Rezension über:

Jonas Borsch / Laura Carrara (Hgg.): Erdbeben in der Antike. Deutungen - Folgen - Repräsentationen (= Bedrohte Ordnungen; 4), Tübingen: Mohr Siebeck 2016, X + 278 S., ISBN 978-3-16-154169-8, EUR 59,00
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Rezension von:
Werner Tietz
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Werner Tietz: Rezension von: Jonas Borsch / Laura Carrara (Hgg.): Erdbeben in der Antike. Deutungen - Folgen - Repräsentationen, Tübingen: Mohr Siebeck 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 2 [15.02.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/02/29228.html


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Jonas Borsch / Laura Carrara (Hgg.): Erdbeben in der Antike

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Der Mittelmeerraum ist aufgrund des Zusammentreffens der afrikanischen und der eurasischen Platte eine hochsensible tektonische Zone und hat als solche schon lange mehr Aufmerksamkeit durch die Altertumswissenschaften verdient als gefunden. Die an den Rändern dieser Platten, insbesondere in der Ägäis, auftretenden Erdbeben und der Vulkanismus der Region sind nach dem mediterranen Klima mit heißen, trockenen Sommern und milden, feuchten Wintern wohl die zweitwichtigste natürliche Determinante für alle hier angesiedelten Kulturen. Dies trifft gerade auf die Zentren des 'Klassischen Altertums' auf der italischen Halbinsel und um die Ägäis herum zu, wo Vulkanismus und Erbeben allgegenwärtig sind. Die beiden Herausgeber des vorzustellenden Sammelbandes, bestehend mehrheitlich aus den Vorträgen einer im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs 'Bedrohte Ordnungen' abgehaltenen Tübinger Tagung des Jahres 2014, haben sich also einen Beitrag zu einem wichtigen Thema der Altertumswissenschaften zum Ziel gesetzt, ergänzt um den Wunsch, Anregungen für weitergehende Forschungen zu liefern (S. VII). Beide Ansprüche löst der Band ein; als Kompendium ist er hingegen ausdrücklich nicht zu verstehen. Es geht Borsch und Carrara vielmehr um die interdisziplinäre Kombination des antiken Diskurses mit antiken wie modernen seismologischen Erkenntnissen, um die verschiedenen Reaktionen der Zeitgenossen auf antike Erdbeben zu erklären. Zu beidem bietet der aktuelle Publikationsstand ein zersplittertes Bild, da sich eine Vielzahl von historischen und Naturwissenschaften dem Thema aus ihrem ganz eigenen Blickwinkel nähern. Entsprechend gibt es gleich zwei einführende Kapitel; eines, das einen knappen Überblick zum Forschungsstand in den Altertumswissenschaften gibt und insbesondere die Gefährdung sozialer Ordnungen durch Erdbeben und deren mögliche Ergebnisse betrachtet (Borsch/Carrara), und eines zum naturwissenschaftlichen Verständnis, für das mit großem Gewinn für den Band Emanuela Guidoboni gewonnen werden konnte.

Entsprechend seinem Untertitel ist der Band in drei Blöcke aufgeteilt. Unter der Überschrift 'Deutungen' zeigt zunächst Ulrike Emig ausgehend von der epigraphischen Dokumentation in einem achtseitigen Katalog, dass bei den römischen Weihungen im Umfeld von Erdbeben vor allem der Dank für die Erhaltung der Gemeinschaft und ihrer Strukturen im Vordergrund stand, weniger die Sorge um den eigenen Besitz der Dedikanten (37-59). Darauf folgt ein Beitrag von Stefano Conti, der sich mit Erdbeben im Umfeld des Todes von Herrschern befasst und deutlich macht, dass diesem vorausgehende Beben stets unheilvoll konnotiert sind, darauf folgende aber ambivalenten Charakter besitzen, der sowohl ein vernichtendes göttliches Urteil über den Verstorbenen als auch die gegensätzliche Trauer der Natur über ihn ausdrücken kann (61-72). Hieran schließt Gerhard H. Waldherr an, der die Erdbebenschilderungen christlicher Autoren analysiert (73-92). In der Formierungsphase des Christentums, das Zeitgenossen häufig sogar für Erdbeben und anderen Naturkatastrophen verantwortlich machten, zeigt sich ein breites Deutungsspektrum, das großteils dem paganen entspricht, erweitert aber um die Möglichkeit der positiven Deutung als göttlicher Beitrag zur inneren Festigung der Gemeinde.

Mit den 'Folgen' von Erdbeben befasst sich Teil 2 des Bandes mit fünf Beiträgen. Die Beiträge von Wolfram Martini (95-113) und - mit dem einzigen englisch- und nicht deutschsprachigen Beitrag des Bandes - Dora Katsonopouluou (137-152) umreißen in hier nicht nachzuzeichnender Schärfe, wie sich verschiedene antike Erdbeben im archäologischen Befund niederschlugen. Ebenso archäologisch ausgerichtet ist der Beitrag von Richard Posamentir (115-136), der anhand der nachvollziehbaren Bemühungen um einen Wiederaufbau nach Erdbebenkatastrophen im römischen Osten zeigt, welche urbanistischen und sozialen Chancen solch ein Unglück mit sich bringen konnte. Erdbeben als Chance betrachten schließlich Philipp Deeg zu Nero und Christian Fron zur Rolle des Aelius Aristides als Helfer bei den Erdbeben auf Rhodos und bei Smyrna. Neros lediglich sporadische Hilfe bei Naturkatastrophen erklärt Deeg unter Rückgriff auf das bekannte Selbstbild des Kaisers, der sich der Mythenkonkurrenz verschrieben habe, die derartige Hilfsmaßnahmen nur in seltenen Fällen initiieren konnte (153-171). Anders stilisierte sich Aelius Aristides, wie Fron schlüssig zeigen kann, im Sinne der 'Zweiten Sophistik' als Vermittler zwischen Polis und Kaiser, bei dem die Trauer um das Verlorene vor allem die Rolle hatte, das durch die Hilfe des Kaisers (und des Autors) neu anbrechende Glück zu betonen (173-185).

