Rezension über:

Susanne Klingenstein: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Eine Geschichte der jiddischen Literatur zwischen Berdichev und Odessa, 1835 - 1917, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, XIV + 494 S., ISBN 978-3-447-10145-5, EUR 29,80
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Rezension von:
Heidi Hein-Kircher
Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Hein-Kircher: Rezension von: Susanne Klingenstein: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Eine Geschichte der jiddischen Literatur zwischen Berdichev und Odessa, 1835 - 1917, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/09/29286.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Susanne Klingenstein: Mendele der Buchhändler

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Mendele Moikher Sforim, Mendele der Buchhändler, ist nicht nur eine Kunstfigur, sondern wurde auch zum Künstlernamen von Sholem Yankev Abramovitsh, dem "Großvater der jiddischen Literatur". Allein diese Ehren-, aber auch Selbstbezeichnung deutet an, dass Abramovitsh, der heute weniger bekannt ist als sein fast gleich alter, eng mit ihm in Kontakt stehender "Enkel" Sholem Aleikhem, einen zentralen Beitrag zur Entwicklung der jiddischsprachigen säkularen Literatur geleistet hat. Bereits sein Lebensweg deutet die transregionalen Vernetzungen jüdischer Kultur im östlichen Europa an: 1835 bei Minsk geboren, wurde er nach dem Tod des Vaters zunächst Gehilfe eines professionellen Bettlers und strandete so in Kamieniec Podolski, wo er einen Mentor fand, der ihm säkulares Wissen und Russisch vermittelte. Sein weiterer Lebensweg führte ihn über Berdichev und Žitomir nach Odessa, von dort kurze Zeit zu seiner Tochter nach Litauen; 1917 verstarb er schließlich in Odessa. Nicht nur die Stationen, sondern auch die Umstände seines Lebens zeugen von der Vielschichtigkeit und Schwenkbreite jüdischen Lebens im östlichen Europa, das in seinen Lebensjahren nicht nur Akkulturation und Assimilation, sondern auch Säkularisation unterlag und zudem von Armut und Hoffnungslosigkeit sowie von Pogromen gekennzeichnet war. Diese Lebenswelt unterlag gerade durch die Modernisierung gesellschaftlichen Lebens, durch Industrialisierung und Stadtflucht gleichermaßen einem ungeheuren Wandel. Allein schon die Tatsache, dass sich Abramovitsh trotz Selbstzweifeln nach seinen hebräischen Erstlingswerken dazu entschloss, Jiddisch zu schreiben, zeigt, wie sehr sich Teile der Judenheiten im östlichen Europa trotz oder gerade wegen aller Widrigkeiten veränderten und nach einer modernen säkularen Kultur strebten. Diese Vielschichtigkeit und diesen Wandel lassen sich in der Biografie und dem Lebenswerk Abramovitsh' deutlich erkennen: Daher stellt das anzuzeigende Buch eben nicht nur eine literaturwissenschaftliche Analyse eines bislang wenig erforschten Schriftstellers dar, sondern schafft vor allem auch einen wunderbaren Einblick in die Kultur- und Geistesgeschichte jiddischsprachigen säkularen Lebens. Beispielsweise manifestiert sich an einem der Hauptwerke Abramovitsh', Shloyme reb Khayims (Shloyme, Reb Khayims Sohn) (1903), eines der "Kernprobleme" (455) jener Zeit, das Susanne Klingenstein in ihrer Analyse sehr verständlich nachvollzieht: die Modernisierung des Judentums, woraus sich als zentrales Spannungsfeld der Widerstreit zwischen Vergangenheit, Traditionsbezug und Moderne ergab.

Der Verfasserin gelingt es somit, einerseits Biografie und Interpretation seiner Werke, andererseits aber die kulturgeschichtliche Kontextualisierung zu einem sehr lesenswerten Werk in einer Sprache zusammenzufassen, die über das Interesse eines begrenzten Fachpublikums hinausgehend sich an einen breiteren, kulturhistorisch am Judentum im östlichen Europa interessierten Leserkreis wendet. Hierzu führt sie nach einigen einführenden allgemeineren Bemerkungen über das Jiddische und den "Mythos der Ostjuden", die eben mit Blick auf einen breiteren Leserkreis verfasst worden sind, in die "Welt des Erzählers Sholem Yankev Abramovitsh" ein, indem sie seine Lebens- und Schaffensabschnitte in Verbindung bringt und kapitelweise erläutert. Wenn auch Jiddisten an der einen oder anderen Stelle kleinere, der thesenhaften Zuspitzung geschuldeten Ungenauigkeiten in der Darstellung der literaturwissenschaftlichen Zusammenhänge bemängeln könnten, so liegt gerade in der kontextualisierenden Darstellung das Verdienst des Buches begründet, denn über die Biografie und das Lebenswerk von Abramovitsh, das eben die Umstände jüdischen Lebens im östlichen Europa beleuchtet, wird dem am Judentum in dieser Region und historisch interessierten Leser eine wichtige, heute wenig beachtete Phase und Variation jüdischen Lebens auf sehr erhellende Weise näher gebracht. Wer sich ein Bild von den Problemen der Modernisierung jüdischen Lebens im östlichen Europa machen möchte, dem sei diese teilweise sehr eingängige, fast schon spannend geschriebene Studie empfohlen.

Heidi Hein-Kircher