Rezension über:

Michael Goebel: Anti-Imperial Metropolis. Interwar Paris and the Seeds of Third World Nationalism, Cambridge: Cambridge University Press 2015, XIII + 344 S., ISBN 978-1-107-07305-0, GBP 77,00
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Rezension von:
Jürgen Dinkel
Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Amit Das Gupta
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Dinkel: Rezension von: Michael Goebel: Anti-Imperial Metropolis. Interwar Paris and the Seeds of Third World Nationalism, Cambridge: Cambridge University Press 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/27577.html


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Michael Goebel: Anti-Imperial Metropolis

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Warum gewannen anti-imperiale Ideen in der Zwischenkriegszeit an Überzeugungskraft? Warum entstanden in den 1920er- und 1930er-Jahren weltweit anti-imperiale Bewegungen, oder gewannen bestehende an Dynamik? Und in welchen Kontexten entwickelten Akteure aus Asien, Afrika und Lateinamerika in der Zwischenkriegszeit ihre antiimperialen und nationalen Ideologien? Diesen Fragen geht Michael Goebel, Professor für Global- und Lateinamerikanische Geschichte an der FU Berlin, in seiner lesenswerten und anregenden Habilitationsschrift nach. Zu deren Beantwortung untersucht er das Alltagsleben und die politischen Aktivitäten von Migranten und Antiimperialisten aus Asien, Afrika und Lateinamerika im Paris der Zwischenkriegszeit. Der analysierte Raum ist geschickt gewählt, da die französische Hauptstadt zu diesem Zeitpunkt einen Knotenpunkt globaler Migrationsströme darstellte. Personen und Ideen aus allen Weltregionen gelangten nach Paris, und von Paris aus wieder zurück in alle Winkel der Erde.

Die Studie ist in acht Kapitel gegliedert. Gestützt auf eine beeindruckende Quellenbasis analysiert Goebel im ersten, aus welchen außereuropäischen Regionen Personen nach Paris migrierten und den Umfang dieser Migrationsströme. Im folgenden Kapitel untersucht er die städtischen Räume, in denen sich Migranten bewegten und das Alltagsleben der Migranten. Daran anschließend werden die Gründe für deren Politisierung herausgearbeitet. In weiteren Kapiteln wird dann sowohl nach den Interaktionen zwischen verschiedenen Migrantengruppen als auch nach Interaktionen zwischen Migrantengruppen und französischen Sozialisten beziehungsweise Kommunisten gefragt. Im siebten Kapitel arbeitet Goebel heraus, wie sehr Paris als Ort der Französischen Revolution sowie die Sprache der Französischen Revolution zur Versprachlichung antiimperialer Ideologien beigetragen haben. Abschließend geht er den Ursachen für die Ausbildung und das Erstarken von Nationalismen in einzelnen Gruppierungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika nach.

Den bisherigen Forschungsstand zu antikolonialen Bewegungen und zum Erstarken antikolonialer Ideen in der Zwischenkriegszeit ergänzt und erweitert Goebel in mehrerlei Hinsicht: So wird in der bisherigen Forschung die globale Verbreitung antikolonialer Ideen in den 1920er-Jahren häufig ideengeschichtlich erklärt. Unter anderem wird sie auf die Äußerungen einiger einflussreicher Politiker wie Wladimir I. Lenin oder Woodrow Wilson zurückgeführt. Demgegenüber hebt Goebel die langfristigen sozial- und alltagsgeschichtlichen Erfahrungen außereuropäischer Migranten in Paris als wichtige Ursache für deren Politisierung hervor. So wohnten diese häufig in denselben Pariser Vierteln und besuchten dieselben Imbissbuden, Bars und Restaurants, wodurch sie miteinander in Kontakt kamen. Zudem machten die Migranten insgesamt ähnliche Erfahrungen sozialer Diskriminierung. Diese Erfahrungen und der enge Kontakt zu anderen Benachteiligten führten wiederum dazu, dass Migranten zahlreiche (Hilfs-)Komitees und Vereine gründeten. Diese dienten zunächst hauptsächlich der sozialen Unterstützung von neu angekommenen Einwanderern, von arbeitslosen Migranten oder von Veteranen aus den Kolonien, die vom französischen Staat nur unzureichend versorgt wurden. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten sich die Treffen dieser Komitees und Vereine dann allerdings zu Zentren antiimperialer Aktivitäten. Die permanente Diskriminierung von Migrantengruppen aus der nichtwestlichen Welt durch den französischen Staat führte dazu, dass viele Aktivisten ihr soziales Engagement um ein politisches ergänzten. In vielen Fällen sahen sie in einer Veränderung des politischen Systems die einzige Möglichkeit, ihre soziale Position zu verbessern. Die Politisierung außereuropäischer Migranten im Paris der Zwischenkriegszeit, so Goebels These, resultierte vor allem aus konkreten alltäglichen Diskriminierungserfahrungen sowie aus der Solidarisierung verschiedener benachteiligter Gruppen.

