Rezension über:

Martin Böhm: Die Royal Air Force und der Luftkrieg 1922-1945. Personelle, kognitive und konzeptionelle Kontinuitäten und Entwicklungen (= Krieg in der Geschichte (KRiG); Bd. 91), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 392 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-78240-3, EUR 39,90
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Rezension von:
Bernd Lemke
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Lemke: Rezension von: Martin Böhm: Die Royal Air Force und der Luftkrieg 1922-1945. Personelle, kognitive und konzeptionelle Kontinuitäten und Entwicklungen, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/09/28108.html


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Martin Böhm: Die Royal Air Force und der Luftkrieg 1922-1945

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Die Luftwaffengeschichte im Zeitalter der Weltkriege scheint auf den ersten Blick keine spektakulären Wissenssprünge mehr zu versprechen. In Dekaden der Forschung wurden viele Aspekte analysiert, sodass offensichtlich nur noch wenige Felder unbeackert sind. Folglich muss die Quellenanalyse durch eine methodische Neuausrichtung ergänzt werden, wenn man substanzielle neue Erkenntnisse gewinnen will. Martin Böhm ist diesen Weg gegangen. Er studiert die konzeptionelle, strategische und vor allem auch geistige Entwicklung der Royal Air Force von 1922 bis 1945, das heißt von den Tagen des Air Policing im Irak bis zur Combined Bomber Offensive im Zweiten Weltkrieg. Untersucht werden die strategischen Konzepte, die kognitiven Hintergründe, die (teils öffentlich geführte) Diskussion, die Lehrpläne und insbesondere die strukturelle und personelle Entwicklung in der RAF - alles Themen, die unmittelbar zusammenhängen.

Böhm geht dabei sowohl historisch-genetisch als auch komparatistisch vor. Vor allem der Vergleich ist wichtig und neu, da hier bislang als Standard gesetzte Perspektiven und Ergebnisse relativiert werden. Der Einsatz im Rahmen der Kolonialkriegführung kann, so schien es bislang, überhaupt nicht mit dem industrialisierten Einsatz der schweren Bomber über Deutschland verglichen werden. Die wenigen Staffeln im Irak, häufig einmotorige Doppeldecker, griffen entlegene Dörfer an, während der Zweite Weltkrieg ein Totaler Krieg zwischen hochgerüsteten und hocheffizienten Gesellschaften war, in dem die Luftwaffe ein Mittel zur Apokalypse darstellte und auch Teil eines Forschungskriegs um die beste Ausrüstung (Radar, Motorisierung, Bombentypen, Zielgeräte u. a. m.) gewesen ist.

Die vorgebliche Unvergleichbarkeit hat Martin Böhm nun überzeugend widerlegt. Dies ist ihm dadurch gelungen, dass er den Blick über die technischen und taktisch-operativen Aspekte hinaus gerichtet hat auf eine kontextualisierte Betrachtung der RAF als Organisation und Kriegsmittel. Die RAF, dies ist im Grunde schon länger bekannt, bestand und besteht wie jede moderne Luftwaffe keineswegs nur aus Flugzeugen, Piloten und Bombern, sondern stellt eine komplexe Organisation innerhalb des Staates dar, sie ist gewissermaßen ein Teilorganismus innerhalb des Militärs mit Führungsstrukturen, Konzepten, Kommunikation auf allen Ebenen, Etat, Publikationsorganen u. a. m.

