Rezension über:

Eckart Henning: Auxilia Historica. Beiträge zu den Historischen Hilfswissenschaften und ihren Wechselbeziehungen, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, 700 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-412-22430-1, EUR 69,90
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Rezension von:
Julian Schulz
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Julian Schulz: Rezension von: Eckart Henning: Auxilia Historica. Beiträge zu den Historischen Hilfswissenschaften und ihren Wechselbeziehungen, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 7/8 [15.07.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/07/28131.html


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Eckart Henning: Auxilia Historica

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Mit seinem mittlerweile in der dritten Auflage erschienenen Sammelband legt Eckart Henning eine umfangreiche Sammlung eigener Beiträge zu verschiedenen Teilbereichen der Historischen Grundwissenschaften vor. Entgegen dem dezidierten Begriffsplädoyer des Autors für die "Historischen 'Hilfs'wissenschaften" (26-38) wird in der vorliegenden Buchbesprechung der inzwischen von weiten Teilen der Fachöffentlichkeit bevorzugte Terminus "Grundwissenschaften" Verwendung finden. Die aktuelle Ausgabe wurde gegenüber der vorherigen um 14 Beiträge ergänzt und damit um fast ein Drittel ihrer ursprünglichen Seitenzahl erweitert. Sie umfasst nunmehr 37 Aufsätze, die zwischen 1969 und 2014 an unterschiedlichen Orten publiziert worden sind. So vielfältig der Fächerkanon der Grundwissenschaften ist, so facettenreich gestaltet sich der vorliegende Band. Die Beiträge beleuchten weniger die "klassischen" Fächer; vielmehr verhelfen sie einer Reihe an Subdisziplinen zu gesteigerter Aufmerksamkeit, die in traditionellen Lehrbüchern wie auch in neueren Einführungen allzu oft nur am Rande Berücksichtigung finden. Eckart Hennings Beiträge zu Genealogie, Medaillenkunde und Numismatik, Vexillologie (Flaggen- / Fahnenkunden) und Phaleristik (Ordenskunde) erschließen wenig erforschtes Terrain, liefern überfällige Definitionen. Sie stellen somit eine große Bereicherung dar.

Der Sammelband gliedert sich unverändert in sechs Teile. Insbesondere der erste Abschnitt erlangt durch die derzeit intensiv geführte Debatte um die Zukunft des Faches eine gesteigerte Bedeutung. In seinem Beitrag zur aktuellen Lage der Historischen Grundwissenschaften (15-25), der allerdings den Stand von 2003 widerspiegelt, kritisiert der Autor die massive Reduktion der grundwissenschaftlichen Ausbildung an deutschen Universitäten, die zu einem Mangel an potentiellen Nachwuchskräften für kulturbewahrende Institutionen führe. [1] Ein Blick in die Geschichte des Faches (43-55) erklärt manche strukturelle Schwäche und zeigt darüber hinaus, dass die Disziplin mehrfach krisenbehaftete Zeiten (52, für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) gemeistert hat. So scheint auch in der aktuell problematischen Lage die Talsohle durchschritten, zumindest wenn man den Blick von der institutionellen Verankerung hin zu den außeruniversitären Aktivitäten richtet: Die von Eckart Henning als "richtige[r] Ansatz" (6) bewerteten Sommerschulen erleben derzeit einen beeindruckenden Aufschwung. Sie können einen dauerhaften Ausbildungsbetrieb nicht ersetzen, jedoch unterstreichen sie den Bedarf an grundwissenschaftlichen Kompetenzen. [2] "Klios Hilfstruppen" (17) haben sich inzwischen in einer AG Historische Grundwissenschaften (AHiG) zusammengefunden, um die Stärkung des Faches effizienter in der Hochschulpolitik zu forcieren. Auch der wissenschaftliche Nachwuchs hat sich mit dem Netzwerk Historische Grundwissenschaften [3] unter dem Dach der AHiG organisiert.

Ein Grund für diesen neuerlichen Aufschwung ist in der Digitalisierung und den daraus erwachsenden Chancen und Potentialen zu suchen. Es wäre wünschenswert, wenn die jüngst intensiv über H-Soz-Kult geführte Debatte [4] zu den digitalen Herausforderungen für das Fach in einer möglichen Weiterführung des vorliegenden Sammelbandes Niederschlag finden würde. Schon jetzt belässt es Eckart Henning nicht bei der Klage, sondern zeigt in seinem Beitrag zu den "Gemeinsamkeiten der Historischen Hilfswissenschaften. 10 Thesen" (39-42) die dem Fach innewohnenden Stärken (interdisziplinär, wandlungsfähig, universal) auf. Dies verleitet den Autor gar zu der These, dass die Grundwissenschaften "paradoxerweise nützlicher sind als ihre Referenzwissenschaft, die Geschichte" (41). Die folgenden grundlegenden Beiträge und Detailstudien sind zweifellos ein guter Beweis dafür, dass sich das Fach nicht mit dem Klagen über die schwierige Situation abfinden sollte; vielmehr gilt es die Bedeutung für angrenzende Disziplinen durch gehaltvolle Studien zu unterstreichen. Dies gelingt Eckart Henning in besonderer Weise. Die versammelten Beiträge bestechen durch ihre verständliche und kurzweilige Art, deren Lektüre für Kenner des Faches wie für Außenstehende gleichermaßen eine Bereicherung darstellt. Da die Aufsätze der ersten beiden Ausgaben bereits Gegenstand zahlreicher Buchbesprechungen waren (Auflistung 7f.), sollen vornehmlich die neu hinzugekommenen Texte Erwähnung finden.

