Rezension über:

Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 48), Stuttgart: Thorbecke 2014, XV + 763 S., ISBN 978-3-7995-4367-5, EUR 82,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Katharina Koitz
Interdisziplinäres Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Koitz: Rezension von: Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers, Stuttgart: Thorbecke 2014, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 6 [15.06.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/06/27936.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter

Textgröße: A A A

Den Ausgangspunkt der als Habilitationsschrift verfassten Studie bildet die Frage nach dem "menschlichen Wissen über die Endlichkeit" (1), wie es sich anhand des mittelalterlichen Totenwesens vor allem für das Früh- und Hochmittelalter im Gebiet Zentral- und Westeuropas nachvollziehen lässt. Seine als "Kulturgeschichte des Leichnams" (3) konzipierte Arbeit unterteilt Romedio Schmitz-Esser in zehn Kapitel, anhand derer er die unterschiedlichen Kristallisationspunkte mittelalterlicher Imagination und Inszenierung des toten Körpers herausarbeitet.

Einführend erörtert der Autor die theologisch diskutierte Frage, ob und inwiefern der Zustand der Leiche - etwa als "corpus incorruptum" (7) - eine physische Auferstehung gewährleisten könne oder nicht. Die Vorstellung eines einheitlich etablierten Ideals von Auferstehungsleib wie abgeleiteter Beisetzungsnorm lässt sich hierbei nicht belegen. Vielmehr zeigt sich ein breites Spektrum an Bestattungspraktiken und deren Einsatz je nach Krisen- oder Normzeit oder unter Berücksichtigung ständischer Differenz.

Der folgende Abschnitt thematisiert das reliquiare "corpus" (9) der Heiligen als Kern der Annahme einer im Leichnam gegenwärtigen und handlungsfähigen Seele. Unverwest und wohlriechend demonstriert der Heiligenkörper sakrale Realpräsenz und bezeugt durch die Vermittlung mirakulöser Handlungen göttliches Wohlwollen. Im Rahmen des Heiligenkults erscheint er damit ebenso als soziales, ökonomisches wie religiöses Kapital für die ihn besitzende Gemeinschaft.

Das dritte Kapitel beleuchtet die Kulturtechnik der Einbalsamierung als Bündelung verschiedener auf den Zersetzungsprozess einwirkender Verfahren. Ausgehend vom Transfer spätantiker Praktiken verdeutlicht es die Verschiebung zugunsten invasiver Techniken in karolingischer Zeit, den Methodenpluralismus des Hochmittelalters und eine ab dem 13. Jahrhundert einsetzende Professionalisierung. Ein Nachwirken dieser Entwicklungen zeigt sich etwa in der Verbreitung von Humanpräparaten seit dem 18. Jahrhundert oder im Leistungskatalog zeitgenössischer Bestattungsunternehmer. Mit der Vielfalt möglicher Zielsetzungen, seien sie pragmatischer, standeskonstitutiver oder religiöser Art, korrespondiert dabei eine Fülle an Behandlungen wie das Einhüllen und Bestreichen des Körpers, sein Öffnen, Zerlegen und Kochen wie auch das Aromatisieren der isolierten Knochen vor der Beisetzung oder anlässlich von Graböffnungen.

Die drei folgenden Kapitel beschäftigen sich mit den Formen der Toten-Inszenierung als Instrument der Herrschaftslegitimation, als Spiegel mittelalterlichen Ordo-Denkens oder im Verständnis der Leiche als juristisch relevanter Größe. So konnte sich eine positive oder negative Bezugnahme auf die Gebeine der Ahnen oder auf die Leiche eines besiegten Gegners machtstabilisierend auswirken. Der Ort und die Art der Grablege oder die dem Verstorbenen beigegebenen Objekte - beispielsweise Namenstafeln, Reliquien oder Gebetstexte - markierten die diesseitige Stellung im Raster sozialer, familiärer wie genderbezogener Differenz und Hierarchie. Darüber hinaus bewirkte der Bestattungsort aber auch eine Demarkation sakraler und gerichtlicher Räume. So verwies der Liegeplatz gemeinhin auf die Pfarr- und Zehntzugehörigkeit oder Hinrichtungsfriedhöfe begrenzten die Gerichtsbezirke. Auch konnte der Leichnam selbst als Rechtssubjekt in Erscheinung treten, wenn im Zuge interimistisch vollzogener Machtwechsel die Amtsehre des verstorbenen Trägers erst mit der Wahl eines Nachfolgers auf diesen überging. Weiterhin war es möglich, den Toten vor Gericht in den Klägerstand zu versetzen.

