Rezension über:

Ulrike Lötzsch: Joachim Georg Darjes (1714-1791). Der Kameralist als Schul- und Gesellschaftsreformer, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, 372 S., ISBN 978-3-412-50149-5, EUR 55,00
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Rezension von:
Hanno Schmitt
Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Hanno Schmitt: Rezension von: Ulrike Lötzsch: Joachim Georg Darjes (1714-1791). Der Kameralist als Schul- und Gesellschaftsreformer, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/27622.html


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Ulrike Lötzsch: Joachim Georg Darjes (1714-1791)

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Die ursprünglich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Dissertation angenommene Arbeit untersucht Leben, Werk und Wirkung des Universitätsprofessors Joachim Georg Darjes (1714-1791). Dieser lehrte an den Universitäten Jena und Frankfurt/Oder über fünf Jahrzehnte mit großem Erfolg ("'täglich etliche hundert'" (213) Studenten). Von der nach seinem Tode am Ende des 18. Jahrhunderts präsenten öffentlichen Anerkennung zeugt noch heute das von Johann Gottfried Schadow (1764-1850) geschaffene, fünf Meter hohe Grabdenkmal im Gertraudenpark von Frankfurt/Oder. [1] Dagegen wurde Darjes nicht in die Neue Deutsche Biographie (1953ff.) aufgenommen, vielleicht weil ihm in der Allgemeinen Deutschen Biographie (Bd. 4, 1876) fehlende "Gründlichkeit, Präzision und systematische Darstellungsgabe" zugeschrieben wurde.

Ulrike Lötzsch erschließt auf neue Weise unter Berücksichtigung der teilweise von ihr aufgefundenen Quellen ein umfassendes biografisches Gesamtbild von Darjes und seiner Wirkung. Die vier Hauptkapitel untersuchen: 1. Das allgemeine Menschenbild und das Erziehungsverständnis; 2. Den schulpädagogische Kontext bei der erfolgreichen Gründung der bisher noch kaum untersuchten frühen Versuchsschule (Rosenschule); 3. Die Tätigkeit als Hochschullehrer und 4. das durch Darjes mitgeprägte Sozietätswesen als Motor gesellschaftlicher Innovation. Der sich daran anschließende Anhang enthält den Tagesplan der Rosenschule (309), er listet in tabellarischer Form Titel und Semesterzuordnung der Jenaer Lehrveranstaltungen (310-314) auf, ergänzt diese durch eine Übersicht über weitere von Jenaer Dozenten angebotene, an Darjes orientierte, Lehrveranstaltung (316-319) und kommentiert schließlich das Verzeichnis seiner Veröffentlichungen und ihrer Rezensionen (320-333).

Joachim Georg Darjes gehört bisher sicher nicht zu den in der Forschung hinreichend rezipierten Gelehrten der Aufklärung. Beispielsweise findet sich im Personenregister des Handbuchs der deutschen Bildungsgeschichte [2] kein Eintrag zu seinem Namen. Demgegenüber dokumentiert die hier rezensierte Untersuchung überzeugend das bildungsreformerische Wirken eines bisher übersehenen Schulreformers und Multiplikators kameralistisch-aufklärerischer Ideen in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Den insgesamt über fünf Jahrzehnte an den Universitäten Jena und Frankfurt/Oder lehrenden Hochschullehrer Darjes charakterisiert Lötzsch durch folgende Stichpunkte: Großer studentischer Zulauf; erweiterte praxisrelevante Vorlesungsinhalte jenseits des klassischen Kanons; außergewöhnlich erfolgreiche Lehrmethoden; ernsthafte Hinwendung zu seinen Studenten; respektvoller Umgang mit gelehrten Gegnern und gewissenhafte Erfüllung seines Lehramtes (240-241). Diesen wissenschaftlichen und hochschuldidaktischen Überzeugungen versuchte Darjes zu einer allgemeinen Wirksamkeit zu verhelfen: "Angesichts seiner stark nachgefragten Lehrfächer [praktische Philosophie, Kameralistik und Jurisprudenz] und seiner Popularität unter den Studenten gelang ihm dies zudem in besonderer Intensität und Breite." (299)

