Rezension über:

Martina Griesser / Christine Haupt-Stummer / Renate Höllwart u.a. (Hgg.): Gegen den Stand der Dinge. Objekte in Museen und Ausstellungen, Berlin: de Gruyter 2016, 223 S., Zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-11-045935-7, EUR 34,95
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Rezension von:
Lotte Arndt
Ecole supérieure d'art et design, Valence
Redaktionelle Betreuung:
Kerstin Schankweiler
Empfohlene Zitierweise:
Lotte Arndt: Rezension von: Martina Griesser / Christine Haupt-Stummer / Renate Höllwart u.a. (Hgg.): Gegen den Stand der Dinge. Objekte in Museen und Ausstellungen, Berlin: de Gruyter 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/09/28958.html


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Martina Griesser / Christine Haupt-Stummer / Renate Höllwart u.a. (Hgg.): Gegen den Stand der Dinge

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Ausgangspunkt des von der Wiener Gruppe curating. Ausstellungstheorie & Praxis herausgegebenen Bandes ist die paradigmatische Wende, welche die Diskussionen um einen neuen Materialismus in den vergangenen Jahren für Ausstellungstheorie und -praxis hervorgebracht haben. Im Kontext zahlreicher Ausstellungen (zum Beispiel documenta 13), Konferenzen (zum Beispiel Materials, Money and Crisis, New York 2012) und Publikationen (zum Beispiel Texte zur Kunst: Spekulation, Nr. 93, 2014), die sich der Handlungsmacht der Dinge widmen, hat sich auch das Interesse der 2001 gegründeten Gruppe von Museumstheoretikern und Museumstheoretikerinnen von der Hinterfragung der "Objektivität, Neutralität und Autorität des Museums" (12) zu Fragen nach dem Eigenleben der Dinge verschoben. Die Diskussionen um den spekulativen Realismus und das Neu-Denken des Verhältnisses von Menschen und Dingen auf der Grundlage der Theorien Bruno Latours dienen dabei als oft zitierte Grundlage, ohne dass die Autoren und Autorinnen deshalb die "Herangehensweisen einer reflexiven Museologie" (15) hinter sich lassen wollen. Denn die Stoßrichtung des Bandes ist, den Stand der Dinge in Museen verändern zu wollen, wie es der sehr treffende Titel auf den Punkt bringt - und sich dafür unterschiedlicher theoretischer und praktischer Ansätze zu bedienen, die dieses ermöglichen.

Das Buch ist in zwei große Abschnitte aufgeteilt: Der erste geht unter der Überschrift Positionieren Debatten um die Verortung von Dingen in der Ausstellungstheorie und -praxis nach. Es handelt sich um den theoretischeren Teil des Buchs, der die politischen Potentiale der Diskussionen um den Status von Objekten ausloten möchte. Der zweite Teil ist mit Probieren überschrieben und versammelt eine Reihe kürzerer Beiträge, die auf Workshops beruhen, welche die Herausgeber und Herausgeberinnen mit Praktikern und Praktikerinnen in Museen und Ausstellungen durchgeführt haben. Dieser Teil ist experimentellerer Natur, aber auch weniger ausgearbeitet, als es viele der auf langjährigen Überlegungen und Praktiken beruhenden Beiträge im ersten Abschnitt sind. Hier finden sich resümierte Workshopbeiträge oder kürzere Interviews. Die beiden Teile sind jeweils durch knappe künstlerische Beiträge (von Jakob Lena Knebl und Maria Anwander) artikuliert, die keineswegs illustrativ wirken, sondern eine weitere Spannungsebene zu den diskutierten Problematiken aufmachen. Eine selektive Bibliografie schließt den Band ab.

Einen starken Einstieg in den ersten Teil gewährleistet Nora Sternfelds Text Der Objekt-Effekt. Die in Helsinki lehrende Wiener Theoretikerin leitet darin die konzeptuelle Wende des neuen Materialismus her und hebt dabei die politischen Fragen und Probleme hervor, die sich aus dieser Perspektive heute für Ausstellungsmacher und Ausstellungsmacherinnen und Theoretiker und Theoretikerinnen stellen: Mit der Warenförmigkeit unserer Tätigkeiten als Praktiker und Praktikerinnen im Kunstfeld werden diese Tätigkeiten selbst zu Dingen, nämlich Dienstleistungen in kapitalistischen Tauschökonomien, die ihrerseits kritisch hinterfragt werden müssen. Über den Umweg von Jacques Derridas Gespenster-Text, greift Sternfeld dafür auf Marx' Kapital zurück. Der Warenfetisch stellt die Dinge nicht nur ideologisch als mit Eigenschaften ausgestattet dar, die tatsächlich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückgehen. Er macht sie auch begehrenswert. Parallel dazu verwandelt das Museum das Ausstellungsobjekt in ein auratisiertes Unikat. Sternfeld schlägt vor, beide Verwandlungen als Ausdruck von zum Schweigen gebrachten Konflikten zu lesen (32), die die Erinnerung an diese verdeckten Geschichten in sich tragen. Obwohl wir um die Gewalt wissen, die zum Beispiel viele der ethnografischen Sammlungen in Europa historisch hervorgebracht hat, verschwindet diese Geschichte durch die objektifizierte Form im Museum. Darin liegt aber der Autorin zu Folge auch die potentielle Handlungsmacht der Dinge: Sie verweisen auf sedimentierte Kämpfe, die auf ihrer Grundlage auch wieder aktiviert werden können.