Des Weiteren nimmt Goebel eine Neubewertung der Komintern und der Kommunistischen Partei Frankreichs innerhalb der verschiedenen antiimperialen Netzwerke der Zwischenkriegszeit vor. Hierfür arbeitet er zunächst detailliert heraus, dass die KP Frankreichs in materieller Hinsicht zwar den wichtigsten Verbündeten für antiimperiale Gruppierungen darstellte. Auf lokaler Ebene lässt sich allerdings kaum sinnvoll eine klare Grenze zwischen Kommunistischer Partei, Komintern und antiimperialen Gruppierungen ziehen. Viele außereuropäische Aktivisten - wie M.N. Roy, Zhou Enlai oder Nguyen Ai Quoc (Ho Chi Minh) - waren parallel in kommunistischen und antiimperialen Organisationen aktiv und beeinflussten dadurch sowohl die Politik von nominell kommunistischen und nominell antiimperialen Vereinigungen. Es spricht daher viel dafür, Goebels Vorschlag zu folgen und lokale kommunistische und antiimperiale Organisationen zukünftig weniger als gegensätzlich zu verstehen, sondern als sich ergänzende Vereinigungen. Innerhalb dieser Netzwerke präferierten einzelne Akteure je nach Situation entweder die eine oder die andere Organisationsform zur Durchsetzung ihrer Interessen.

Schließlich wendet sich Goebel gegen eine zu starke Kontrastierung von engeren nationalen Ideologien und weiteren, integrativeren antiimperialen Ideologien (inklusive der verschiedenen Pan-ismen der Zwischenkriegszeit). Stattdessen argumentiert er, dass antiimperiale Akteure in der Zwischenkriegszeit nationale und umfassendere regionale Ideologien als sich ergänzende politische Konzeptionen ansahen, und sich je nach Situation und Publikum stärker auf das eine oder das andere Referenzsystem bezogen. Dies wiederum - so Goebel - prägte langfristig den Verlauf der Dekolonisierung. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Streben nach einem eigenen Nationalstaat in dem Maße wahrscheinlicher, indem sich die Errichtung von territorial übergreifenden Gebilden als unrealisierbar herausstellte. Die Entstehung von postkolonialen Staaten in Asien und Afrika war daher nicht ausschließlich das Ergebnis von Entwicklungen, die nach 1945 einsetzten. In ihren Grundzügen war sie schon in den dichten antiimperialen Netzwerken der Zwischenkriegszeit sowie in den Äußerungen herausragender Antiimperialisten angelegt und angedacht.

Bei einem Buch, das versucht, sämtliche Gruppierungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika im Paris der Zwischenkriegszeit in den Blick zu nehmen, bleiben schon fast zwangsläufig Fragen offen. So überzeugt der Versuch, all diese Akteure als Antiimperialisten zu fassen, nicht durchgehend. Insbesondere Migranten aus Lateinamerika stammten - wie Goebel selbst deutlich macht - aus souveränen Ländern und wurden weniger diskriminiert. Sie besaßen sowohl in materieller Hinsicht als auch aufgrund ihres politischen Status einen Handlungsspielraum, der sich deutlich von dem anderer Gruppierungen aus Asien und Afrika unterschied, und über dessen Ausnutzung der Rezensent gerne mehr erfahren hätte. Andererseits kann man aber auch betonen, dass es Goebel in kluger Weise gelingt, einen in alle Weltregionen ausfransenden Untersuchungsgegenstand klar zu konturieren. Seine anregenden, empirisch dicht belegten und überzeugenden Thesen verdienen im hohen Maße die Aufmerksamkeit von Historikerinnen und Historikern, die zur Stadtgeschichte, zur Migrationsgeschichte, zu transnationalen Organisationen sowie zur Dekolonisierung arbeiten.

Jürgen Dinkel