Rezension über:

Elisabeth Gruber: "Raittung und außgab zum gepew". Kommunale Rechnungspraxis im oberösterreichischen Freistadt. Edition und Kommentar der Stadtgrabenrechnung (1389-1392) (= Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; Bd. 14), Wien: Böhlau 2015, 243 S., ISBN 978-3-205-79631-2, EUR 59,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Christian Speer
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Christian Speer: Rezension von: Elisabeth Gruber: "Raittung und außgab zum gepew". Kommunale Rechnungspraxis im oberösterreichischen Freistadt. Edition und Kommentar der Stadtgrabenrechnung (1389-1392), Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/06/27306.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Elisabeth Gruber: "Raittung und außgab zum gepew"

Textgröße: A A A

Der von Elisabeth Gruber vorgelegte Quellenband ist die umfangreiche Überarbeitung bzw. Ergänzung ihrer Dissertationsschrift [1], die in mehr als nur einem Kommentar die Stadtgrabenrechnungen (1389-1392) umfassend kontextualisiert. Nach einer kurzen Einleitung zu Inhalt und Konzept des Buches wird die für das Verständnis der Überlieferung wichtige Geschichte des Freistädter Archivs, seiner Bestände und Erschließung dargelegt (13-15). Es folgt ein Abriss zur Stadt- und Historiographiegeschichte sowie zur Verfassungsgeschichte der Stadt (15-20). Gruber setzt ihren Text mit der Erläuterung der wirtschaftlichen Grundlagen, nämlich dem Handel von Salz, Eisen, Getreide und Wein fort (20-23), um danach das Verhältnis zum Landesfürsten als Stadtherrn näher zu beleuchten. Im Folgenden wird nach generellen Ausführungen zur Entwicklung von Formen und konstruktiven Grundlagen städtischer Befestigungen sowie deren Finanzierungsmöglichkeiten der Freistädter Stadtgrabenbau thematisiert, der vor allem aus der vom Landesfürsten gepachteten Ungeldeinnahme sowie aus Geld- und Sachmitteln des Bürgerverbandes finanziert wurde (26-30). Wie diese Ungeldeinnahme konkret funktionierte und welches Schriftgut dabei produziert wurde, erläutert die Autorin auf den folgenden Seiten (31-37). Dabei stellt sie auch die methodischen Herausforderungen und Probleme dar, die der Quellentyp Rechnung mit sich bringt, der - wenn er nur als Reinschrift vorliegt - einen Informationsverlust bedeutet, wenn die zu Grunde liegende Zettelwirtschaft nicht erhalten ist.

Das größte Kapitel widmet sich der "Baustelle Stadtgrabenbau" (37-77). Gleich zu Anfang wird betont, dass die Auswertung der Ungeld- respektive Stadtgrabenrechnungen nur einen Teil der tatsächlichen ursprünglichen Gesamtausgaben abdeckt (39) und damit auch nur eine Facette des komplexen Stadtgrabenbaus ausgewertet und dargestellt werden kann. Nach dieser Sensibilisierung des Lesers werden die Baumeister als "Inspektoren und Rektoren des Baus" (40) vorgestellt. Hier werden Zuständigkeiten und Tätigkeitsfelder umrissen, ein tabellarischer Überblick zu den 42 namentlich nachgewiesenen Baumeistern gegeben und anschließend Biogramme derselben präsentiert, die (mangels anderer Quellen) vor allem auf der Grundlage von Urkunden erstellt wurden.

Die für den Zeitraum von drei Jahren hohe Zahl an Baumeistern erklärt Gruber damit, dass die Verantwortung für bestimmte Bauabschnitte reihum unter den Bürgen weitergereicht wurde (40). Des Weiteren weist sie darauf hin, dass die Zahl der Baumeister der Zahl der Maueranrainer nahe kommt, was auch auf Grundlage bauarchäologischer Befunde anderer Städte darauf hinweisen könnte, dass die Bürgerpflicht, zum Bau und Erhalt der Stadtmauern beizutragen, auch unmittelbar am jeweils eigenen Grundstück umgesetzt worden sein könnte. "Ein fest institutionalisiertes Bauamt" (41) gab es in Freistadt aber nicht. Will man allerdings den hier und an anderen Stellen gebotenen Zitaten oder Hinweisen auf Fundstellen in den Stadtgrabenrechnungen nachgehen, führen die Fußnoten nicht zu den Seitenzahlen der von Gruber vorgelegten Edition, sondern unverständlicherweise zur Handschrift der Stadtgrabenrechnungen im Oberösterreichischen Landesarchiv.

