Rezension über:

Monique Goullet: Corpus Christianorum: Hagiographies VI. Histoire internationale de la littérature hagiographique latine et vernaculaire en Occident des origines à 1550, Turnhout: Brepols Publishers NV 2014, 918 S., ISBN 978-2-503-54747-3, EUR 315,00
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Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Monique Goullet: Corpus Christianorum: Hagiographies VI. Histoire internationale de la littérature hagiographique latine et vernaculaire en Occident des origines à 1550, Turnhout: Brepols Publishers NV 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 7/8 [15.07.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/07/26131.html


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Monique Goullet: Corpus Christianorum: Hagiographies VI

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Wie bei allen Langzeitunternehmen, so auch hier: manchmal hakt es. Editoren wechseln, Beiträger liefern sehr viel später als vereinbart (oder überhaupt nicht), Vorgaben des Verlags ändern sich. Auch bei den "Hagiographies" - genauer: "Histoire internationale de la littérature hagiographique, latine et vernaculaire, en Occident des origines à 1550" - weiß man davon ein Lied zu singen. Dass deshalb 2014 der sechste Band dieser Reihe erscheinen konnte, nötigt Bewunderung ab. Zu verdanken ist dieser Kraftakt der Herausgeberin Monique Goullet, Forschungsdirektorin beim CNRS, die nach dem Rückzug von Guy Philippart im Jahr 2010 das etwas ins Schlingern geratene Projekt übernahm. War es Philippart, dem ausgewiesenen Experten für hagiographische Literatur des Mittelalters, gelungen, im Zeitraum von 16 Jahren fünf mehr oder minder schwergewichtige Bände zu veröffentlichen - Band vier und fünf umfassen zusammen mehr als 1600 Seiten -, zeichnet Goullet nun für die Endphase verantwortlich. Der hier zu besprechende sechste Band ist als der vorletzte der Reihe konzipiert.

Worum geht es bei diesem Editionsprojekt, in dessen Zentrum nicht die Heiligen bzw. ihr Kult, sondern die Hagiographen stehen? Die Antwort ist einfach: das Werk ist im Grunde nichts anderes als ein gigantisches Prolegomenon für einen (in absehbarer Zukunft) zu schreibenden Band über hagiographische Quellen in der Reihe der Typologie des sources du Moyen Age occidental. Denn eine Überblicksdarstellung über die Grundzüge hagiographischer Literatur im Mittelalter existiert trotz aller Forschungsanstrengungen - pace Société des Bollandistes - noch nicht. Die Gründe hierfür sind einfach zu benennen. Zunächst schreckt der ungeheure Umfang des Forschungsgebiets - sowohl zeitlich als auch geographisch. Eine longue durée von weit über tausend Jahren ist nicht unbedingt leicht beherrschbar. Hagiographische Literatur, die aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen stammt und sich sowohl lateinisch als auch volkssprachlich in disparaten Formen präsentiert, ist es ebenso wenig. Hinzu kommt (man wird es wohl so sagen müssen), dass die Hagiographie niemals den Sprung in den illustren Kreis der "großen" Literatur geschafft hat. Und schließlich "leidet" die Erforschung hagiographischer Literatur unter der starken Fokussierung auf die Heiligen selbst bzw. ihre Kulte - das beste Beispiel hierfür liefern die Bände der Acta sanctorum mit ihrem Schwerpunkt auf der Rekonstruktion (samt der energischen Befreiung von Legendenballast) der jeweiligen "Heiligenvita".

In der Einführung zum ersten Band der Reihe definierte Philippart sein Forschungsgebiet folgendermaßen: "Pour nous, la littérature hagiographique, c'est tout simplement celle qui est consacrée aux saints." [1] Eine Definition, die so einfach und konzise wie breit ist. Um die jeweiligen Bearbeiter deshalb nicht unter der Last des Materials zusammenbrechen zu lassen - eine Gesamtdarstellung allein der hagiographischen Literaturproduktion in Frankreich würde wohl einige Jahre in Anspruch nehmen -, wurden beherrschbare zeitliche und geographische Einheiten geschaffen. Man mag es zwar bedauern, dass sich deshalb einzelne geographische Räume in unterschiedlichen Bänden behandelt finden, doch war organisatorisch wohl kaum eine andere Lösung möglich. Hier nur ein Beispiel: die Beiträge zur Hagiographie in lateinischer Sprache für das deutsche Gebiet ("aire germanique") sind allein auf vier Bände verteilt. Unpraktisch, sicher, aber vertretbar.