Das Motiv der Aktivierung gesellschaftlicher Konflikte durchzieht die Beiträge des Bandes. Es stellt auch die zentrale Frage in Regina Sarreiters Beitrag Activate Facts! Von sprechenden Tatsachen dar. Die Autorin schreibt über die Arbeit, die sie seit einigen Jahren mit der Berliner Kulturaktivisten- und Kulturaktivistinnen-Gruppe Artefakte//antihumboldt verfolgt. Am Gegenstand mehrerer Übergabezeremonien von Schädeln aus medizinischen und naturhistorischen Sammlungen in Europa anlässlich ihrer Rückführung nach Namibia beziehungsweise Südafrika, wo sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext kolonialer Gewalt angeeignet worden waren, beschreibt Sarreiter, eine "Aktivierung, die in dem Moment passiert, in dem sich ein Objekt aus einem ihm zugeschriebenen Status löst und in eine Ungewissheit eintritt, die unentschieden zwischen Objekt und Subjekt, Individuum oder vermeintlichem Beweis wissenschaftlicher Erkenntnis oszilliert" (117). Unter welchen Bedingungen und durch welche Strategien wird also der Status eines Objekts unsicher? Wie kann es aus den Kontexten herausgelöst werden, in denen die Deutungshoheit weiter bei den Institutionen verbleibt, welche die Verwandlung in ein musealisiertes Artefakt, die artifaction (118) historisch zu verantworten haben? Welche Akteure und Akteurinnen können dabei zur Sprache kommen?

Im zweiten Teil werden eine Reihe von Workshopbeiträgen retrospektiv zusammengefasst, wie zum Beispiel die Beschreibung jenes medialen Dispositivs aus Kamera, Stativ, Tisch und Objekt, das der Wiener Künstler Eduard Freudmann für seine Lecture Performance im Rahmen des von der Gruppe organisierten Wiener Workshops einsetzte; eine Vorgehensweise, die eine "direkte und vermittelte, genaue und reflexive Auseinandersetzung mit den Dingen möglich" macht (187), wie der kurze Text hervorhebt. Der Gegenstand der Performance verbleibt dabei allerdings in Andeutungen, und entzieht somit die Dinge der Auseinandersetzung.

Generell wählt der Sammelband einen Zugang, der die theoretische Reflexion zur Grundlage der Veränderung der Praxis in Museen und Ausstellungen nutzen will. Dies geschieht im direkten Austausch mit Personen, die in unterschiedlichen Funktionen in diesem Bereich arbeiten: Das Buch nimmt ihre Erfahrungen und Beobachtungen zum Ausgangspunkt, und ermöglicht so, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die Frage der Dinge in Sammlungen zu blicken. Neben den Texten von Theoretikern und Theoretikerinnen und Künstlern und Künstlerinnen enthält der Band Beiträge einer Restauratorin, einer Vermittlerin und eines Kurators.

Der Versuch in den Beiträgen sehr unterschiedliche Praktiken und Dingbegriffe zusammenzubringen, mal auf formaler und mal auf inhaltlicher Ebene zu argumentieren, und Erfahrungsberichte aus verschiedenen Institutionen einzubinden, lässt manchmal den Fokus sehr weit werden. Dann werden zwar an Beispielen die Praxen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten deutlich. Eine begriffliche Zuspitzung der Frage nach der Möglichkeit die Dinge dafür zu mobilisieren, ihren objektifizierten Status ins Wanken zu bringen, kommt aber nicht immer zustande. Eher leistet der Band an diesen Stellen einen Einblick darein, dass die drängenden Fragen in der musealen Praxis zum Teil weit von den Problemen der akademischen Diskussion entfernt sind, oder auf diese bereits völlig selbstverständlich pragmatische Antworten gefunden haben.

Wenngleich die Beiträge nicht alle gleichermaßen dicht und elaboriert sind, ist die hier vorgenommene Verzahnung verschiedener Herangehensweisen deshalb essentiell. Sie ermöglicht Brücken zwischen den unterschiedlichen Praxen (einschließlich der Theorieproduktion) und ihren Sprachen zu bauen, deren Effekte im Aufeinandertreffen von oft getrennten Arbeitsweisen gründen. Eher als durchweg ein theoretischer Meilenstein ist der Sammelband eine stark in der Wiener Museumslandschaft verankerte (aber über diese hinausgehende) Wegmarke der kontinuierlichen Arbeit der Gruppe, die eine Etappe eines andauernden Suchprozesses vorstellt. Bei diesem geht es um eine grundlegende repräsentations- und objektkritische Veränderung von Ausstellungspraxen, zu denen der Status der Dinge als ein Aspekt unter vielen gehört.

Lotte Arndt