Besonders wichtig erscheint hier die Einbeziehung der Entwicklung geistiger Grundhaltungen, kognitiver Perspektiven, kollektivbiografischer Analysen sowie der Sprache. Ganz entscheidend ist u. a. die Tatsache, dass die RAF, anders als die beiden anderen Teilstreitkräfte, ein viel stärkeres Gewicht auf Rationalität, Effizienz und Kostenreduzierung legte. Dies hing damit zusammen, dass die RAF lange Gefahr lief, von Navy oder Army übernommen zu werden, denen eine eigene Teilstreitkraft Luftwaffe ein Dorn im Auge war, da sie vor allem Luftnahunterstützung für ihre Hauptwaffen benötigten. Die RAF musste daher bis 1945 beweisen, dass sie ein schlagkräftiges und vor allem kostengünstiges Kriegsmittel war. Dies konnte sie im Irak, dem inzwischen klassischen Beispiel für erfolgreiche Aufstandsbekämpfung aus der Luft, beweisen. Parallel zu diesen Einsätzen entwickelte die RAF eine Luftkriegsstrategie, die im Grunde auf den Prinzipien des Einsatzes im Irak basierte ("moral bombing") und sich darauf verlegte, feindliche Gesellschaften, seien es irakische Stämme oder die deutsche "Volksgemeinschaft", mit konzentrierten Luftschlägen friedensbereit zu machen, ohne sie mit verlustreichem Bodenkrieg erobern zu müssen. Dabei erwies es sich bereits im Irak als unmöglich, zivile Verluste zu verhindern. Daraus entwickelte sich dann der unterschiedslose Bombenkrieg, bei dem Tote und Verwundete unter Frauen und Kindern - teils billigend - in Kauf genommen wurden. Entscheidend war nicht das (Über-)Leben der Zivilisten am Boden, sondern die Kosten-Nutzen-Effizienz der Bomber. Böhm kann die Kontinuitäten überzeugend nachweisen. Dies zeigt sich an den zahlreichen und ergiebigen Zitaten und Belegen der Arbeit. Die RAF und ihre Fliegerkräfte setzten sich nicht wirklich mit der Kultur und den humanitären Bedingungen der Gegenseite auseinander, wie etwa ein Kronzeuge, der britische Orientexperte und Führer der Arabischen Legion in Jordanien, John Bagot Glubb, belegt.

Hier kommt dann eine weitere Dimension ins Spiel, die kognitive Ebene. Die Führung der RAF entwickelte nicht nur ein immer wieder aktualisiertes, aber nie wirklich grundlegend geändertes strategisches Konzept, sondern sorgte mittels gruppendynamischer Prozesse dafür, dass dieses insbesondere auch im Offizierkorps nicht in Frage gestellt wurde. Die wenigen Abweichler, wie etwa L. E. O. Charlton, wurden rasch kaltgestellt. Damit entwickelte sich ein Gruppenzwang ("Group Think"), der für den Zusammenhalt einer derartigen Organisation vielleicht nötig ist, gleichzeitig aber nötiges Umdenken bzw. Ergründen von Alternativen weitgehend ausschloss. So ging die RAF im Grunde in Fortentwicklung ihrer Erfahrungen im Irak und - entscheidend - auch mit ehemaligen Irakfliegern an etlichen wichtigen Schalthebeln und Schlüsselposition in den Zweiten Weltkrieg (nicht zuletzt auch Arthur Harris selbst). Der im Irak erworbene und ausgetestete Glaube an das "moral bombing", das Effizienzdenken und die gruppendynamischen Prozesse kreierten ein Mantra ("shared illusions", 351), das in analytischer Hinsicht viel bedeutsamer ist als die offensichtlichen taktischen und technischen Unterschiede zwischen 1922 und 1945. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, dass die RAF, anders als Army und Navy, in erheblich geringerem Maße in den Ersten Weltkrieg involviert war, da sie zu diesem Zeitpunkt erst entstand. Für die Flieger besaßen die Schützengräben in Frankreich nicht die existentielle Bedeutung wie etwa für die Infanteristen. Das Argument, die Luftwaffe könne mit "moral bombing" einen Stellungskrieg wie 1914 bis 1918 verhindern, wurde durchaus verwendet, besaß aber für die inneren Dynamiken der RAF nur relative Bedeutung.

Die Arbeit bietet eine sehr gute Doppelanalyse. Einerseits werden die technisch-taktischen Dimensionen und deren Unterschiede klar aufgezeigt und bewertet. Andererseits liefert sie über die multiperspektivische Analyse der kognitiv-mentalen Zusammenhänge, der Kollektivbiografie und der technisch-ökonomischen Grundhaltung auch eine tiefgehende Darstellung der Beweggründe und Motivationen. Ein besonderes Verdienst sind die reichhaltigen Quellenbelege und -analysen, die auch viele Aspekte zu kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Themen enthalten. Martin Böhm hat eine überzeugende Arbeit vorgelegt, die das Potenzial hat, zu einem Meilenstein in der militärgeschichtlichen Forschung zur Luftwaffe zu werden.

Bernd Lemke