Der zweite Teil des Sammelbandes (121-252) widmet sich der Aktenkunde (121-143) und der ihr angegliederten Titulaturenkunde. Letztere wird mit einer neuen Studie zur An- und Aberkennung akademischer Titel (190-206) bedacht, in der sich nicht nur die aktuelle Plagiatsdebatte wiederfindet, sondern auch systematische Formen der Aberkennung wie zu Zeiten des Nationalsozialismus und der DDR. Erstmals findet auch die Autografenkunde Eingang in die Auxilia historica. Handschriftliche Erzeugnisse bekannter Persönlichkeiten stellen bis heute ein Sammelgebiet dar, welches zunächst in seinen Grundzügen dargestellt wird (207-223). Darauf aufbauend werden Überlegungen zum materiellen und ideellen Wert des Sammelobjekts angestellt (224-236).

Eine Erweiterung erfuhr auch der Abschnitt zur Genealogie (255-297). Eine tour d'horizon widmet sich ausführlich der wechselhaften Geschichte des Faches und seiner verschiedenen Teilbereiche (255-273). An die Stelle des in der 2. Auflage befindlichen Kurzbeitrags zur Verleihung der Bardeleben-Medaille an Armin Wolf tritt mit dem "Geleitwort zu Armin Wolfs ausgewählten Aufsätzen" (286-290) eine ausführliche Würdigung des verdienten Genealogen.

Die wohl umfassendsten Veränderungen betreffen den vierten Teil (301-423), der um vier Beiträge zur Heraldik ergänzt wurde. Der einleitende Artikel "Wappen" (314-328), in dem ihre Herkunft und heraldische Grundkenntnisse vermittelt werden, wurde überarbeitet und um die "Berliner Erklärung über heraldische Gestaltungsgrundsätze" (327f.) erweitert. Gestrichen wurde der Beitrag zu Hans Heinrich Reclam zugunsten dreier, die gesamte Disziplin der Heraldik betreffende Studien: Neben einer Rückschau auf die Vereinstreffen des "Herold" (376-392) und einem Aufsatz zu dessen Begründer, Friedrich Warnecke (393-405), stellt "Der 'doppelte' Herold" (406-423) die wechselvolle Wissenschaftsgeschichte des Vereins für Heraldik und Genealogie vor, die eng mit Ottfried Neubecker und Jürgen Arndt verbunden ist.

Während der fünfte Teil des Bandes zur Sphragistik (427-511) unverändert blieb, wurde der sechste und letzte Abschnitt erheblich erweitert. Zunächst beschreibt Eckart Henning in "Quellenwert der Bilder" (515-537) die im Wandel begriffene Einstellung der Historiker gegenüber bildlichen Quellen. In den Stand einer Grundwissenschaft erhebt der Autor die Historische Bildkunde nicht. Neben Beiträgen zur Numismatik und ihren Wechselbeziehungen zu anderen Disziplinen (Genealogie 578-592; Heraldik 593-602) liefert der Band eine Detailstudie zur Medaillenkunde: Die Geschichte der Harnack-Medaille der Kaiser-Wilhelm- bzw. Max-Planck-Gesellschaft (556-577) skizziert eindrucksvoll die Historie der Institution und die Persönlichkeit der Preisträger. Auf den einschlägigen Aufsatz zur Vexillologie mit seiner Unterscheidungsmatrix (610) für Fahnen und Flaggen folgt die Auseinandersetzung mit der Phaleristik. In einem neu hinzugekommenen Beitrag (624-639) wird der Mehrwert der Ordens- und Ehrenzeichenkunde für andere Fachbereiche (wie Genealogie, Kunstgeschichte bis hin zur Sozialpsychologie) erörtert.

Abgerundet wird der Band durch das Schriftenverzeichnis des Autors (655-700), welches die stattliche Anzahl von 424 Titeln (seit der 2. Auflage inklusive der Buchbesprechungen) umfasst. Seit 2005 sind 121 Einträge hinzugekommen. Der Auflistung geht das Curriculum vitae des Autors voran, in dem gleich einer "Bibliographie raisonnée" (640) zahlreiche Veröffentlichungen in den Kontext seines wissenschaftlichen Werdegangs gesetzt werden.

Die reichhaltige Sammlung spiegelt ein unermüdliches Forscherleben wider. Das Werk Eckart Hennings ist für die Historischen Grundwissenschaften im Allgemeinen und für zuweilen vernachlässigte Fächer ihres facettenreichen Kanons im Besonderen von großem Wert. Möge es als Impulsgeber in der aktuellen Diskussion um das Fach dienen. Es bleibt zu hoffen, dass in einer - begrüßenswerten - vierten Erweiterung des vorliegenden Bandes bereits ein positiveres Bild zur "Aktuellen Lage" gezeichnet werden kann.


Anmerkungen:

[1] Ebenso das Positionspapier von Eva Schlotheuber / Frank Bösch: Quellenkritik im digitalen Zeitalter. Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer, http://www.historikerverband.de/verband/stellungnahmen/quellenkritik.html.

[2] Siehe Übersicht bei Johannes Waldschütz: Hilfswissenschaftliche und mediävistische Sommerkurse 2016, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 08.04.2016, http://mittelalter.hypotheses.org/7992.

[3] Plattform der AHiG: http://www.ahigw.de/ mit angegliedertem Nachwuchsnetzwerk: http://www.ahigw.de/nachwuchsnetzwerk.

[4] Für die über 20 Debattenbeiträge siehe Diskussionsforum: Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung, in: H-Soz-Kult, 15.11.2015, http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890.

Julian Schulz