Rezension über:

Petra Sondermann / Alfred G. Smieszchala (Hgg.): Heinrich Schilking. Ein westfälischer Maler des 19. Jahrhunderts, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2015, 160 S., 203 Farb-, 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-7319-0311-6, EUR 29,95
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Rezension von:
Wolfgang Vomm
Bergisch Gladbach
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Vomm: Rezension von: Petra Sondermann / Alfred G. Smieszchala (Hgg.): Heinrich Schilking. Ein westfälischer Maler des 19. Jahrhunderts, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/28314.html


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Petra Sondermann / Alfred G. Smieszchala (Hgg.): Heinrich Schilking

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Seit Ende der 1970er-Jahre haben umfangreiche Übersichtsausstellungen die herausragende Bedeutung der Düsseldorfer Malerschule für die Entwicklung der deutschen, aber auch europäischen und amerikanischen Malerei deutlich gemacht. Zuletzt war es die groß angelegte Düsseldorfer Ausstellung "Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819-1918", die 2011 die Wirkung dieser rheinischen Akademie eindrucksvoll herausstellte. Parallel hierzu haben nicht weniger ambitionierte Einzelausstellungen in Karlsruhe, Jülich, Düsseldorf, Bergisch Gladbach und anderen Orts versucht, den Blick auf das Detail zu lenken und das Werk einzelner Künstler näher zu beleuchten. Besondere Beachtung wurde hierbei - gemäß ihrer Dominanz - der Landschaftsmalerei geschenkt, die mit der 1829 erfolgten Aufnahme der Lehrtätigkeit des aus Jülich stammenden Johann Wilhelm Schirmer einen ungeahnten Aufschwung nahm. Zunächst als Hilfslehrer, dann ab 1839 als Professor für Landschaftsmalerei an der Düsseldorfer Akademie und schließlich ab 1855 als Direktor der neu gegründeten großherzoglichen Kunstschule in Karlsruhe verhalf er diesem zuvor wenig geschätzten Fach zum internationalen Durchbruch. Sein außerordentlicher Erfolg lässt sich an der großen Zahl von über 300 Schülern ablesen, zu denen beispielsweise Andreas Achenbach, Hugo Becker, Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach, Hans Frederik Gude, Caspar Scheuren und Georg Saal gehören.

Einer seiner vielen Schüler war Heinrich Schilking aus dem westfälischen Warendorf. Ihm wurde 2015/2016 anlässlich seines 200. Geburtstages im Rathaus und im Stadtmuseum seiner Vaterstadt eine Ausstellung ausgerichtet. Zu dieser Ausstellung erschien die vorliegende, 160 Seiten umfassende, großzügig farbig illustrierte Begleitpublikation. Ausstellung und Katalog wurden von Petra Sondermann und Alfred G. Smieszchala kuratiert. Zunächst ausgehend von lokalhistorischem Interesse, haben beide zehn Jahre lang das Leben und Werk dieses weitgehend unbekannten und selbst in seiner Heimat fast vergessenen Künstlers erforscht. Ihrer hartnäckigen Recherche verdanken wir die erfreuliche Tatsache, dass die Biografie des Künstlers konkrete Konturen annahm und auch sein weit verstreutes und bzw. verschollenes Œuvre zu großen Teilen aufgefunden und in einem beeindruckenden Werkverzeichnis von knapp 200 Nummern zur Anschauung gebracht werden konnte. Geht schon allein dieses Werkverzeichnis bei Weitem über das Wenige hinaus, was wir heute von den meisten Schirmer-Schülern wissen, so steigert der Abdruck der Selbstbiografie und der Korrespondenz mit Künstlerkollegen den dokumentarischen Wert dieser Veröffentlichung. In einem kleinen Beitrag von Fred Kaspar über Schilkings Elternhaus wird die lokale und soziale Einbindung der Familie des Künstlers herausgestellt, während Marcell Perse (Museum Zitadelle, Jülich) als profunder Kenner Schirmers und seiner Schule den Bogen von Warendorf nach Düsseldorf und der dortigen preußischen Kunstakademie schlägt, an der Schilking 1835 seine Ausbildung aufnahm. Schirmer und Carl Friedrich Lessing waren hier seine Lehrer. In seinem kunsthistorischen Beitrag referiert Perse die Ausbildungspraxis in der Landschafterklasse. Er stellt die Charakteristika der oft eigentümlich zwischen unmittelbarer Naturbeobachtung und Idealisierung schwankenden Schirmerschen Kunst heraus. Neben seiner manchmal das Altmeisterliche streifenden Detailmalerei wirken Schilkings Bilder unbekümmerter und weniger kultiviert, dafür aber frisch und lebensvoll. Es wird deutlich, dass die Düsseldorfer Landschaftsmalerei nicht unbedingt auf eine Vereinheitlichung der Individualstile abzielte, sondern eher einen allgemeinen Nährboden darstellte, der, das unmittelbare Naturstudium als selbstverständlich voraussetzend, persönliche Neigungen und Talente durchaus gelten ließ und förderte.

Schirmer hat die künstlerischen Leistungen Schilkings nicht sehr hoch geschätzt, was seiner Karriere nicht unbedingt abträglich war. 1841 verließ er die Düsseldorfer Akademie und setzte 1843/44 seine Ausbildung an der Kgl. Akademie zu Antwerpen fort. 1845 ist er wieder in Düsseldorf und nimmt fortan immer wieder an Ausstellungen teil. 1848 gehört er mit zu den Gründern des Malkastens, um schließlich 1851 nach Braunschweig überzusiedeln. Hier wird er mehrfach vom Herzog von Braunschweig beauftragt. 1869 avanciert er zum Zeichenlehrer der Großherzogin von Sachsen-Altenburg in Oldenburg. 1870 wird er zu ihrem Hofmaler ernannt. Bis zu seinem Tod 1895 lebt er abwechselnd in Oldenburg und Düsseldorf.

Wenngleich Schilkings Landschaften qualitativ nicht aus der unübersehbaren Masse Düsseldorfer Landschaftsbilder herausragen, ist eine ausführliche Würdigung seines Lebensganges und seiner künstlerischen Gesamtleistung wie die vorliegende sinnvoll und nützlich. Man muss den Autoren für ihre Initiative und ihre Bemühungen nicht nur deshalb dankbar sein, weil sie die westfälische Regionalgeschichte um interessante kulturhistorische Aspekte erweitert haben, sondern weil sie zugleich exemplarisch vorgeführt haben, wie derartige Forschungen auch für unser Wissen um die Wirkung der Düsseldorfer Schule fruchtbar und notwendig sind. Sie erweitern ihr Bild, machen es mehrschichtig. Mögen weitere ambitionierte Arbeiten diesen Zuschnitts folgen.

Wolfgang Vomm