Rezension über:

Florian Neukirchen: Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden. Eine kurze Geschichte der Metalle, Heidelberg: Springer Spektrum 2016, X + 167 S., ISBN 978-3-662-49346-5, EUR 24,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jens Benicke
Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Jens Benicke: Rezension von: Florian Neukirchen: Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden. Eine kurze Geschichte der Metalle, Heidelberg: Springer Spektrum 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/29518.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Florian Neukirchen: Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden

Textgröße: A A A

Florian Neukirchen knüpft in seiner "kurzen Geschichte der Metalle" an große Vorbilder an. Schon Homer, Hesiod und Ovid verbanden die Geschichte der Menschheit mit den Metallen, die zu den damaligen Zeiten verwendet wurden. Hesiod systematisierte die Weltalter der Antike in die fünf Menschengeschlechter: Goldenes, Silbernes, Bronzenes, Heroisches und Eisernes Geschlecht [1]. Und auch heute noch werden einzelne Epochen nach Metallen benannt, wie die Kupfersteinzeit, das Chalkolithikum (Kupferzeit), die Bronzezeit und die Eisenzeit belegen. Metalle spielen also in der Geschichte der Menschheit eine zentrale Rolle. Der Autor kommt deshalb zu dem zutreffenden Befund: "Die Geschichte der Menschheit ist damit nicht nur eine Geschichte von Herrschern, Monumenten, Kriegen und Revolutionen, sondern zugleich eine Geschichte der Metallurgie." (1) Folgerichtig sind die ersten Kapitel des Buches deshalb auch nach Metallen unterteilt ("Das erste Kupfer" und "Bronzezeit"). Kapitel 3, die Antike, stellt dann den Übergang in die Zeit dar, in der nicht mehr ein Metall alleine dominierte, sondern in der verschiedenste Metalle genutzt wurden ("Vom ersten Eisen zur Antike"). Dies trifft noch stärker auf die letzten beiden Kapitel zu ("Mittelalter und Renaissance" und "Industrielle Revolution und Hightech"). Das Buch verbindet die naturwissenschaftliche Ebene der Metallurgie mit geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen über die Auswirkungen der Metallbearbeitung auf die jeweiligen Gesellschaften.

