Anknüpfungspunkte schaffen innovative Perspektiven auf die Erforschung von Expeditionen weit über die Antarktis hinaus. Dies betrifft nicht nur die gelungene Ausführung zur transnationalen Verflechtung, sondern insbesondere die Frage, unter welchen Bedingungen Wissen in der freien Natur produziert wurde. Schillings' Befund, dass "Explorationskulturen mobile Konzepte waren, die von einer Weltregion auf die andere übertragen wurden" (374), kann daher nicht nur für seinen Forschungsgegenstand gelten. Auch seine Studie selbst ist ein äußerst anregendes Beispiel dafür, wie europäische Forschungsreisen des langen 19. Jahrhunderts zu untersuchen sind.


Anmerkungen:

[1] Etwa Roger D. Launius et al. (eds.): Globalizing Polar Science. Reconsidering the International Polar and Geophysical Years, New York 2010; Shane McCorristine: Träume, Labyrinthe, Eislandschaften: Körper und Eis in Arktis-Expeditionen des 19. Jahrhunderts, in: Alexander Kraus / Martina Winkler (Hgg.): Weltmeere. Wissen und Wahrnehmung im langen 19. Jahrhundert Göttingen 2014, 103-126.

[2] Zu nennen sind Carsten Gräbel: Die Erforschung der Kolonien. Expeditionen und koloniale Wissenskultur deutscher Geographen 1884-1919, Bielefeld 2015; Bernhard C. Schär: Tropenliebe. Schweizer Naturforscher und niederländischer Imperialismus in Südostasien um 1900 (= Globalgeschichte; Bd. 20), Frankfurt/M. 2015.

Andreas Greiner