Rezension über:

Jochen Maurer: Halt - Staatsgrenze! Alltag, Dienst und Innenansichten der Grenztruppen der DDR (= Militärgeschichte der DDR; Bd. 24), Berlin: Christoph Links Verlag 2015, XII + 462 S., 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-86153-863-9, EUR 50,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Hendrik Thoß
Technische Universität, Chemnitz
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Hendrik Thoß: Rezension von: Jochen Maurer: Halt - Staatsgrenze! Alltag, Dienst und Innenansichten der Grenztruppen der DDR, Berlin: Christoph Links Verlag 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/28552.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Jochen Maurer: Halt - Staatsgrenze!

Textgröße: A A A

Mit dem vorliegenden Band setzt sich Jochen Maurer mit "Alltag, Dienst und Innenansichten der Grenztruppen der DDR" auseinander. Die Studie ist in acht Kapitel zuzüglich Vorwort und Resümee gegliedert. Einleitend skizziert der Verfasser den Forschungsstand sowie Fragestellung und Methodik der Untersuchung, die sich insbesondere auf die "Wahrnehmung" der "Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik" wie auch der Grenztruppen durch die Partei- und Staatsführung der DDR, durch die DDR-Bevölkerung sowie durch die Grenzer selbst konzentriert. Im zweiten Kapitel werden Organisation und Struktur der Grenztruppen vorgestellt, wobei Maurer schwerpunktmäßig die Zeit nach 1961 betrachtet, als die seit Ende 1946 existierende Deutsche Grenzpolizei der SBZ/DDR dem Ministerium für Nationale Verteidigung eingegliedert und - wenigstens formal - ein militärischer Verband wurde. Hier wie auch in den folgenden Kapiteln erfährt der Leser, dass es "die" Grenze realiter nie gegeben hat, dass vielmehr die politischen und militärischen Entscheidungsträger der DDR in nahezu allen die Fragen der Grenzsicherung betreffenden Feldern penibel zwischen der Grenze zur Bundesrepublik, der Grenze zu West-Berlin, der Seegrenze an der Ostsee sowie schließlich den Grenzen zur Volksrepublik Polen sowie zur ČSSR unterschieden.

Beachtenswert sind an dem Werk insbesondere die Abschnitte, in denen Maurer den Dienstalltag an der Grenze wie den Garnisondienst dienstgradgruppenspezifisch und in der Selbst- bzw. Fremdwahrnehmung verschiedener Akteure und Akteursgruppen rekonstruiert. Einmal mehr wird auch hier deutlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der wehrpflichtigen Grenzsoldaten, die die Grenzsicherung ganz wesentlich trugen, dem Einsatz bewaffneter Gewalt zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen skeptisch bis ablehnend gegenüberstand. Überdies zog für Teile des Offizierkorps wie der Berufs-Unteroffiziere und der Fähnriche vor allem in den 1980er-Jahren die direkte Konfrontation mit den vielfältigen Belastungen des "Grenzer-Alltags" eine schleichende Desillusionierung nach sich. So gesehen mag einiges für die von Maurer formulierte These sprechen, dass die Grenzöffnung am Abend des 9. November 1989 vor allem durch die Passivität und den Gewaltverzicht der eingesetzten Grenzsicherungskräfte möglich wurde, die sich dem offenbar gewordenen Willen der DDR-Bevölkerung nicht in den Weg stellen wollten.

Drei Aspekte hätten jedoch noch weiter vertieft werden können. Erstens hätte das bislang noch völlig unerforschte Handeln der drei den Grenztruppen zugeordneten Spezialeinheiten, den Sicherungskompanien (SiK) 25, 26 und 27 eine nähere Betrachtung verdient. Zweitens: Da die Volkspolizei nachweislich die absolute Mehrheit der als "Grenzverletzer" bezeichneten Flüchtlinge aus der DDR noch vor Erreichen des Handlungsraumes der Grenztruppen festnehmen konnte, hätte ihr durchaus ein eigener Abschnitt der Untersuchung gewidmet werden können. Drittens hatte der Dienst an der "Staatsgrenze der DDR" in mehrfacherer Hinsicht eine psychologische Dimension. Das Kapitel zu den Motiven der Grenzsoldaten für den Grenzdienst wäre demnach ein guter Platz gewesen, die Rückwirkungen besonderer Ereignisse im Grenzdienst auf die Psyche wie auf das politische Bewusstsein der Grenzer zu untersuchen. Konnten doch das nicht selten provokative Auftreten von NATO-Militärpersonal oder das bisweilen gewaltsame Handeln von zivilen "Provokateuren", die - von bundesdeutschem bzw. West-Berliner Territorium aus - Grenzsicherungsanlagen zerstörten oder Grenzposten beschossen, den politisch-weltanschaulichen Einflussnahmeversuchen der Politoffiziere durchaus in die Hände spielen.

Die vorliegende Untersuchung ist schlüssig gegliedert und vermag es, die in der Fragestellung formulierten Aspekte des Themenfeldes in der gesamten Breite abzudecken. Damit wird ein besonderes Forschungsfeld der DDR-Militärgeschichte unter moderner sozial- und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive untersucht und damit zugleich auch für jenen Teil der Leserschaft interessant, der mit der Zeit der deutschen Teilung keine eigenen Erfahrungen mehr verbindet.

Hendrik Thoß