Die Beschreibung setzt mit den ältesten bekannten Metallartefakten ein, die aus dem 9. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung stammen und an mehreren Orten in der heutigen Türkei und im Irak entdeckt wurden. Diese Artefakte wurden noch aus natürlich auftretenden Metallen erstellt. Erst zwei Jahrtausende später begann mit der bewussten technologischen Verwendung von Feuer, zuerst in der Keramikherstellung, später dann im 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in der Kupferverhüttung als erstem regelmäßig "produzierten" Metall, die Metallverarbeitung aus Erzen. Diese Erfindung wurde unabhängig voneinander an verschiedenen Orten gemacht, etwa auf dem Gebiet des heutigen Serbien, in Persien, der Levante und in Spanien. Der Autor merkt dazu an, dass die Voraussetzung für eine Vielzahl der technologischen Innovationen, wie etwa der Kupferverhüttung, die Produktion von Überschüssen in der Lebensmittelherstellung war, die erst eine Arbeitsteilung der Gesellschaft, in Landwirtschaft, Metallverarbeitung und so weiter ermöglichte. Doch nicht nur die gesellschaftlichen Voraussetzungen wirkten sich auf die Metallurgie aus, auch umgekehrt hatten die Metallverwendung und -herstellung gravierende Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. So beschreibt Neukirchen, wie das Entstehen einer regelrechten Metallindustrie den Handel begünstigte. Daraus entwickelte sich dann in der Bronzezeit der Fernhandel, der die gesamte damals bekannte Welt durch Handelsbeziehungen miteinander verband. Dies hatte weitreichende soziale Veränderungen zur Folge: So verlangte der Handel verbindliche Geschäftsbedingungen. Dadurch bildeten sich Gesetze und eine Justiz heraus, wie die ersten in Mesopotamien gefundenen Rechtssammlungen belegen. Auch die Genese der Geldwirtschaft hing eng mit der Metallverarbeitung zusammen, zum einen weil der Fernhandel eines allgemeinen Äquivalentes bedurfte, um den Austauschprozess zu vereinfachen, und zum anderen weil dieses dann aus Edelmetallen hergestellt wurde. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Gründe dafür, dass es ausgerechnet Edelmetalle waren, die Geldform annahmen, nicht in ihrer Seltenheit oder ihrem intrinsischem Wert begründet lagen, sondern praktische Ursachen hatte. Edelmetalle konnten in handliche Formen gebracht, in kleinere Mengen geteilt, geprägt und lange Zeit aufbewahrt werden. Sie waren außerdem bereits zuvor aus unterschiedlichen Gründen, etwa religiöser oder ästhetischer Natur, "Symbole des Reichtums" [2]. Während aber noch in der Antike die geldvermittelte Tauschwirtschaft innerhalb der Gesellschaften nur ein Randphänomen darstellte, änderte sich dies in der frühen Neuzeit. Mit der Eroberung des amerikanischen Kontinents durch die europäischen Konquistadoren wurde dessen Gold- und Silberreichtum nach Europa verschickt und heizte dort die Entwicklung des Merkantilismus an. Dieser Handelskapitalismus beruhte auf einem "Gewaltsystem der Produktion in Lateinamerika" [3]. Allein dem Silberabbau am Cerro Rico ("Reicher Berg") im bolivianischen Potosí, anhand dessen sich wohl schon eine Geschichte des Merkantilismus schreiben ließe, fielen laut Eduardo Galeano etwa acht Millionen Menschen zum Opfer [4]. Der Abbau und die Verwendung der Metalle hatten also auch verheerende Auswirkungen auf die Menschen. Auch diese negativen Seiten werden im Buch beschrieben. Dazu gehören etwa auch die Naturzerstörungen, die schon in der Antike massive Ausmaße annahmen, oder die Nutzung der Metallprodukte als immer mörderischere Kriegsmaterialien.

Neben diesen Beschreibungen der historischen Auswirkungen, die die Metallbearbeitung in der Geschichte der Menschheit zeitigte, beschreibt der Autor sehr ausführlich die Beschaffenheit der einzelnen Metalle und die Abbau- und Bearbeitungsprozesse. Als Mineraloge erläutert er die naturwissenschaftlichen Hintergründe fachlich kompetent. Er ist aber auch in der Lage, die Materie für Laien kundig und nachvollziehbar darzustellen. Ihm gelingt es, die Grundlagen der Metallverarbeitung und der Metalle und Erze auch für Historiker und geschichtlich Interessierte auf einfache Weise zu erklären. Ein angefügtes Glossar mit den wichtigsten Begriffen erleichtert das Verständnis zusätzlich. Das Buch endet leider etwas abrupt, ohne dass es noch ein Schlusskapitel oder Resümee gäbe. Auch hätte man sich aus Historikersicht noch eine etwas ausführlichere Einbindung der Metallbearbeitung und -nutzung in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext gewünscht. Dieses Manko mag auf den geringen Umfang des Buches zurückzuführen zu sein. Aber trotz dieses Wermutstropfens lohnt sich die Lektüre für alle, die mehr über die Geschichte der Metalle und ihren Auswirkungen auf Kulturen und Gesellschaften erfahren wollen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Hesiod: Werke und Tage, übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 2004.

[2] Ulrich Enderwitz: Herrschaft, Wert, Markt. Zur Genese des kommerziellen Systems, Freiburg 2004, 29.

[3] Gerhard Stapelfeld: Der Merkantilismus. Die Genese der Weltgesellschaft vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Freiburg 2001, 128.

[4] Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents, erweiterte Neuauflage, Wuppertal 1988, 43.

Jens Benicke