Rezension über:

Karl-Rudolf Korte (Hg.): Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung (= Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft; Bd. 33), Baden-Baden: NOMOS 2015, 350 S., ISBN 978-3-8487-2246-4, EUR 69,00
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Rezension von:
Matthias Kuhnert
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Kuhnert: Rezension von: Karl-Rudolf Korte (Hg.): Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung, Baden-Baden: NOMOS 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/28537.html


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Karl-Rudolf Korte (Hg.): Emotionen und Politik

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Die geistes- und sozialwissenschaftliche Erforschung von Emotionen erlebt seit geraumer Zeit einen regelrechten Boom: Historiker, Philosophen und Soziologen bemühen sich seit Jahren darum, die emotionale Dimension politischer, sozialer und kultureller Phänomene analytisch und empirisch zu fassen. Der vorliegende Sammelband schließt sich diesem Vorhaben an, indem er versucht, die Rolle von Gefühlen in der Politik zu bestimmen. Die Publikation geht auf die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft von 2014 zurück, die sich eingehend mit dem Thema "Emotionen und Politik" befasste.

Wie Karl-Rudolf Korte, Herausgeber und Direktor der NRW School of Governance, in seiner Einführung betont, stelle die politologische Beschäftigung mit diesem Themenkomplex noch immer eine "Randerscheinung" (12) dar. Ziel sei daher eine interdisziplinäre Annäherung, die fruchtbare Perspektiven für die Analyse aufzeigen könne.

Diese Möglichkeiten einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung entfaltet der Sammelband in drei Teilen. Der erste umfasst interdisziplinäre Begründungen für die Emotionsforschung, der zweite lotet dezidiert politikwissenschaftliche Perspektiven aus, während im dritten konkrete Fallstudien im Vordergrund stehen.

Den ersten Teil eröffnet Philipp Nielsen, der auf die historische Wandelbarkeit von Emotionen verweist. Im Anschluss daran thematisiert Felix Heidenreich aus der Perspektive des dynamischen Republikanismus die Implikationen von Emotionalisierungstendenzen in der modernen Mediendemokratie. Gary S. Schaal und Rebekka Fleiner diskutieren im Folgenden die Bedeutung lebenswissenschaftlicher Emotionsforschung für die Politikwissenschaften. Oliver Lembcke und Florian Weber arbeiten in Anlehnung an Max Weber heraus, dass Emotionalität ein elementarer Bestandteil der Politik sei. Benjamin C. Seyd argumentiert schließlich aus poststrukturalistischer Perspektive für eine Analyse von Gefühlen in der Politik.

Dieser erste Abschnitt des Bandes bietet einen fundierten Überblick über verschiedene Herangehensweisen. Die Autoren zeigen aus unterschiedlicher Perspektive theoretische Anknüpfungspunkte auf, die dazu dienen können, Gefühle als Phänomen genauer zu konturieren. Ungeachtet der Unterschiede in der jeweiligen theoretischen Positionierung stimmen alle Autoren und Autorinnen darin überein, die Dichotomie aus rationaler Vernunft und irrationaler Emotion zu überwinden. So sei zu hinterfragen, ob diese Trennung überhaupt haltbar ist oder ob es sich nicht vielmehr um miteinander verknüpfte kognitive Faktoren handele. Zweitens betonen die Beiträgerinnen und Beiträger, dass Emotionen keinesfalls als per se irrational zu qualifizieren seien. Sie stellten im Gegenteil Mechanismen in Entscheidungsprozessen dar, die durchaus auf rationale Weise funktionieren könnten.

Den Auftakt zum zweiten Teil, der politikwissenschaftliche Perspektiven entfaltet, bestreitet Claus Leggewie, der sich mit aktuellen populistischen Bewegungen befasst und dazu aufruft, diffuse Ressentiments und aufgestaute Wut zu kanalisieren, indem die Politik den Bürgern positive Identifikationsangebote macht. Friedbert W. Rüb betont in seinem Beitrag, dass Emotionen schon immer ein elementarer Teil der politischen Ideengeschichte gewesen seien und plädiert dafür, sie nach längerer Vernachlässigung wieder ins Zentrum der Politikwissenschaft zu rücken. Reinhard Wolf befasst sich mit der Rolle von Emotionen in den internationalen Beziehungen. Wie Wolf am Beispiel von Ressentiments darlegt, spielten auch hier Emotionen eine zentrale Rolle, indem sie Entscheidungsprozesse maßgeblich beeinflussten. Der Frage nach Emotionen in der politischen Bildung geht Anja Besand nach. Sie identifiziert als Aufgabe der politischen Didaktik, die Bevölkerung für die Rolle von Gefühlen in der politischen Auseinandersetzung zu sensibilisieren. Lisa Katharina Bogerts plädiert für eine konsequente Einbeziehung von Emotionen in die Analyse sozialer Bewegungen. Ohne die affektive Dimension sei die Dynamik von Bewegungen kaum zu erklären.