Im siebten Teil untersucht der Autor das Phänomen einer mittelalterlichen Furcht vor den Untoten. Hierbei kontrastiert er jenes verstärkt seit dem 19. Jahrhundert popularisierte Szenario mit dem Konzept der Heiligkeitspräsenz. Auch in diesem Zusammenhang wurden Zersetzungsvorgänge wie das Austreten von Gasen oder Blut sowie scheinbar steter Nagel- und Haarwuchs als Vitalzeichen gedeutet, jedoch nicht als dämonische Signa, sondern vielmehr als göttliche Wunder interpretiert. Beide, Wiedergängerangst und Reliquienverehrung gerieren sich damit als analoge Erscheinungen und reflektierten den Glauben an eine von guten und bösen Kräften durchwirkte Welt.

Kongruent zum ersten Kapitel behandelt das Achte die bewusste Verweigerung einer ordnungsgemäßen Behandlung des Leichnams. Hierzu rechnet Schmitz-Esser die nichtkirchliche Beisetzung ungetaufter Christen, Exkommunizierter, Selbstmörder oder auch Hingerichteter. Gegenüber einer strikt exkludierenden Praxis verweist er jedoch auf eine "elastischere" (607) Handhabe, bei der zwischen Ausschluss und Absonderung unterschieden und die konkrete Umsetzung - zum Beispiel in Form einer nur vorläufigen Sanktionierung - verhandelt werden konnte. Ebenfalls zur Kategorie Devianz erzeugender Maßnahmen zählt die Schändung des toten Körpers als Mittel des Strafvollzugs, als konfliktgenerierte Machtdemonstration oder in Gestalt der Körperverbrennung. Im Verständnis einer paradoxen Umwidmung solcher Entehrungs-Konzepte begreift der Autor den Usus, den eigenen Leib postmortal als Zeichen der Frömmigkeit bewusst erniedrigen zu lassen.

Bevor das letzte Kapitel abschließend die Symbolik der Körperglieder Herz, Kopf und Hand vermisst, werden noch verschiedene Vorstellungen einer Nutzbarmachung des Leichnams erörtert. Hierzu zählen die Medizinalmumien, als Wunder- und Zaubermittel geächtete Anwendungen, der Einsatz zur Absicherung neu errichteter Gebäude oder der Gebrauch zur Kontamination feindlichen Terrains.

Anvisiertes Ziel der vorliegenden "Leichenstudie" (XIII) ist die Untersuchung zentraler Prinzipien der Konstruktion des mittelalterlichen Leichnams anhand der ihm zugeschriebenen Eigenschaften und Kontextualisierungen. Der tote Körper selbst befindet sich dabei an einer zweifach "liminale[n] Position" (1). 1. Zwischen Leben und Tod, inmitten von An- und Abwesenheit impliziert er die Rückbindung menschlichen Daseins an den Anspruch moralischer Integrität nicht nur im Rahmen einer kontinuierlich im Diesseits wie Jenseits verankerten Existenz, sondern auch hinsichtlich des mit der Person des Lebenden identifizierten Leichnams. 2. Als Untersuchungsobjekt einer Body History pendelt er immanent zwischen den Brennpunkten kultureller Konstruktion und biologisch-materieller Dinglichkeit.

Mühelos entspricht die Arbeit dem Vorsatz, als "erste Handreichung" (4) eine "Gesamtschau" (16) zum Thema anbieten zu wollen. Sie füllt hierbei eine Forschungslücke, indem sie thematisch oder fachlich benachbarte Studien - etwa zu den Rites de passage, über die Ars moriendi, die Memoria, den Reliquienkult, die Hinrichtung oder die Sepulkralkultur - bündelt, ergänzt und eventuell korrigiert. Beachtenswert erscheinen weiterhin die Informationsfülle und eine breite Quellenbasis, die umfassende Bibliografie und nicht zuletzt das leserfreundliche Resümee jeden Kapitels.

Anzumerken bleiben die, wie bereits Michail Bojcov betont [1], asymmetrische Gewichtung der Kapitel mit Fokus auf die Aspekte Konservierung, Sanktionierung und Bestattung wie auch eine Unschärfe der Terminologie "Einbalsamierung", welche sich zusätzlich für die Kategorie der "Leichenschändung" hinterfragen ließe.

Fernab davon handelt es sich um eine in hohem Grad impulsstarke und anschlussfähige Untersuchung, von der weitere Betrachtungen, auch jenseits der an dieser Stelle zeitlich und räumlich gesteckten Grenzen, erheblich profitieren werden.


Anmerkung:

[1] Michail Anatoljewitsch Bojcov: Rezension von Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers, in: MIÖG 124 (2016), 181f.

Katharina Koitz