Den Biogrammen folgen Kapitel zu den Bauphasen sowie Kosten und Kostenstellen, in denen exemplarisch die Arbeitsschritte einzelner Bauabschnitte sowie Aspekte von Organisation, Material-, Zeit- und Geldaufwand erläutert werden. Eine genaue Kostenanalyse zeigt, dass 52% der Ausgaben für Personal, 33% für Transport, aber nur 14% für das Material und 1% für Sonstiges ausgegeben wurden (60). Gruber relativiert diese Zahlen wieder mit dem Hinweis, dass in den Stadtgrabenrechnungen ja nur die Einnahmen aus der Ungeldpacht verrechnet wurden und andere Ausgaben der Stadt für den Bau oder Materialgaben der Bürger nicht berücksichtigt werden konnten, weil sie nicht dokumentiert wurden bzw. sich nicht erhalten haben.

Als Ergänzung des schriftlichen Quellenmaterials folgen zwei Kapitel zu bauarchäologischen Aspekten der Freistädter Stadtmauer (78-103). Während Gruber einleitend die bau- bzw. archäologiehistorische Forschungsgeschichte referiert, liefert der zweite Beitrag von Thomas Kühtreiber, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko eine bauarchäologische Bestandsaufnahme. Bereits Gruber weist darauf hin, dass sich die von der älteren Forschung konstruierte baugeschichtliche Entwicklung aus Sicht der Archäologie nicht nachvollziehen lässt und die Bauforscher ergänzen, dass die "materielle Gegenprobe einer bauarchäologischen Erstaufnahme" (96) die Befunde aus den Stadtgrabenrechnungen nicht bestätigt, wohl vor allem deshalb, weil die noch heute sichtbaren Bauteile in das "fortgeschrittene 15. Jahrhundert datiert werden" (97) - somit bleiben "grundlegende Fragen offen" (103).

Die Edition der "Stadtgrabenrechnungen 1389-1392" schließt sich an (105-158). Sie wird von der Darlegung der Editionsrichtlinien und der Handschriftenbeschreibung eingeleitet, wo allerdings von den Sonderrechnungen der Jahre "1390-1393" (106) geschrieben wird. Nicht ganz klar - weil nicht erklärt - wird die innere Chronologie der Einträge, die man bei der Beschreibung der Handschrift hätte erläutern sollen. Es findet sich im Anmerkungsapparat der Edition zum Beispiel kein Hinweis, warum die Einträge auf pag. 3 der Handschrift (42, 109) in das Jahr 1389 datiert werden, obwohl das letzte unmittelbar vorausgehende Datum mit 1391 angeben wird.

Den letzten Teil des Buches bildet eine ausführliche Analyse und Beschreibung der 14 Bände der Freistädter Rechnungsbücher von 1386 bis 1487 (159-196), die auf diesem Wege für weitere Forschungen einen leichteren Zugang bieten will. Es folgen die üblichen Verzeichnisse und Register sowie ein Stadtplan des spätmittelalterlichen Freistadt (226).

In Gänze betrachtet kann man Grubers Werk als eine mustergültige Bearbeitung und Kontextualisierung des Quellentyps Rechnung an einem konkreten Beispiel bezeichnen. Neben dem auf den Stadtgrabenbau fokussierten Interesse werden immer auch weiterführende Aspekte in methodischer und inhaltlicher Sicht angesprochen und Fehlstellen der Rechnungsüberlieferung durch das Einbeziehen weiterer schriftlicher und archäologischer Quellen ergänzt, geprüft oder in Frage gestellt. Des Weiteren werden die gewonnenen Befunde immer mit denen anderer Städte verglichen und sorgsam vor dem Hintergrund der spezifischen Überlieferungssituation gewichtet und beurteilt. Durch die Edition der Stadtgrabenrechnungen, die wahrlich kein leicht zu handhabender Stoff sind und die ausführliche Beschreibung weiterer Rechnungsbände aus dem Freistädter Stadtarchiv wird sich hoffentlich der Wunsch der Autorin erfüllen, weitere Forschungen anzuregen.


Anmerkung:

[1] Elisabeth Gruber: "... von erst ist geschehen ain gemaines aussgebn miteinander". Öffentliches Bauen in einer österreichischen Kleinstadt im Spätmittelalter am Beispiel der Stadtgrabenrechnung Freistadt 1389-1392, Dissertation Salzburg 2001.

Christian Speer