Der letzte Block widmet sich mit vier Beiträgen den anglisierend 'Repräsentationen' genannten (literarischen) Darstellungen von Erdbeben durch antike Zeitgenossen. Vertreten sind freilich nur die römische Kaiserzeit und die Spätantike, außerdem führt ein äußerst anregender Beitrag von Justine Walter (249-260) vor, welche Gemeinsamkeiten auf dem Gebiet der Erdbebendeutung zwischen der römischen Kaiserzeit und der frühchinesischen Geschichte bestehen. Zwar wurden im Alten China Dynastiechroniken angelegt, die den Hofastronomen ein statistisch wertvolle Grundlage für die Betrachtung von Erdbeben hätten geben können, doch verfallen diese dennoch ebenso oft auf moralische Begründungen für Erdbebenkatastrophen wie ihre römischen Gegenstücke. Zwei der übrigen Beiträge widmen sich Seneca, der in seinen Naturales quaestiones Erdbeben das gesamte sechste Buch einräumt. Claudia Wiener widmet sich dem Grenzgebiet von Philosophie und Metaphysik und arbeitet heraus, wie die pneumatische Theorie des Autors, wonach Erdbeben durch unterirdisch gestaute Luft ausgelöst werden, seinen Lesern den Zusammenhang von Luft, Bewegung und Wandel nahebringen soll, der zunächst zum Tod führen kann, letztlich aber das Leben ausmacht. Auf diese Weise, so Wiener, habe Seneca seine Zeitgenossen von der Angst vor Erdbeben befreien wollen (189-208). Etwas anders sieht Antje Wessels dasselbe Buch. Auch sie verweist auf das Ziel des Autors, Ängste vor Unerklärtem zu überwinden, sieht das hauptsächliche Ziel Senecas aber in der Akzeptierung jederzeit möglicher Katastrophen durch seinen Leserkreis, welche die Voraussetzung geistiger Souveränität dem Unglück gegenüber sei (209-224). Der Beitrag von Carlo Franco ist eine Studie über den Bericht des Libanios zum Erdbeben in Nikomedia von 358 n.Chr. Aus dieser entwickelt er eine Geschichte vom Niedergang der Stadt im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts, der es aus mehrerlei Gründen nicht mehr gelang, die verschiedenen Brüche im städtischen Leben zu flicken.

Auf ein Fazit haben die Herausgeber verzichtet. Am Ende des Bandes stehen sorgfältig erstellte, knappe Register zu Personen, Orten und Sachen. Der Band insgesamt kann als echtes Referenzwerk zum Thema gelten und sollte in keiner wissenschaftlichen Bibliothek fehlen. Die einzelnen Aufsätze sind nahezu durchweg ein Gewinn für den Forschungsstand.

Die wenigen hier vorzubringenden Kritikpunkte betreffen vor allem das Konzept und die letztliche Herstellung des Bandes. Die einzelnen Beiträge sind sprachlich unterschiedlich gut gelungen, und ein gemeinsames Literaturverzeichnis hätte die Benutzung etwas einfacher gemacht. Sehr verdienstvoll ist dagegen, dass sich Borsch/Carrara die Mühe gemacht haben, ein Stellenregister der literarischen Quellen anzulegen.

Dass einige wichtige Lücken bleiben, so etwa eine gründliche Aufarbeitung des Wiederaufbaus nach Erdbeben oder überhaupt eine gleichmäßige Behandlung der Themen durch Einzelbeiträge, liegt bei einem Kongressbericht leider in der Natur der Sache, zumal in diesem Fall das Grundkonzept der 'Bedrohten Ordnungen' nicht geeignet ist, alle Aspekte von Erdbeben gleich zu gewichten. Wer ein Kompendium zu Erdbeben in der Antike sucht, muss sich weiterhin mit dem disparaten Publikationsstand abfinden. [1] Hier Abhilfe zu schaffen, war aber auch nicht das Ziel, wie der Untertitel des Bandes "Deutungen - Formen - Repräsentationen" deutlich macht, dem dieser voll und ganz gerecht wird.


Anmerkung:

[1] Methodisch meist streng getrennt finden sich die Titel zu antiker Deutung und Wahrnehmung einer- (z.B. Gerhard H. Waldherr: Erdbeben - das außergewöhnliche Normale. Zur Rezeption seismischer Aktivitäten in literarischen Quellen vom 4. Jahrhundert v.Chr. bis zum 4. Jahrhundert n.Chr., Stuttgart 1997 und Erhard Oeser: Historische Erdbebentheorien von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Abhandlungen der Geologischen Bundesanstalt 58, Wien 2003) und zu naturwissenschaftlicher und realhistorischer Erklärung und Kontextualisierung andererseits (z.B. Andreas Ranft/Stephan Selzer (Hgg.): Städte aus Trümmern. Katastrophenbewältigung zwischen Antike und Moderne, Göttingen 2004, sowie die beeindruckende, naturwissenschaftlich orientierte Monographie zu den seismischen Aktivitäten im antiken Mittelmeerraum von Emanuela Guidoboni: I terremoti prima del mille in Italia e nell'area mediterranea, Bologna 1990).

Werner Tietz