Rezension über:

Marie-Claire Beaulieu: The Sea in Greek Imagination, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2016, X + 267 S., 27 s/w-Abb., ISBN 978-0-8122-4765-7, GBP 52,00
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Rezension von:
Raimund Schulz
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Raimund Schulz: Rezension von: Marie-Claire Beaulieu: The Sea in Greek Imagination, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/28352.html


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Marie-Claire Beaulieu: The Sea in Greek Imagination

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Das Meer spielte im Verlauf der griechischen Geschichte eine herausragende Rolle, sei es als Transfer- und Verbindungsraum von Handel, Kolonisation und Exploration, als Betätigungsfeld von Feldherrn und Piraten, als Herrschaftsobjekt und immer wieder als Ort individueller Freiheit und Bewährung. Die Forschung hat zu all diesen Aspekten inzwischen eine Fülle von Studien vorgelegt, wobei nach wie vor und zumal im angloamerikanischen Bereich die militärpragmatischen, außenpolitischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge im Vordergrund des Interesses stehen. Weniger behandelt wurde die eigentlich naheliegende Frage, welche Rückwirkungen der dauerhafte Kampf mit und auf dem nassen Element auf die Mentalität der Zeitgenossen hatte und wie sich diese aus den Quellen herausarbeiten lassen. Dies ist zugegeben ein methodisch nicht einfaches Geschäft, weil es auf sehr behutsame Weise gattungsspezifische, diskursanalytische und literaturwissenschaftliche Kriterien mit der klassischen historischen Interpretationskunst verbinden muss.

Das vorliegende Buch möchte die Rolle des Meeres im mythologischen Denken herausarbeiten, um von hier aus Rückschlüsse zu ermöglichen auf die Bedeutung des Meeres in der Vorstellungswelt (Imagination) der Griechen. Einen stark kondensierter Überblick über "the sea in Greek literature and culture" bieten die Seiten 13-16 (wobei auch exploratorische, geographische und ethnographische Perspektiven kurz abgehandelt, aber nicht vertieft werden). Die Autorin selbst wählt eine strukturalistische Methode, wie sie im angloamerikanischen Bereich besonders Carol Dougherty bei der Analyse kolonialer Gründungsmythen und neuerdings bei der "ethnographischen" Deutung der Odyssee angewandt hat. [1] Ausgangspunkt auch des vorliegenden Werkes ist die Annahme, dass inhaltlich vergleichbare mythische Erzählungen auf gemeinsamen Strukturelementen basierten. Sie manifestieren sich in sechs thematischen Aspekten, die in Form von case studies auch die Grobgliederung des Buches bestimmen: nämlich in der Rolle des Meeres als Brücke zur Unsterblichkeit und Verbindung zwischen sterblicher und göttlicher Welt (21-58); in der Überquerung des Meeres als Voraussetzung für die Erringung männlicher (politischer) Führungspositionen (Jason, Perseus, Theseus, 59-89) bzw. als ultimativer Weg von Frauen, sich Heirat und Sexualität und damit den Normen der Polisgesellschaft zu entziehen (90-118); in der Funktion des Delphins als Vermittler zwischen Leben, Tod und göttlichem Willen (zumal des Apollon; 119-144 mit einer originellen Interpretation der Arionsgeschichte); im Eintauchen in das Meer als eine Form der Nekyia sowie die hiermit verbundenen initiatorischen Wandlungen und körperlichen Verwandlungen (145-166) und schließlich in der mit dem Dionysosmythos (und seinem "Abenteuer" mit den tyrrhenischen Piraten) einhergehenden Vorstellung, wonach die mythische Begegnung mit dem Meer und ihren existenziellen Gefahren situative oder endgültige Übergangsszenarien zwischen Leben und Tod durchspielt (167-187).

Hinter all diesen Ausdeutungen steht die uralte, in den Nahen Osten hineinreichende Auffassung vom Meer als einem rätselhaften Naturraum extremer Ambivalenzen: Als Ort des Schreckens und der Hoffnung, als Element des Uranfangs und Vergehens und immer auch als Symbol der ungeheuerlichen Weite, die für den Menschen unfassbar bleibt und nur den Göttern zugänglich ist. Immer wieder bildet das Meer einen Transferraum, die im Meer lebenden Wesen sind sowohl Vermittler als auch Repräsentanten verschiedener Existenzformen und Wirklichkeiten (vgl. Conclusion 189 ff.); auch die Götter sind eingebunden in die Polarität des maritimen Elements: Poseidon steht für die elementare Gewalt der See und des Erdinneren, während Athena die Helden und Heldinnen begleitet auf ihren Wegen von einem Zustand zum anderen. Andere dienen als Warner und Wegweiser.

Mitunter mag das intellektuelle Vergnügen am Aufdecken strukturaler Botschaften etwas über das Ziel hinausgeschossen sein und andere Deutungsperspektiven unterdrückt haben; die Analyse spielt sich zudem auf einer relativ abstrakten, intertextuellen Ebene ab, was (häufig wünschenswerte) Verbindungen zu den sozialen und historischen Kontexten erschwert. So wird leider die anfangs (3-9) aufgeworfene Frage, wie sich die "imaginary models" zu den realen Endeckungsunternehmungen der Griechen etwa im Atlantik verhält, später nicht mehr aufgenommen, obwohl hier manch interessante Einsichten auch in Bezug auf die Struktur der so schwierig zu interpretierenden Periploi und Herodottexte zu erwarten wären. Ferner hätte man doch gerne gewusst, inwieweit sich die an sich sehr originellen und instruktiven "Entdeckungen" der Autorin zum Beispiel in Bezug auf die toposartigen Rollenmuster, die Männern und Frauen in den maritimen Erzählungen der Mythen mit dem verbinden lassen, was wir über die realen Vorstellungswelten und sozialen Werte archaischer und klassischer Poleis wissen, ob wir es hierbei eher mit typisch aristokratischen oder "kommunalen" Idealen zu tun haben und wie sich überhaupt das in den Mythen gezeichnete Bild zu anderem Literaturgattungen (etwa dem des antiken Romans) verhält.

Das wäre freilich ein recht weites Feld, das wohl in der Gesamtschau die Dimension einer stringenten Monographie sprengen würde. Immerhin - und das ist ja auch ein gutes Zeugnis für das vorliegende Werk - laden die durchweg überzeugenden Einzelanalyen zu solchen Weitungen ein und provozieren Anschlussforschungen. Das entscheidende Verdienst des sorgfältig erarbeiteten Buches bleibt in jedem Falle gültig. Es besteht darin, einen mutigen Blick hinter die maritimen Kulissen der großen und kleinen Mythen geworfen und durch häufig überraschende Einzelinterpretationen aufgezeigt zu haben, wie tief und ausdauernd die permanente Auseinandersetzung mit dem nassen Element die Mentalität der Griechen und ihre mythische Weltdeutung geprägt haben.


Anmerkung:

[1] Carol Dougherty: The Poetics of Colonization. From City to Text in Archaic Greece, New York / Oxford 1993; Carol Dougherty: The Raft of Odysseus. The Ethnographic Imagination of Homer's Odyssey, Oxford 2001.

Raimund Schulz