Bildungsgeschichtlich deutet Lötzsch Joachim Georg Darjes, indem sie ausführlich sein allgemeines Menschenbild, das Erziehungsverständnis und den zwischen 1762 und 1765 realisierten Schulversuch Rosenschule [3] referiert und als Verbindungsglied zwischen der durch August Hermann Francke (1763-1727) geprägten pietistischen Pädagogik und der philanthropischen Erziehungsbewegung interpretiert (21-185). Anders als beispielsweise der Philanthrop und Zeitgenosse Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) hat Darjes den gedanklichen Schritt aus der Ständeordnung nicht vollzogen: "Niedrige können von vornherein nichts anderes verlangen, als daß sie ihren Stand anwenden sollen, die Wohlfahrt der Niedrigen zu befördern." (27) Folgerichtig wollte Darjes mit dem durch die Jenaer Freimaurerloge finanziell unterstützten Schulversuch Rosenschule durch zielstrebige Erziehungs- und Bildungsarbeit verwahrloste Bettelkinder zu erwerbstüchtigen und damit nützlichen und lebenstüchtigen Erwachsenen heranziehen (119-169). Das damit einhergehende Bildungsideal war der "industrieuse Mensch", ein tugendhaftes und brauchbares Individuum der Gesellschaft. Diesem Erziehungsverständnis, dem in Theorie und Praxis die in Halle und Berlin bereits realisierten Realschulen (79-118) entsprachen, war auch die Rosenschule in modifizierter Weise verpflichtet.

Die Untersuchung konzentriert sich analytisch auf die Darstellung der Biografie von Darjes sowie die Verhältnisse an den Universitäten Jena und Frankfurt/Oder. Darüber hinaus untersucht sie Darjes' Vernetzung durch die Mitarbeit in der Jenaer Freimaurerloge, in verschiedenen wissenschaftlichen Sozietäten und Akademien sowie durch verwandtschaftliche Beziehungen mit anderen Universitäten und außeruniversitären Persönlichkeiten. Bei der Darstellung der Zusammenhänge werden allerdings die beispielsweise im schon zitierten Handbuch [2] zusammengetragenen Forschungsergebnisse zur deutschen Bildungsgeschichte des 18. Jahrhunderts höchstens ganz randständig berührt. Dieses methodische Vorgehen muss bei der zweifellos Neues erschließenden und ertragreichen Lektüre der Arbeit berücksichtigt werden. Auch müssen zukünftige Forschungen zu der von Lötzsch aufgestellten, prinzipiell richtigen These, dass das Erziehungsverständnis und die Reformbestrebungen Darjes' eine Vorreiterfunktion gegenüber der philanthropischen Pädagogik gehabt haben (12), die nicht berücksichtige einschlägige Untersuchung zur Frühgeschichte des Philanthropismus [4] zur Kenntnis nehmen.

Die Studie von Ulrike Lötzsch ist bildungshistorisch bedeutend, weil sie dazu beiträgt, eine bisher offene Forschungslücke zu schließen. Die Arbeit ist in großen Teilen flüssig und interessant geschrieben. Dennoch machen die manchmal über mehr als zwei Druckseiten ohne Absatz geschriebenen Textpassagen die Lektüre zuweilen mühsam. Diese notwendigen Hinweise können und sollen den Erkenntnisgewinn und die Bedeutung der Untersuchung auf keinen Fall in Frage stellen.


Anmerkungen:

[1] Götz Eckardt: Johann Gottfried Schadow 1764-1850. Der Bildhauer, Leipzig 1990, 73-74.

[2] Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. II: 18. Jahrhundert. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800, hgg. von Notker Hammerstein / Ulrich Herrmann, München 2005.

[3] Eine für Studierende bezahlbare Studienausgabe mit den wichtigen Quellen findet man in: Ulrike Lötzsch (Hg.): Die "Rosenschule bey Jena". Ein Schulversuch von 1762 (= Quellen zur protestantischen Bildungsgeschichte; Bd. 7), Leipzig 2014.

[4] Jürgen Overhoff: Die Frühgeschichte des Philanthropismus (1715-1771). Konstitutionsbedingungen, Praxisfelder und Wirkung eines pädagogischen Reformprogramms im Zeitalter der Aufklärung (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung; Bd. 26), Tübingen 2004.

Hanno Schmitt