Rezension über:

Peter Richard Pinard: Broadcast Policy in the Protectorate of Bohemia and Moravia. Power Structures, Programming, Cooperation and Defiance at Czech Radio 1939-1945 (= Prager Schriften zur Zeitgeschichte und zum Zeitgeschehen; Bd. 8), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2015, 388 S., ISBN 978-3-631-66200-7, EUR 69,95
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Rezension von:
René Küpper
Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
René Küpper: Rezension von: Peter Richard Pinard: Broadcast Policy in the Protectorate of Bohemia and Moravia. Power Structures, Programming, Cooperation and Defiance at Czech Radio 1939-1945, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/29557.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Peter Richard Pinard: Broadcast Policy in the Protectorate of Bohemia and Moravia

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Die hier zu besprechende, aus einer Dissertation hervorgegangene Studie behandelt mit der Rundfunkpolitik einen im Gegensatz zur Pressepolitik bisher noch nicht hinreichend erforschten Teilbereich der nationalsozialistischen sog. Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren. Als Mitarbeiter von Radio Free Europe / Radio Liberty in Prag versteht Peter Richard Pinard selbst etwas vom Radiomachen, und die Studie profitiert davon, dass er Qualität und potenzielle Resonanz der wenigen erhaltenen Skripte einschätzen kann. So macht er zum Beispiel plausibel, warum die "Militärpolitischen Betrachtungen" von Emanuel Moravec, dem exponiertesten tschechischen Kollaborateur und Propagandisten der Besatzer, schon in ihrem Zuschnitt und der Art ihres Vortrags nicht radiotauglich waren.

Die Studie stellt die Rundfunkpolitik im Protektorat in den breiteren Kontext der Ziele und Methoden der dortigen Besatzungspolitik, die durch den Sonderstatus des angeblich autonomen Protektorats sowie den ab 1942 für das Reich zunehmend ungünstigen Kriegsverlauf modifiziert wurde. Auch die Ausgangslage in der "Zweiten Republik" zwischen Münchner Abkommen und deutschem Einmarsch wird erläutert, weil bereits hier politische Säuberungen vorgenommen und Kontrollmechanismen geschaffen wurden, an welche die Besatzer dann anknüpfen konnten. Vorgestellt werden die Akteure sowohl auf der Seite des Tschechischen Rundfunks (Český rozhlas) wie auch der Besatzer, wo die Abteilung IV (Kultur) der Behörde des Reichsprotektors auch für die Rundfunklenkung und -zensur zuständig war. Der Verfasser zeichnet die Interaktion der betreffenden Akteure anhand deutscher Akten sowie von Dokumenten aus den Nachkriegsprozessen tschechoslowakischer Gerichte gegen "Verräter und Kollaborateure" nach. Sorgfältig wird zwischen passivem Widerstand, Kooperation, Kollaboration aus ideologischer Überzeugung oder Opportunismus unterschieden. Vorgestellt wird etwa der nach dem Krieg hingerichtete tschechische Faschist Alois Kříž, dessen tschechischer, wüst antisemitischer Sendung "Co víte o Židech?" (Was wissen Sie über die Juden?) gegen sehr gute Bezahlung ziemlich viel Sendezeit eingeräumt wurde. Bemerkenswerterweise propagierte Kříž hier bereits im November 1941, als die ersten Judendeportationen aus Reich und Protektorat anliefen, offen deren notwendige "Ausrottung" (204).

Im Mittelpunkt der Studie steht die Analyse der Inhalte des tschechischen Rundfunks anhand von Programmzeitschriften wie Týden rozhlasu (Rundfunkwoche). Verständlicherweise konnten nicht die gesamten sechs Jahre deutscher Besatzung ausgewertet werden, als Sonde ausgewählt wurden die Kalenderwochen 9 der Jahre 1939 (als Ausgangssituation unmittelbar vor der Besatzung), 1942 und 1945 sowie 48 der Jahre 1939-1944. Diese einleuchtende Auswahl schließt Wochen mit staatlichen und sonstigen Feiertagen sowie die übliche Urlaubsperiode im Sommer aus, um das Alltagsprogramm zu treffen. Die ausgewählten Wochen werden unter den Aspekten Sendezeit, regionale Herkunft der Sendungen, Programmstruktur (wieviel Musik, Politik, gruppenspezifische Sendungen, hier beispielhaft für Arbeiter), Anteil deutscher Komponisten an der gesendeten Musik, Anteil deutschsprachiger Sendungen sowie "Germanization/Nazification Factor" (GNF) untersucht. Darunter summiert der Verfasser den Anteil von Musik deutscher Komponisten, deutschsprachigen Sendungen sowie prodeutschen beziehungsweise pronazistischen Sendungen an der Gesamtsendezeit.

