Rezension über:

Konstantin Moritz A. Langmaier: Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (1418-1463). Ein Fürst im Spannungsfeld von Dynastie, Regionen und Reich (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii; 38), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, X + 767 S., ISBN 978-3-412-50139-6, EUR 89,00
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Rezension von:
Alois Niederstätter
Vorarlberger Landesarchiv, Bregenz
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Alois Niederstätter: Rezension von: Konstantin Moritz A. Langmaier: Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (1418-1463). Ein Fürst im Spannungsfeld von Dynastie, Regionen und Reich, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/28187.html


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Konstantin Moritz A. Langmaier: Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (1418-1463)

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"Von kayser Fridreichen, wer des leben schreyben oder lesen will, der mues unverdrossen sein, wann zu seinen zeiten gross sach geschehen sindt." Mit diesen Worten leitete der Kärntner Landpfarrer Jakob Unrest den Hauptteil seiner um 1499 fertiggestellten "Österreichischen Chronik" ein. Was für Friedrich III. gilt, trifft gleichermaßen auf Albrecht VI. von Österreich, den jüngeren Bruder des Kaisers, zu. "Unverdrossen" war Konstantin Langmaier in der Tat, seine an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Claudia Märtl als Dissertation verfasste Albrecht-Biographie zählt stattliche 767 Seiten. Sie schließt eine seit langem beklagte Forschungslücke - nicht nur für die Geschichte der Habsburgerherrschaft im ausgehenden Mittelalter.

Hatte schon Friedrich III. bis in die jüngere Zeit eine ausgesprochen schlechte Nachrede, so war sein Bruder Albrecht vor allem wegen der auch militärisch eskalierenden Konflikte mit dem Reichsoberhaupt gar einer Art damnatio memoriae anheimgefallen. Einzig im vorderösterreichischen Umfeld erinnert man sich seiner im positiven Sinn als Gründer der Universität Freiburg im Breisgau. Freilich: "Von einem eigentlichen Forschungsstand kann [...] gar nicht gesprochen werden" (2). Dazu hat auch die große Streuung der Quellen beigetragen. Langmaiers Verzeichnis der ungedruckten Quellen nennt denn auch Unterlagen aus 65 (!) Archiven in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien, Ungarn, Slowenien und England. Man darf davon ausgehen, dass damit wohl der größte Teil des noch vorhandenen Materials gesichtet wurde. Allein diese Leistung nötigt Respekt ab.

Auf so breiter Basis kann der Autor Albrechts Aktivitäten mit einem bisher nicht denkbaren Reichtum an Details darstellen. Das gilt gleichermaßen für die seines Bruders, der auch hier eine vom traditionellen Bild zu Recht abweichende Beurteilung erfährt: "Friedrichs Handeln prägten bemerkenswerter Realismus und große Elastizität, die weder bei Freund noch Feind große Sympathien hervorriefen, schon gar nicht bei seinem leiblichen Bruder. Dass er am Ende alle Fährnisse überstand, hing in der Hauptsache damit zusammen, dass er Gefahren, Chancen, Grenzen und Machtgrundlagen meist richtig einschätzte, anders als Karl der Kühne oder Maximilian I., die ihre Möglichkeiten häufig falsch bewerteten. Beachtet man den geschickten Umgang Friedrichs im Zusammenhang mit dem königlichen Kammergericht, seine Fähigkeit zur Delegation von Herrschaftsaufgaben und seine beharrliche Suche nach Einnahmequellen, so zeigt sich, dass er in mancher Hinsicht als ausgesprochen aktiver Herrscher betrachtet werden kann, was nicht nur an der enormen Ausweitung der Schriftproduktion ersichtlich wird, sondern auch an der Fähigkeit, Räte aus königsnahen und königsfernen Regionen an seinen Hof zu binden" (9).

Langmaier unterscheidet vier Lebens- bzw. Wirkungsphasen Albrechts. Bereits während der ersten - der bis 1444 dauernden "innerösterreichisch-ungarischen" - versuchte er mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln, sich aus der Dominanz des Bruders und Seniors des Hauses Habsburg zu befreien und einen angemessenen Anteil an Herrschaftsrechten zu gewinnen, während Friedrich alle Register zog, um dem entgegenzuwirken. Überzeugend wird dargelegt, dass beiden Seiten im Rahmen des zeitbedingt Üblichen, aber auch infolge des bereits seit längerem höchst angespannten innerfamiliären Klimas kaum eine andere Möglichkeit blieb, als ihre auch persönliche Feindschaft bis zum Äußersten auszutragen.

Die zweite - "vorderösterreichische" - Phase lässt Langmaier 1444 mit der "Abschiebung Albrechts VI. in den äußersten Westen des Reiches" (650) beginnen. Er sollte dort den "Alten Zürichkrieg" gegen die Eidgenossen fortführen. Zwei Jahre später erhielt Albrecht die Vorlande übertragen. Eine gewisse Zäsur bildeten die Jahre 1452/53. Friedrich III. wurde in Rom zum Kaiser gekrönt, wobei der Bruder als oberster Marschall des Romzugs fungierte, Albrecht heiratete Mechthild von der Pfalz, die Schwester Friedrichs des Siegreichen, der einer der schärfsten Rivalen des Kaisers war, und wurde zum Erzherzog erhoben. Für eine wirklich kraftvolle Politik boten ihm die heillos zersplitterten vorderen Lande allerdings keine hinreichende Basis, zumal auch Reformen, die die Erträge steigern sollten, nicht den gewünschten Erfolg hatten.

Die Veränderungen, die der Tod des Ladislaus Postumus, des Sohns Albrechts V. von Österreich (als römischer König Albrecht II.) und Erben des Herzogtums Österreich, mit sich brachten, leiteten die "obderennsische Phase" ein: 1458 erhielt der Kaiser die Regentschaft über das Land unter der Enns mit Wien zugewiesen, Albrecht VI. hingegen die über Österreich ob der Enns. Auch diese Abmachung bewirkte nur eine kurze Atempause. Da sich der jüngere Bruder noch immer benachteiligt fühlte, entschloss er sich 1460, unterstützt von einer ständischen Opposition in Niederösterreich, zum Angriff auf Friedrich III. Den Höhepunkt des Konflikts bildete im Herbst 1462 ("Wiener Phase 1462/63") die Belagerung des Reichsoberhaupts, seiner Frau und des kleinen Maximilian in der Wiener Burg. Zwar befreite die militärische Intervention des seine eigenen Ziele verfolgenden böhmischen Königs Georg von Podiebrad die kaiserliche Familie aus dieser misslichen Lage, ein Ende fanden die Auseinandersetzungen aber erst durch Albrechts unerwarteten Tod am 2. Dezember 1463, dem die üblichen Giftmordgerüchte folgten.

Konstantin Langmaiers Arbeit muss zwangsläufig über weite Strecken "die Beschreibung eines lebenslangen Bruderzwists" (7) sein. Indem sie exemplarisch Strategien fürstlichen Handelns im Spannungsfeld zwischen eigenen Machtansprüchen und dynastischem Denken aufzeigt, außerdem einen schier unerschöpflichen Fundus an Material zur Reichs- wie zu den jeweiligen Landesgeschichten bietet, greift sie weit darüber hinaus - und sie ist Beweis genug, dass der biographische Zugang den großen Aufwand lohnt. Man darf hoffen, dass sich die Forschung, wie vom Autor angeregt, demnächst auch anderer Fürsten dieses Zeithorizonts auf so profunde Weise annimmt.

Alois Niederstätter