Im hier vorliegenden sechsten Band finden sich gewichtige Beiträge zu Süditalien (1266-1517) von Rosa Manfredonia und Umbrien (1130-1500) von Edoardo D'Angelo. Letzterer ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil nun endlich die Zeit der Bettelorden (und dies in ihren zentralen Verbreitungsgebieten) in den Fokus der Darstellungen rückt. Dietrich Briesemeister richtet in seinen hervorragenden Beiträgen den Blick auf den spanischen und portugiesischen Raum im späten Mittelalter (1350-1500). Er wählt dafür die spanische Sprache, was der weiteren Erwähnung kaum wert wäre, gäbe es hierfür nicht einen traurigen Grund, auf den die Herausgeberin in ihrem Vorwort hinweist: "L'auteur a jugé que sa langue maternelle, l'allemand, découragerait sans doute plus d'un lecteur." (14) Schade. Das Spanische entmutigt im Umkehrschluss also nicht "plus d'un lecteur"? Dem Rezensenten will sich nicht recht erschließen, weshalb es in der Mediävistik immer seltener gelingt, dem Prinzip des "Jeder in seiner Sprache" größere Geltung zu verschaffen, zumal in dezidiert international konzipierten Unternehmungen wie dem vorliegenden. Immerhin ist im selben Band Monika Rener mit Ausführungen zur Hagiographie im deutschen Raum (1125-1220) vertreten. Wird ihr Artikel allein deshalb, weil er auf Deutsch verfasst wurde, verhaltener rezipiert werden? Wohl kaum, zu wichtig sind ihre Gedanken zu den (heiligen) Bischöfen der gregorianischen Reform, zu Klostergründern wie Gottfried von Cappenberg und Wilhelm von Hirsau oder zu Frauen wie Hildegard von Bingen oder Elisabeth von Schönau.

Für den französischen Raum sind drei substantielle Beiträge zu vermelden: Während sich Christophe Baillet und Patrick Henriet in ihrem Beitrag den Kirchenprovinzen Bordeaux, Auch und Narbonne zuwenden (1130-1350), behandelt Anne-Marie Bultot-Verleysen das Gebiet Aquitaniens (750-950) und ergänzt den bereits im ersten Band der "Hagiographies" erschienenen Artikel zum Midi um weitere 70 Seiten. Diese Ergänzung zeugt vom ungebrochenen Forschungs- und Editionseifer der französischen Wissenschaft in den vergangenen 20 Jahren. Auch in manch anderem Beitrag finden sich - in Unterkapiteln versteckt - z.T. umfangreiche Addenda. Von großem Interesse ist der Abschnitt über einen besonderen Fall "d'inter-régionalisme hagiographique": das Dossier über den Hl. Saturninus, Bischof von Toulouse. Und der Reichtum an hagiographischen Schriften, die aus den Diözesen von Limoges, Cahors oder Rodez stammen, lässt einen ebenso erstaunen wie das Faktum, dass das Gros der Bischöfe und Mönche über eremitische Erfahrungen verfügte. Einige Dossiers überzeugen nicht zuletzt auch aufgrund ihrer literarischen Qualitäten, so die Viten des Benedikt von Aniane, des Philibert de Jumièges oder des Didier de Cahors.

Jeffrey Robert Webb steuert einen Beitrag zur Diözese Lüttich (950-1130) bei und demonstriert dabei eindrücklich, wie stark in dieser Diözese romanische und germanische Elemente miteinander verwoben waren. Die dort beheimateten geistlichen Institutionen jedenfalls gehörten - hier ist Webb unbedingt zuzustimmen - zu den "most prolific producers of hagiography throughout the Middle Ages" (809). Namen bzw. Orte wie Stavelot-Malmedy, Gembloux, Nivelles oder St-Truiden und St. Servatius (Maastricht) sprechen für sich.

Der abschließende siebte Band wird hoffentlich in absehbarer Zeit erscheinen. Erst dann kann der Wunsch der Initiatoren des Projekts in Erfüllung gehen: die Abfassung einer Gesamtdarstellung zur Hagiographie des Mittelalters. Der Preis der einzelnen Bände mag zunächst prohibitiv erscheinen: jede Universitäts- und Seminarbibliothek sollte jedoch die Anschaffung der Reihe erwägen. Etwas Besseres ist auf dem Markt derzeit nicht zu finden.


Anmerkung:

[1] Hagiographies I (Corpus Christianorum, Hagiographies, 1), hg. v. Guy Philippart, Turnhout 1994, 13.

Ralf Lützelschwab