Der Verfasser unterscheidet zwei Phasen der Rundfunkpolitik im Protektorat. Bis zum Herbst 1941 konnte das professionelle tschechische Radiopersonal die Germanisierung des Rundfunks in gewissen Grenzen halten, auch, weil die deutsche Seite die Fassade der tschechischen Kulturautonomie noch aufrechterhalten wollte. Das zahlenmäßig geringe, zudem unqualifizierte deutsche beziehungsweise sudetendeutsche Kontrollpersonal war zu einer effektiven Kontrolle nicht fähig. Pinard betont deshalb zu Recht die offenbar "very low priority" (353) der Rundfunklenkung im Protektorat. Die deutschen Kontrolleure und Zensoren gewannen 1941 zeitweise großen Einfluss auf die Programmgestaltung und verdienten gut an selbstgeschriebenen Kommentaren.

Mit der Einsetzung des Reichssicherheitshauptamt-Chefs Reinhard Heydrich als Stellvertretender Reichsprotektor trat um die Jahreswende 1941/42 ein "Interregnum" (249) und personelles Revirement ein. Mit Überleitungskommissar Hanns-Otto Fricke und ab Ende März 1942 bis zum Kriegsende Ferdinand Thürmer wurden erst jetzt, nach drei Jahren Besatzung, hochrangige reichsdeutsche Radioprofis ins Protektorat entsandt. Der Verfasser kennzeichnet das "Interregnum" aufgrund des deutlichen Anstiegs nazistischer Sendungen in tschechischer wie in deutscher Sprache als "tsunami flooding the Protectorate's ether" (263) mit NS-Propaganda, in dem der GNF in der ersten Märzwoche 1942 einen Höchststand von 47,3 Prozent der Gesamtsendezeit erreichte. Thürmer professionalisierte ab März 1942 die Rundfunkpolitik der nun aus dem "Reichssender Böhmen" und dem "Tschechischen Rundfunk" gebildeten "Sendergruppe Böhmen". Er suchte die tschechischen Radiomitarbeiter durch die Entfernung der verhasstesten deutschen Zensoren, durch eine bessere Bezahlung sowie ein betont freundliches Auftreten zu motivieren. Durch eine Gebührenerhöhung sowie die deutliche Reduzierung von Bezahlung und Sendezeit tschechischer Kollaborateure wie Josef Oplustil, dem Autor der niveaulosen "Politischen Sketche", wurde der Rundfunk saniert, die Einsetzung deutscher Abteilungsleiter im Tschechischen Rundfunk legte die Kontrolle in die Hände von Radioprofis und wahrte den Schein, es handle sich um ein tschechisches Kulturinstrument. Thürmer suchte das Niveau der Sendungen zu heben, fuhr den Anteil offen politischer Sendungen etwas und den Anteil plumper Propaganda in tschechischer Sprache stark zurück. Diese Professionalisierung fand die volle Zustimmung seiner Vorgesetzten in Prag wie in Berlin.

Im Zuge des "totalen Krieges" kam es zu Konzessionen an die für die deutsche Rüstungsproduktion so wichtigen tschechischen Arbeiter, indem zum Beispiel im März 1943 im "Arbeiterrundfunk" eine Sendung für "Grüße an die tschechischen Arbeiter im Reich" eingeführt wurde. In den Jahren 1943 bis 1945 blieb der Anteil offen politischer Sendungen auf dem 1942 etwas zurückgefahrenen Level. Der GNF war im Februar 1945 nur geringfügig niedriger als im November 1941, allerdings waren die Sendungen nun sachlicher und zum Beispiel für die wichtige Zielgruppe der Arbeiter praktischer und informativer ausgerichtet. So dürften größere Teile der tschechischen Bevölkerung eher zu erreichen gewesen sein als mit den primitiven, oft vulgären Formaten deutscher Nazis und tschechischer Faschisten, die, obwohl Dilettanten, zwischen 1941 und Frühjahr 1942 nach der Entfernung von bis dahin erfolgreich retardierend wirkenden tschechischen Radioprofis aus leitenden Positionen vorübergehend den Rundfunk dominiert hatten. Wenig überraschend kommt der Verfasser zu dem abschließenden Urteil, dass die Beeinflussung der tschechischen Bevölkerung im Sinne der Besatzer "failed utterly" (355), ebenso der Versuch, Edvard Beneš und die tschechoslowakische Exilregierung in London zu diskreditieren. Was die NS-Rundfunkpolitik aber erreichte, ist der Anstieg amtlich registrierter Radiogeräte während der Besatzung um über eine Million, also 48 Prozent, bis zum 31. Dezember 1944, auch infolge der bewusst niedrig gehaltenen Gebühren, die um 25 Prozent unter den reichsdeutschen lagen.

Die gut geschriebene Studie füllt eine wichtige Lücke in den Forschungen zur NS-Kulturpolitik im Protektorat; ähnliche Studien zu anderen besetzten beziehungsweise annektierten Gebieten könnten eine neue vergleichende Perspektive auf die NS-Besatzungspolitik in Europa eröffnen.

René Küpper