Durch beinahe alle Beiträge dieser Sektion zieht sich die - berechtigte - Kritik an rational choice-Ansätzen, die Gefühle als Movens politischen Handelns beinahe vollständig ausblenden. Insgesamt scheinen die Autorinnen und Autoren also vor allem davon angetrieben zu sein, blinde Flecken der politikwissenschaftlichen Erforschung von Emotionen zu identifizieren. Bei der Identifikation dieser Leerstellen zeigen sie gleichzeitig lohnende Forschungsfelder auf, die durch die konsequente Einbeziehung von Emotionen bereichert werden können.

Der dritte Teil des Bandes, der konkrete Fallstudien umfasst, beginnt mit Maik Herold, der die Funktion von Emotionen als Argument innerhalb öffentlicher Diskurse untersucht. Am Beispiel des Gier-Diskurses, der immer wieder herangezogen wurde, um die globale Finanzkrise zu erklären, zeichnet er nach, wie verschiedene Akteure Emotionen als Argument benutzten, um sowohl die neoliberale Theorie als auch die Banker zu entlasten. Nina Elena Eggers' Beitrag befasst sich mit der fehlenden affektiven Bindung der Bevölkerung an die EU. Eggers argumentiert, dass die aktuell wahrgenommene Empörung gegenüber der EU gerade durch ihre emotionale Komponente auch eine Chance sei. In der Empörung komme der Wunsch nach Partizipation zum Ausdruck. Werde dem mit geeigneten Maßnahmen entsprochen, ergebe sich daraus die Möglichkeit zu einer Erneuerung der EU. Mit der affektiven Strategie der AfD, politische Kampfbegriffe umzudeuten, befasst sich Jan Rohgalf. Am Beispiel der Subsidiarität zeigt er, wie die AfD bestimmte Begriffe emotionalisiert und instrumentalisiert. Taylan Yildiz befasst sich mit dem Ausbleiben einer emotionalen Reaktion der deutschen Bundesregierung auf das Bekanntwerden der NSA-Überwachung. Dies habe das kritische Potential, das in einer emotionalen Reaktion bestanden hätte, beschränkt. Im letzten Beitrag des Sammelbandes analysiert Kristian Weissenbach die Eurovision Debate zwischen den verschiedenen Spitzenkandidaten des Europawahlkampfes 2014, die bei den Zuschauerinnen und Zuschauern ein Gefühl der Nähe zu den Kandidaten gefördert habe.

Spannend ist diese dritte Sektion vor allem, weil die Autorinnen und Autoren die Potentiale für die Untersuchung von Emotionen in der Politik, die in den beiden anderen Teilen angedeutet werden, empirisch einlösen. Hervorzuheben ist dabei, dass die Beiträge konsequent die kommunikative Funktion von Emotionen herausarbeiten und anhand unterschiedlicher Untersuchungsgegenstände aufzeigen, dass Gefühle als Argumente im politischen Diskurs dienen können. Gerade diese kommunikative Funktion von Emotionen bietet vielversprechende Anknüpfungspunkte für weitere Untersuchungen.

Insgesamt gesehen fehlt in dem Sammelband vielfach die Reflexion methodischer Fragen. So wird etwa kaum diskutiert, wie kollektive Emotionen empirisch belegbar sind oder wie die Forschung überhaupt den Einfluss von Gefühlen in Entscheidungsprozessen untersuchen kann, wenn das tatsächliche Fühlen von Personen letztlich epistemisch verschlossen ist. Freilich kann niemand verlangen, dass solche Fragen abschließend geklärt werden. Aber man kann durchaus erwarten, dass sie konsequenter und durchgehender gestellt würden, gerade weil der Sammelband sich selbst auf die Fahnen schreibt, ein neues Forschungsfeld zu umreißen.

Trotz dieser Kritik bietet Kortes Band eine lohnenswerte Lektüre, die die Rolle von Emotionen in der Politik allgemein auslotet, unterschiedliche theoretische Perspektiven aufzeigt, und die Möglichkeiten dieses Forschungsfeldes anhand einiger empirischer Beispiele veranschaulicht.

Matthias Kuhnert